Streams

Pitchtuner – Tourtagebuch Pt. 2

Wieder keine großen Worte, Pitchtuner haben genug zu sagen:

6. Konzert in Wuhan mit Jeans Team

Nach einer etwa halbstündigen Fahrt im Taxi durch die Stadt sind wir froh, ohne Begleitung unser Hotel gefunden zu haben. An der Pforte stellen wir schnell fest, dass wir nicht mehr in Shanghai sind, auch wenn hier immer noch die Häuser weit in den Himmel ragen: eine Kommunikation ist nicht möglich und wir müssen leider den Promoter des Clubs anrufen, in dem wir heute noch spielen werden. Da es 8 Uhr morgens ist, ist es nicht zu überhören, dass wir gerade am anderen Ende der Leitung jemanden aus dem Bett geholt haben.
Nachmittags finden wir einen kleinen Markt. Fleisch liegt hier auf den Tischen aus, Fische werden in einer Nische ausgenommen und ein grobmaschiges Netz mit lebendigen Fröschen bleibt mir in Erinnerung. In Wuhan habe ich das Gefühl, China purer erleben zu können. Hier trifft man eigentlich keine Ausländer und ohne Chinesisch ist man aufgeschmissen. Trotzdem sind die Leute, auf die wir treffen, sehr freundlich und hilfsbereit und freuen sich über den Kontakt mit einem Ausländer. Ich hatte bisher nie das Gefühl, dass es hier gefährlich ist. Verloren gehen ist allerdings trotzdem gut möglich.
Abends treffen wir dann wieder Jeans Team, die gerade mit dem Zug angekommen sind.

Beim Soundcheck im Vox Club müssen wir leider feststellen, dass die Anlage nur halb betriebsbereit ist. Zudem ist der hauseigene Soundengineer gerade auf der Hochzeit seiner Schwester. Der Techniker vor Ort ist eigentlich fürs Licht zuständig und weiß leider nicht wirklich Bescheid. Wir haben allerdings Glück, weil Raschad von Jeans Team dabei ist und uns gerade allen aus der Patsche hilft. Er kann allerdings nicht verhindern, dass beim Konzert von Jeans Team die ganze linke Seite der Anlage ausfällt. Wir schließen kurzerhand den Bass- und Gitarrenverstärker während des Konzertes an die Drum Machines und Synths an. Das gibt zwar einen speziellen Sound, aber zumindest ist alles wieder zu hören. Improvisation ist in China ein grosser Trumpf und mit defekten oder gar fehlenden Verstärkern muss man hier umgehen können.

Heute spielen wir nach Jeans Team und haben das Glück, dass die Anlage wie auf wundersame Weise wieder funktioniert, sodass wir ein sehr schönes Konzert spielen können. Bei manchen Stücken sind die Zuschauer richtig aus dem Häuschen und die Stimmung während des gesamten Konzertes ist unglaublich gut.

Beim Gespräch mit dem Promoter unseres Abends erfahre ich, dass der Vox Club das einzige Live House in Wuhan ist und eigentlich alle Bands aus China hier Halt machen. Eine unglaubliche Sache, da Wuhan immerhin neun Millionen Einwohner zählt. Wuhan ist bekannt für Punk und Hard Core Musik und hat eine lebendige Szene. Allerdings fehlt es auch hier an Studios und Musiklabels, die die Szene über die Grenzen von Wuhan oder gar China hinaus bekannt machen könnten. Ein Problem, welches auch in vielen deutschen Städten besteht und das leider nicht durch die großartigen Möglichkeit des Internets entschärft wird.

Nach dem Konzert stellen wir fest, dass die Stadt in der Nacht genauso belebt ist wie am Nachmittag. Die Straße hat sich in eine Kette von Grillläden verwandelt. Entgegen aller Ratschläge, niemals Essen von diesen Ständen zu essen, setzen wir uns an einen der Tische und probieren die verschiedensten Dinge. Es schmeckt alles sehr gut, allerdings braucht mein Magen fast eine Woche, um sich von diesem Abenteuer zu erholen.

8. Off Day in Wuhan / Trip nach Beijing

Beim Auschecken treffen wir auf eine italienische Band, die gerade wie wir vor zwei Tagen vor der Rezeption auf ihr Zimmer warteten und heute Abend im Vox spielen werden. Wir beschließen kurzerhand zusammen essen zu gehen. Die Band ist seit drei Tagen in China unterwegs und vermisst bereits die gute italienische Küche und einen ordentlichen Kaffee. Kaffee und Bier sind für unsere Verhältnisse sehr ‚light‘. Unser Plan, den neuen italienischen Freunden mit einem chinesischen Restaurant eine Freude zu machen, schlägt leider fehl.

Obwohl das Essen auf einem drehbaren Tisch serviert und so jeder von jedem Gericht probieren kann, müssen wir leider feststellen, dass sie sich wirklich mit dem Essen hier schwer tun. Dabei ist die Auswahl immer sehr reichhaltig und es werden mindestens doppelt so viele Leute wie am Tisch sitzen satt.

