Interviews

The Cinematics – Interview

Das Quartett The Cinematics aus Glasgow, um Frontmann Scott Rinning erlebt derzeit so etwas wie einen zweiten Karrierestart. Nachdem durch die Pleite ihres ersten Labels beinahe bereits nach dem ersten Album Schluss mit der Karriere war, rauften sich die Jungs zusammen und begannen die Arbeit an neuen Songs. Die mündeten im zweiten Studioalbum „Love and Terror“, dass The Cinematics mit einer zugehörigen Vorabtour ordentlich promoten wollten. Bei ihrem Abstecher nach Münster trafen wir sie dann zum Gespräch, um mit Scott über das neue Album, die Probleme beim ersten und die Pläne von The Cinematics in den nächsten Monaten zu sprechen.

Ihr habt euer zweites Album „Love and Terror“ jetzt ganz allein produziert, wie kam es dazu und wie waren die Aufnahmen?

Scott: Nun, das erste Album haben wir mit Stephen Hague, der bereits mit New Order und Blur gearbeitet hat, aufgenommen. Da waren wir in einem großen Studio auf dem Land. Das war schon beeindruckend, alles so groß, teuer und auch ein wenig einschüchternd. Wir waren alle sehr jung und es hat uns quasi weggeblasen. Das war gut, aber. Das hat manchmal dazu geführt, dass wir uns etwas zu sehr von den Menschen haben beeinflussen lassen, mit denen wir am Album gearbeitet haben, wodurch manche Songs dann nicht so wurden, wie wir sie uns eigentlich vorgestellt hatten. So entsprach das Album am Ende nicht ganz unseren Erwartungen. Es ist ein tolles Album, hat tolle Besprechungen bekommen und wir sind auch weitestgehend damit zufrieden, aber dieses Mal war es besser. Dazu kam es auch ein wenig wegen der Geschichte unserer Band. Wir waren bei diesem amerikanischen Label TVT Records, die sind pleite gegangen. Das lag an diesem inneren Zwang der Inhaber, Leute zu verklagen und irgendwann kam jemand auf die Idee die Inhaber zurück zu verklagen. Das konnten die sich dann nicht leisten und plötzlich standen wir wieder ohne Label da. Jetzt sind wir bei The Orchard. Aber während dieser großen Leere dazwischen haben wir unsere Situation überdacht. Wir waren jetzt unabhängig in unseren Entscheidungen, dachten uns, wir haben das mit dem Produzieren doch schon einmal gemacht, warum sollten wir das nicht also selbst tun. Wir haben Songs geschrieben und sie sind so geworden, wie wir wollten. Der Hauptgrund für die Eigenproduktion war dann eben diese Zeit, in der wir Songs schrieben, von denen wir uns nie sicher waren, ob die noch jemand außer unseren Nachbarn jemals zu hören bekommen wird.

Davon haben wir dann Demos aufgenommen und darauf soviel Zeit und Mühe verwendet, dass wir, als es darum ging das Album aufzunehmen, entschieden haben das selbst zu tun. The Orchard fragte, wo und mit wem wollt ihr das machen? Wir haben uns gedacht, wir haben die Songs doch schon, da ist es doch sinnlos, einfach Geld für so etwas zu verschleudern. So landeten wir dann in einem Studio in Glasgow und haben alle Songs mit professioneller Technik eingespielt, um die Drums und ein paar Kleinigkeiten zu optimieren. Die Zeit war auch insgesamt eine tolle Erfahrung trotz der Unsicherheit. Wir hingen lange in Pubs rum, tranken Bier und trafen uns zu Sessions. Das war natürlich auch viel Arbeit, die vor allem von Larry übernommen wurde. Dabei hätte ihn fast seine Freundin verlassen, einmal saßen wir nach einem Tag voller Arbeit nachts noch im Pub und er bekam eine SMS, in der stand „deine Gitarre steht hier neben der Tür, wo treibst du dich rum, du…“. Es ist kein leichter Job, ein Produzent hat viel zu tun. Larry hat auch ein kleines Studio und versteht einiges von der Technik, so dass wir letztlich genau das bekommen haben, was wir wollten. Die Erfahrung ist auch viel intensiver, wenn du kein Label hast, das versucht dich in allem zu beeinflussen und dir einredet, „ihr müsst die Gitarren da lauter machen“ und zu Videos sagt, „Hey, ihr müsst diesen Typen ins Video nehmen“. Ich würde sagen es ist ein echtes The Cinematics Album, ehrlich, ohne kommerziellen Scheiß, sondern genau das, was wir wollten.

