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Pitchtuner – Tourtagebuch Pt. 1

Heute keine große Vorrede, Pitchtuner haben selbst genug zu erzählen, also gleich auf:

1. Anreise und erster Tag:

Für gewöhnlich ist vor einer Tour noch so viel vorzubereiten, sodass wir immer erst kurz vor knapp mit allem fertig werde. Da der Flieger meistens bereits um 6.30h abfliegt bedeutet das gar keinen Schlaf. Dieses mal ist es anders: Der Flieger geht am Nachmittag und wir können uns tatsächlich noch ein paar Stunden aufs Ohr legen. Schön, könnte man denken. Leider verbringe ich so die ganzen 14 Stunden Flug in mehr oder weniger wachem Zustand und sehe mir einen Blockbuster nach dem anderen an.

Zwischenstop in Doha: Hier sind wir recht überrascht, mit unserem Flieger direkt nach der Landung an ein paar wunderschönen Wohnhäusern vorbei zu fahren, vor denen sich ein paar Männer in der landesüblichen weißen Keidung angeregt unterhalten. So ein privater Flughafenzugang scheint hier nichts ungewöhnliches zu sein und zum guten Ton zu gehören. Beim Verlassen des Flugzeuges denke ich erst mal eine Weile, in der Abwärme der Triebwerke zu stehen. Beim Gang zum Transferbus muß ich allerdings erst mal feststellen, dass die 36 Grad an diesem späten Abend gar nichts mit unserem Flieger zu tun hatten. Ein kleiner Schock, wenn man aus dem verregneten Berlin kommt.

2. Anreise in China:

Unsere erste Station in China ist Shanghai. Nach dem Flug gibt es immer erst mal ein paar bange Minuten bis wir alle Koffer unversehrt auf dem Förderband entdecken. Das wäre nicht das erste mal, dass ein Stück verloren gegangen oder der Gitarrenkoffer gebrochen ist. Heute geht alles gut und am Zoll gibt es auch keine Probleme. Scheint alles entgegen allen Befürchtungen sehr entspannt hier zu sein. Nach einem kurzen Telefonat wissen wir auch, wie unser offizieller Status ist: Visum mit Arbeitserlaubnis. Da kommt mir sofort die Idee, ein paar Monate länger zu bleiben, denn inzwischen scheint es recht schwer, hier ein Arbeitsvisum zu bekommen. Ausgehend von dem Stress, den wir immer hatten, bis Miki ihr Visum in Deutschland bekommen hatte, sollte man so eine Chance eigentlich nutzen.

Am Flughafen werden wir freundlicherweise abgeholt und haben schon mal die erste Möglichkeit, ein wenig von Shanghai kennen zu lernen. Hier jagt ein Hochhaus das andere.

Im Hotel treffen wir auf Kissogram, die schon vor zwei Tagen hier angekommen sind und sich gerade auf den Weg ins Mao Live House machen. Wir gehen allerdings erst mal mit Philipp, der unsere Tour in China zusammen mit Hellen von ‚The Pet Conspiracy‘ organisiert hat, essen. In dem Restaurant sind alle Menüs in Plastik eingeschweisst auf einem Tisch präsentiert, was die Auswahl sehr erleichtert. Danach besuchen wir das MAO Live House, um Kissogram zu sehen. Leider sind wir zu spät. Der Club alleine ist allerdings schon einen Besuch wert. Den Sänger der chinesischen Band, die wir dort sehen, werden wir später auf einem Festival wieder treffen. Davon wissen wir aber zu dem Zeitpunkt natürlich noch nichts. Kleine Welt also auch in China.

Später gehen wir in den legendären Shelter Club, um dort Jahcoozi live zu sehen. Der Shelter Club ist ein immer noch aktiver Luftschutzkeller, in dem seit ein paar Jahren Parties und Live Events stattfinden. In einem kurzen Interview habe ich erfahren, dass der Club erst seit ein paar Jahren besteht und einer der ersten unabhängigen Clubs in Shanghai ist. Es gibt zwar viele Clubs, die allerdings sehr an den Mainstream orientiert sind und wohin die Leute weniger gehen, um gute Musik zu geniessen. Der Shelter Club ist da ganz anders und hier hat die lokale Szene ihr Zuhause und auch internationale Artists und DJ Acts spielen hier regelmässig. Lokale Größen wir Antidote, DJ Ozone und Liman sind hier sehr aktiv dabei.

