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Pitchtuner – Tourtagebuch Pt. 3

12. Chongqing

Die letzte Etappe in China ist für uns besonders interessant, da wir bis jetzt meistens einen chinesischen Betreuer oder Betreuerin zu Seite hatten. Seit der Taxifahrt zum Flughafen sind wir ab jetzt auf uns alleine gestellt. In Chongqing angekommen, können wir sofort einen Linienbus ausfindig machen der uns ins Zentrum von Chongqing bringt. Bei der Fahrt wird mir erst mal bewusst, wie groß diese Stadt ist! Die Metropolregion zählt fast 8 Mio Einwohner, das gesamte Stadtgebiet umfasst sogar 32 Mio Menschen. Hier leben mehr Leute als in Australien! Da sich der Stadtkern auf der Halbinsel zwischen den beiden Flüssen Jangtse und Jialing befindet, ist die Baufläche sehr begrenzt, was zur Folge hat, dass es hier von Hochhäusern nur so wimmelt.

In Chonqing City angekommen sprechen uns sofort ein paar Männer an, die nicht sehr vertrauenserweckend aussehen. Eine Frau bekommt das mit und ist so nett uns erst mal von hier weg zu lotsen, worüber die Männer weniger erfreut sind. Sie überredet ihren Mann kurzerhand, uns zu unserem Hotel zu bringen, das sich in einem anderen Stadtteil befindet. Wer weiss, welches Abenteuer uns hier durch diese so hilfsbereite Frau erspart geblieben ist!

In Beijing hieß es immer, dass Chongqing eine Provinz sei, was ich bei der Größe der Stadt nicht begreifen kann, allerdings sehr gut bei der Clubdichte: In der ganzen Stadt gibt es nur zwei Live Clubs! Da in dem einen hauptsächlich Reggae gespielt wird, treten wir in der ‚Nuts Bar‘ auf. Der Club fasst etwa 200 Leute und der Clubbesitzer und die Leute von der Bar sind super nett zu uns. Leider ist heute das Equipment nicht sehr berauschend. Trotzdem geben sich alle sehr viel Mühe, sodass wir auch hier viele neue Freunde und Fans während und nach unserem Konzert gewinnen können.

13. Chengdu

Chengdu liegt in Zentral-China und ist für die chinesische Musikszene eine sehr wichtige Stadt. Es gibt hier im Gegensatz zu Chongqing richtig viele Clubs und in der Nähe findet das älteste und größte Musikfestival Chinas statt. Es ist gerade mal drei Jahre alt und hatte dieses Jahr schon 300 000 Besucher. Der Club, in dem wir heute spielen heisst ‚Littel Bar‘ und ist in ganz China bekannt. Jede chinesische Band reisst sich darum, hier spielen zu können. Als Support spielt die Band Mosaic – eine lokale Größe mit coolem Gitarren Sound. Die Band besteht seit etwa drei Jahren und wird demnächst in Beijing in einem Studio die ersten Aufnahmen machen. Auch hier in Chengdu scheint es nach Aussage der Band keine guten Studios zu geben. Vielleicht ist das eine Chance für Sound Engineers aus Deutschland? Ich denke, sie wären hier sehr sehr begehrt!

Das Leben hier scheint auch recht angenehm zu sein. Zumindest als Ausländer und ich habe mir sagen lassen, dass Chengdu eine der entspanntesten Städte Chinas sei. Die Leute wollen ihr Leben hier genießen, was man gerade abends auf den Strassen erfahren kann, da es hier viele Cafes und Restaurants gibt.

Nach dem Konzert, das wieder sehr viel Spass macht und grosse Begeisterung auslöst, kommen wir mit Jef ins Gespräch. Der einzige nicht Chinese, den ich heute ausmachen kann. Er kommt auf Empfehlung seiner chinesischen Freundin, die uns in Wuhan gesehen hatte. Jef lebt bereits seit drei Jahren hier und hat angefangen, für Bands aus Europa und USA Touren zu buchen. Da die Musikszene hier noch recht überschaubar ist, finden wir sofort ein paar Überschneidungen und verstehen uns auf Anhieb prächtig. Jef wird demnächst zusammen mit dem Betreiber der ‚Littel Bar‘ ein weiteres Live House in Chendu eröffnen. Er erzählt mir, dass es dafür erst mal sehr guter Kontakte zur Regierung bedarf und eines chinesischen Partners, da Ausländer hier nicht selbständig ein Geschäft eröffnen dürfen. Er ist sehr zuversichtlich, da dieser neue Live Club in einem Areal eröffnet werden soll, in denen sich viel Ateliers und Gallerien befinden und es sogar eine kleine Förderung von der Region geben wird. Anscheinend besteht ein Interesse der Stadt, der lokalen Szene unter die Arme zu greifen.

Da unser Hotel von Mäusen besetzt ist, entschliessen wir uns das Angebot von Jef anzunehmen in seiner WG zu übernachten in dem gerade ein Zimmer frei ist. Wir haben so die Chance noch einen Tag mit Jef zu verbringen und zusammen mit Spaniern, Chinesen, Schweden und sogar einem Kölner Fußball zu sehen. Den Tag verbringen wir mit Sightseeing, besuchen den Mao Platz und ein paar buddhistische Tempel, die wahre Ruhepole in der belebten Stadt sind. Ein Paradies für Vegtarier, da die vegetarische Küche hier eine lange Tradition hat. Gegen Abend entdecken wir eine Gruppe Frauen, die zu Kylie Minogue Gymnastik im Park machen. Ein toller Anblick!