Denkst du, mit eurem zweiten Album habt ihr es schwerer in der Presse, als mit eurem ersten, weil der Newcomer-Bonus nun weg ist?

Scott: Ja, guter Punkt. Gerade in Großbritannien ist ein Debüt-Album immer interessanter, als das zweite. Das ist ein wichtiger Aspekt für die Medien. Die wollen immer das Neueste haben, da sind Debüt-Alben immer interessant. Für etablierte Bands interessieren die sich nicht so. Glücklicherweise werden aber die Online-Medien immer wichtiger und denen gelingt es ganz gut, sowohl interessante Dinge über etablierte Bands und auch Newcomer zu schreiben. So beschränkt sich die britische Szene nicht mehr so auf den NME und andere Printmedien. Du bist auf die nicht mehr so angewiesen, besonders, wenn du dir durch tolle Songs und gute Live-Performances einen Ruf erspielst. Aber ich denke auch, dass unser erstes Album nie richtig wahrgenommen wurde in England, so dass sich das neue nun etwas wie ein zweites erstes Album anfühlt, da TVT auch in der Promotion damals total versagt hat.

Auf „Love and Terror“ habt ihr diesen Songs „Moving To Berlin“, wann setzt ihr das in die Tat um?

Im Januar.

Ah, deshalb auch dieses Buch (Langenscheidt – Deutsch in 30 Tagen) in eurem Van? Wie weit seid ihr schon mit eurem Deutsch?

Scott (lacht): Ganz ehrlich, ich habe erst die ersten vier Seiten gelesen. Ich kann „Hallo“ und „Wie geht’s“ sagen. Mein Deutsch ist ganz schrecklich, ich habe mich auch in der Schule für Französisch entschieden, das ist jetzt ein Problem. Ich fühle mich auch immer schlecht, wenn ich in ein anderes Land komme und die Sprache nicht kann, wobei andersrum jeder Englisch kann. Also, ich bemühe mich Deutsch zu lernen, aber eure Grammatik ist echt Quatsch. Und eure Zahlen. Statt Sixty Five sagt ihr Fünf und Sechzig, das ist doch verkehrt rum, das macht doch gar keinen Sinn.

Im Moment ist eure Heimatbasis ja noch Glasgow, wie sehr spiegelt sich die Stadt in eurer Musik wieder?

Scott: Also Glasgow ist natürlich für die Band wichtig, weil wir uns da zusammen gefunden haben. Drei von uns kommen ja aus Inverness in den Highlands, aber sind dann nach Glasgow gezogen, um zu studieren. So am Anfang des Jahrzehnts war es eine tolle Stadt, die Stadt, wo du sein musstest. In den 80ern gab es ja die große Wirtschaftskrise in Glasgow. Die ganzen leer stehenden Lagerhäuser sind jetzt Ateliers und es gibt viele Venues und Clubs. Das zieht Bands an und formt eine Szene. Musikalisch spiegelt sich das nicht wieder, aber im Bandgefüge, wir sind geprägt von diesem Zusammenhalt und diesem Vibe des Aufbruchs, der in der Szene war. Das ist auch in Berlin so, deshalb wollen wir da hin. Die Themen auf dem Album hätten sich auch in anderen Städten so gefunden. Es geht um das Ende von Beziehungen, das Überleben als Band und Themen, die mich bewegen.

Wie etwa die Wirtschaftskrise?

Scott (lacht): Ihr spielt auf „Wish (When The Banks Collapse)“ an. Der Song ist witzigerweise entstanden, bevor dieser Zusammenbruch der Banken passiert ist. Larry hat immer gepredigt, irgendwann wird das passieren. Es geht um die Heuchelei reicher Leute und diese antikapitalistischen Proteste am 1. Mai. Die rennen da rum, stammen häufig aus guten Elternhäusern und schreien „nieder mit den Banken!“. Larry und ich dachten uns, die sind doch bescheuert. Keiner will, dass die Banken zusammenbrechen, da hängt doch die ganze Welt dran. Es geht nicht um den Zusammenbruch, sondern um dieses seltsame Verhalten der Antikapitalisten.