3. Erster Gig EXPO

Unser erster Gig in China ist auf dem ‚European Square‘, auf dem sich für eine Woche Berlin präsentiert. Die Bühne ist recht groß und wirkt erst mal etwas leer. Vor der Bühne sind zehn Reihen Stühle aufgestellt. Nach dem zweiten Stück stehen allerdings schon alle Leute und Tanzen mit uns. Das hätten wir nicht so erwartet. In den Gesichtern der Zuschauer, die größtenteils Chinesen sind, sehen wir große Freude und unglaubliche Begeisterung. Ein schönes Gefühl, so viel Verbundenheit zu spühren, obwohl man sich mit Worten so gut wie gar nicht verständigen kann. Musik kennt wirklich keine Grenzen!

Nach unserem Konzert gehen wir noch zusammen mit Jeans Team essen und verbringen einen schönen Abend in der Dada Bar, die sich in einer Gegend befindet, in der es von Bars und Clubs nur so wimmelt und ausnahmsweise die Gebäude selten mehr als zwei Stockwerke haben. Eine Seltenheit hier in Shanghai.

4. Zweiter Gig EXPO / Workshop / DJ GIG

Nach dem Frühstück im Hotel geht es schleunigst wieder auf die EXPO, wo schon eine Führung durch den deutschen Pavillon auf uns wartet. Das Gebäude macht einen sachlichen Eindruck, wenn man es von außen betrachtet: grau, eckig und irgendwie geometrisch. Das Gebäude besteht aus mehreren Teilen, die sich ineinander fügen lassen, würde man sie bewegen können. Natürlich war das Thema im Inneren ‚Better City, better Life‘, das Motto der EXPO mit vielen interaktiven Ausstellungsstücken und als Höhepunkt ein Show in einem runden Raum, in dessen Mitte eine bewegliche und mit Videos bespielbare Kugel hängt. Die Zuschauer stehen auf drei Etagen und sind sehr angetan von dem kleinen Spektakel. Danach geht es fix zur Bühne auf dem Europe Square. Raschad, der Tonmeister von Jeans Team ist auch heute so nett, unseren Sound zu mischen, was wirklich einiges erleichtert. Allerdings hat Jeansteam heute das Problem, an ihre Instrumente zu kommen, die im Hotel deponiert sind, weshalb Raschad erst 30 Minuten vor Showtime zu uns aufbrechen kann. Wir wissen nicht, ob er sich durch den Verkehr schlagen kann und beginnen deshalb schon, mit dem chinesischen Techniker mit Händen und Füßen alles abzuklären. Schließlich ist Raschad dann doch noch direkt beim ersten Ton hinter dem Mischput und wir konnten beruhigt mit unserem Konzert beginnen.
Nach dem Konzert sind wir schnell mit Jeansteam in der äußerst und für den Geschmack von uns allen zu edlen VIP Lounge des deutschen Pavillons essen. Das Essen ist so nobel, dass man nicht wirklich satt davon wird.

Gegen 5 geht es dann in den ‚Not Me‘ Club, ein lustiger Laden, in dem ich einen Workshop über Ableton Live und meine selbst entwickelten Instrumente und Controller gebe. Zum Glück war einer der Teilnehmer ein in China lebender Amerikaner, der meine Ausführungen den anderen Teilnehmern übersetzen konnte. Am Ende der Workshops machen wir alle zusammen eine Musik Session was uns große Freude bereitet.