In Beijing angekommen staunen wir nicht schlecht, als wir in unser Hotel einchecken. Es heißt ‚A Hotel‘ und befindet sich im Worker’s Stadium. Ein riesiges Stadion, in dem einst Mao seine grossen Paraden abgehalten hat. Ein Blick durch eines der Fenster ins Innere verrät, dass das Stadion immer noch in Betrieb ist. In der Zwischenzeit haben sich in den Räumlichkeiten zur Außenseite hin zahlreiche Restaurants, Galerien und eben auch unsere Hotel angesiedelt. Das scheint der Lauf der Geschichte zu sein und keiner scheint damit ein Problem zu haben oder gar einen Widerspruch zu sehen! Das Hotel ist wirklich sehr nobel und ich bin mir nicht sicher, auf welchen Wegen wir an diese Zimmer gekommen sind. In einem Zimmer von Jeans Team beispielsweise befindet sich vor dem Bett ein kleiner Pool, von dem aus man entspannt die Fußball WM im Fernsehen sehen kann. In dem durch die Stadionform gekrümmten Korridor ist ein Film-Team gerade dabei eine Szene für einen der vielen chinesischen Filme zu drehen. Ich wünschte, ich könnte an diesen Film rankommen, wenn er fertig ist. Aber wahrscheinlich würde ich kein Wort verstehen.

9. Gig Beijing

Heute ist unser Gig im Yu Gong Yi Shan, dem legendären Club hier in Beijing. Ich war hier schon vor einem Jahr und habe eine ‚Pet Conspiracy‘ Show eröffnet. Die Erinnerungen an den Abend sind nach wie vor sehr gut! Beim Soundcheck müssen wir leider feststellen, dass beim Flug nach Beijing (Peking) Miki’s Bass beschädigt wurde. Ein Bund steht jetzt mehrere Zentimeter vom Griffbrett ab und der Bass ist eigentlich nicht mehr spielbar. Mit einem Hammer und Schraubenzieher können wir den Schaden zumindest so weit reparieren, dass wir den Bass hoffentlich noch bis zum Ende der Tour verwenden können. Da es heute mitten in der Woche ist, hoffen wir, dass sich der große Raum füllen wird. Die Sorgen erweisen sich allerdings als überflüssig. Der Laden ist sehr gut gefüllt. Jeans Team und wir haben eine großartige Zeit. Vor dem Konzert geben wir ein Interview für ein Online Magazin und beim Konzert von Jeans Team lerne ich einen hier lebenden Ex-Berliner kennen, der den ‚Club Tresor Beijing‘ in ein paar Wochen eröffnen wird. Ich kann es kaum glauben, als er mir erzählt dass sich der Club im ehemaligen Mao Bunker befinden wird. Am selben Abend werden wir uns noch von Jeans Team verabschieden, die am nächsten Tag zurück nach Deutschland aufbrechen.

10. DJ Gig Beijing / Die Große Chinesische Mauer

Der obligatorische Besuch der chinesischen Mauer ist für heute geplant. Wir fahren mit einem Linienbus dorthin, haben aber einige Probleme den Richtigen zu bekommen, da wir keinen Plan finden der uns sagt, welcher Bus wo und wann abfährt. Etwas chaotisch und nach vielem Hin und Her finden wir doch den richtigen Bus! Am frühen Abend sind wir bei Huze von ‚Pet Conspiracy‘ zum Essen eingeladen und sehen dort ein paar bekannte Gesichter wieder. Liman ist auch zu Gast und hat mir ein paar Videos aus seinem Studio mitgebracht, das sich auf einem Militärgelände befindet. Leider kann ich als Nicht-Chinese nicht in das Areal. Ich hätte ihn zu gerne dort besucht. Er erzählt mir, dass er viele seiner Synths und Effekte über Ebay nach China importieren muss, da es in China dafür keinen Markt gibt. Das ist natürlich sehr kostenintensiv und er muss viel für Werbespots produzieren, um seine eigene Musik finanzieren zu können. Liman betreibt mit einem Partner das erste und immer noch eines der wenigen chinesischen Elektro/Techno Label ‚Shanshui Records‘ und hat auf diesem u.a. Kid 606 und Jeans Team in China zu einiger Aufmerksamkeit verholfen. Leider konnte er noch keinen Vertriebspartner in Europa finden.

Am Abend haben wir einen weiteren DJ Gig im ‚White Rabbit‘, einem der ersten Techno Clubs in Beijing. Viele weitere Clubs befinden sich in der Nähe und wir wollen es uns nicht nehmen lassen, zumindest einen dieser typisch chinesischen Clubs zu besuchen. Schliesslich stehen wir vor der Wahl ‚Mix‘ oder ‚Vix‘ und entschließen uns für den ‚Mix Club‘. An den Wänden sind zahlreiche Leuchtelemente und Bildschirme angebracht. Es gib in diesem Club mehrere Private Séparées und mit der ganzen Beleuchtung wirkt alles eher wie in einem Film. Allerdings werden wir hier nicht besonders alt. Der Morgen dämmert ja auch schon.

Discussion

Comments are closed.

Archive