Mit diesem Thema habt ihr ja doch einen sehr aktuellen wirtschaftlichen Bezug. Welche anderen aktuellen Themen beeinflussen dich?

Scott: Also, wenn ich auch Tour bin, dann blende ich aktuelle Geschehnisse eigentlich grundsätzlich aus. Ich lebe dann in einer Blase, da mich diese Wirtschaftskrise, der Klimawandel und solche Dinge sonst sehr beschäftigen. Ich würde aber nicht hingehen und darüber schreiben, das sind nicht The Cinematics. Was mich zum Schreiben inspiriert sind Bücher. Ich habe dann immer Zeilen aus Büchern, über die ich auf Songideen komme.

Aha. Würden zu The Cinematics nicht besser Filme passen?

Scott (lacht): Ähm, ich bin kein großer Film-Fan, obwohl einige der Bücher, aus denen ich Ideen übernommen habe sicher schon verfilmt wurden. Ich sehe selten fern und gehe ins Kino.

Der letzte Film, den du gesehen hast?

Scott: Brüno. Ich weiß (lacht).

Da werden ja einige Klischees bedient. Was denkst du ist das schlimmste, aber auch wahrste Klischee über euch Schotten?

Scott: Hmm, das traurigste ist, dass alle wahr sind. Es ist nicht so wie in Deutschland, wo du hinkommst und merkst, keine Sau hier trägt Lederhosen und Dirndl. In Schottland tragen wir auch nicht alle Kilt, aber der Rest ist wahr. Schotten sind extreme Rowdys und eigentlich immer betrunken. Als ich hierher kam und merkte, dass Leute trinken und trotzdem gerade nach Hause gehen können. In Glasgow gibt es eine Straße mit Bars und um 3 Uhr nachts, wenn die schließen, dann hast du überall Betrunkene, die auf allen vieren nach Hause kriechen, rumpöbeln und sich schlagen. Aber, ich bilde mir auch ein, wir Schotten sind sehr freundlich und offen, das haben mir schon viele bestätigt.

Noch etwas zu „Love and Terror“, im zugehörigen Pressetext heißt es, ihr wäret sehr von Jeff Buckley beeinflusst gewesen. Stimmt das?

Scott: Oh, nein. Ich kann eine tolle Jeff Buckley Interpretation, aber musikalisch hat das wenig mit The Cinematics zu tun. Das liegt wohl daran, dass ich als Student, drei Monate, als Straßenmusiker gelebt hab und da auch viel von Jeff Buckley gespielt hab. Das haben die von der Presse dann wohl aufgenommen und jetzt auch der Band angedichtet.

Viele sagen ja, ihr würdet wie Editors klingen, oder sogar, euer neues Album sei die bessere Alternative zum neuen Editors Album. Würdest du zustimmen?

Scott: Ja, das ist eine witzige und zugleich traurige Sache. Wir fingen als Bands etwa zur gleichen Zeit an und trafen uns auch, bevor wir beide ein Album raus hatten. Damals spielten wir auch ein paar Konzerte zusammen und ich dachte mir, wow, die spielen ja auch so einen dunklen Wave-Sound. Wenn Leute jetzt kommen und sagen, wir klingen wie die Editors, finde ich das schon eher seltsam, weil wir uns unabhängig voneinander so entwickelt haben. Leider wird uns der Vergleich aber wohl immer begleiten.

Super, danke dir soweit, wir freuen uns auf die Show.

Scott: Danke euch.

The Cinematics on Tour

19. November, Bremen, Tower
20. November, Halle, Klub Drushba Halle
21. November, Stuttgart, Universum
23. November, Köln, Gebäude 9
24. November, Wiesbaden, Schlachthof
26. November, Freiburg, Waldsee
27. November, Augsburg, Kantine
28. November, Hannover, Cafe Glocksee
24. Februar, Osnabrück, Glanz und Gloria

Foto 1: Myspace der Band, Rest Ariane WhiteTapes, mehr hier

Discussion

Comments are closed.

Archive