Nachts fahren wir mir den sehr beliebten elektrischen Mofas in der Stadt umher. Eine gute Entwicklung, die man hier überall sieht! Die Dinger fahren etwa 50 Km/h und eine Batteriefüllung hält für etwa 40 km, was in der Stadt gut reicht. Den Akku kann man über Nacht abnehmen und in der Wohnung aufladen. Das kann gerne nach Deutschland importiert werden, denn die Mofas stinken nicht und machen keinen Lärm!

17. Xiamen

Der Gig heute ist sehr kurzfristig zustande gekommen und wir sind alle gespannt, wie wohl alles über die Bühne gehen wird. Der Soundcheck ist für 10 Uhr morgens geplant und ich bekomme jetzt zum ersten Mal mit wo wir heute spielen werden: bei der Vorstellung einer neuen Schuhmarke – AnyWalk. Ein unglaublich großer Event mit riesigen LED Screens, auf denen der neue Markenname aufwendig dargestellt wird. Unzählige Models sind gebucht, um die Schuhe zu präsentieren und alle sehen westlich aus. Ich denke mal, dass heute mein Gesicht uns zu diesem Gig verholfen hat. Aus Gesprächen mit anderen Ausländern weiss ich, dass man in China seine westliche Nase gut zu Bargeld machen kann.

Leider ist hier alles sehr durcheinander und es scheinen alle auf irgendetwas zu warten. So auch wir. Bis wir endlich auf die Bühne können um alles anzuschliessen, ist es bereits 14.30h. Ich bin schon recht genervt und als ich dann feststelle, dass der ganze Sound von uns erst mit ein paar Sekunden Verzögerung draussen ankommt, bezweifle ich, dass es heute Abend einen erfolgreichen Gig von uns geben wird. Trotz der Größe der Veranstaltung also immer noch sehr viel Improvisation.

Leider kann das Soundproblem von den Technikern nicht bis zu unserem Konzert behoben werden, sodass unser kopletter Gig mit einem enormen Echo versehen ist. Egal, es war auf jeden Fall ein Erlebnis!

Bei der Fahrt zum Flughafen müssen wir etwas 1 ½ Stunden übers Land fahren, da unser letzter Gig in einer Nachbarstadt von Xiamen stattfand. Hier muss ich leider feststellen, wie unterschiedlich China doch sein kann. Fern von der großen Stadt wirken manche Orte so früh morgens sehr trostlos und verlassen. Auf den Straßen befinden sich viele alte Motorräder mit zum Teil drei Personen an Bord oder waghalsigen Konstruktionen zum Transport von Wahren.
Zum Großteil habe ich in China eher Aufbruchsstimmung wahrgenommen. Hier ist es eher Stillstand. Auf einem See sehe ich um sieben Uhr morgens einen Mann auf einem, aus Plastikkanistern gezimmerten, Floss. Ich frage mich, was er dort macht!

Kaum in Xiamen angekommen, ändert sich jedoch wieder das Bild. Viele neue Gebäude, Brücken und Straßen. Nach einem kurzen Zwischenstop in Beijing wenden wir China den Rücken zu und machen uns auf den Weg nach Japan, wo wir mit einigen Gigs unser Album-Release promoten.

19. Ankunft in Japan

Unsere erste Station in Japan ist Nagoya. Nach unserer Ankunft treffen wir Miasaki, der unser Album ‚Riding the Fire‘ in Japan zu Beginn dieses Monats veröffentlicht hat. Wir freuen uns sehr über das Wiedersehen.
Der Kontakt zu Miasaki kam über den Chef des Clubs zustande, in dem Miki gearbeitet hat, als sie vor über zehn Jahren noch hier in Japan lebte. Der Club, in den wir nun fahren, befindet sich im Zentrum von Nagoya. Hier scheint es eine lebhafte Szene zu geben und wir werden herzlich von den Leuten vom Club, der mit uns spielenden japanischen Band und den VJ’s empfangen.

Die Verhältnisse hier sind durchaus mit denen in England zu vergleichen: besonders als einheimische Band ist es kaum möglich bei Live-Konzerten Geld zu verdienen. Im Gegenteil: wer hier spielen will, muss dem Club ein bestimmtes Kontingent an Eintrittskarten abkaufen, die er dann selbst verkaufen muss. Zum Glück haben wir eine Sonderstellung als ausländische Band und können so bessere Deals vereinbaren.

Das Konzert heute Abend ist sehr gut besucht und da es ein Party-Veranstaltung ist, tanzt das Publikum auch ab dem ersten Ton von uns mit. Wir freuen uns sehr über den schönen Abend. Nach dem Konzert lerne ich sogar Mikis ehemaligen Chef kennen, der eine teure Flasche Champagner zum Ausdruck seiner großen Freude über das Wiedersehen mit Miki mitbringt. Er sieht sehr stolz auf seinen Sprößling aus. Auch einige Freunde von Miki aus dieser Zeit spielen heute noch in recht bekannten Bands oder sind anderweitig im Musikgeschäft aktiv. Es ist schön, so eine Entwicklung zu sehen und ein Teil davon zu sein!

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