Die Party nach dem Workshop ist wie erwartet großartig. Wir haben sogar noch Verstärkung von Liman, der eigentlich auf einer Party im Shelter Club, von dem ich ja schon berichtet habe, auflegen sollte. Allerdings ist heute Jahrestag der Tragödie auf dem Platz des himmlischen Friedens vor 20 Jahren, wo zahlreiche Studenten ums Leben kamen. Die Party im Shelter Club hatte das Motto ‚White‘, was zur Folge hatte, dass von Oben die Veranstaltung kurzerhand abgesagt wurde. Die Farbe Weiß soll wohl der Grund für die Absage gewesen sein, da sie hier die Farbe des Todes sein soll.

Wir hatten also kurzerhand diese Party mit unserer zusammen gelegt und hatten somit doppelt Spass: Es wird heute sehr laut und spät….

5. Hangzhou

Unser Zug nach Hangzhou geht heute schon um 8 Uhr morgens. Zum Glück haben wir beim Check Out noch ein kleines Lunch Packet mit bekommen, sodass wir es irgendwie schaffen, in einem einigermaßen brauchbaren Zustand in Hangzhou nach etwa 1 ½ stündiger Fahrt in einem Zug mit noch nie gesehener Länge, anzukommen. In China wird übrigens das Gepäck auch vor der Zugfahrt wie beim Fliegen durchleuchtet. Von der Größe des Festivals sind wir nicht schlecht überrascht. Nach unserem Soundcheck gegen Mittag geht es sofort zum Hotel, um noch etwas Energie vor unserem Gig zu tanken. Beim Gespräch mit dem Soundengineer stellt sich heraus, dass dieser der Sänger der Band war, die wir an unserem ersten Abend im MAO Club in Shanghai gesehen hatten. Ein lustiger Zufall, der mal wieder zeigt, wie kurz dann oft die Wege sein können. Leider sind heute im Hotel Bauarbeiten zugange, sodass es mit dem Energie tanken nichts wird. So kann ich aber noch ein wenig an unserem Live Set arbeiten. Irgendwie stehen die Chinesen sehr auf so Dinge wie alle zusammen in die Hände klatschen und zusammen singen. Wir wollen es heute mit ‚alle in die Hocke gehen mit anschliessenden Aufspringen‘ probieren und müssen deshalb unser Livset noch etwas umstellen.

Um 18.15 Uhr ist unsere Showtime angesetzt und die Stage Managerin ist schon total entsetzt, dass die chinesische Band vor uns 15 Minuten überzieht. Wir können sie aber zum Glück davon überzeugen, die ‚verloren gegangene Zeit‘ nicht von unserer Auftrittszeit abzuziehen. Wahrscheinlich gibt es eine bestimmte Zeit, an dem keine laute Musik mehr gespielt werden darf, da das Festival in der Stadt neben einem schönen großen See mit wunderschöner Bergkulisse ist.

Unser Konzert ist dann ein großer Erfolg und das Publikum und wir haben riesen Spaß zusammen. Vor 5000 Leuten zu spielen, daran kann ich mich gewöhnen! Die Sache mit dem ‚alle in die Knie gehen‘ funktioniert übrigens fantastisch und das Publikum dreht völlig durch. Das werden wir jetzt immer machen! Miki und ich sind beide überrascht, wie locker und ausgelassen hier das Publikum ist. Und so unglaublich begeisterungsfähig. Männer in Uniform sind zwar immer anwesend, scheinen aber auch recht entspannt zu sein.

Nach dem Auftritt treffen wir dann überraschenderweise noch Huze, den Gitarristen von ‚The Pet Conspiracy‘. Es ist schon seit ein paar Wochen ein Gig im Süden von China im Gespräch, welcher allerdings mit unseren Tourplänen in Japan kollidiert. Irgendwie finden wir aber in den nächsten 30 Minuten eine Lösung und wir können uns jetzt auf einen weiteren Gig am 18. Juni im Süden von China freuen.

Nach einem leckeren Essen und kurzen frisch machen geht es an diesem Abend auch schon wieder weiter zum Bahnhof, wo wir unseren Nachtzug nach Wuhan nehmen. Die riesige Wartehalle lässt erahnen, wie viele Leute mit uns reisen werden. Als dann die Türen zum Bahnsteig geöffnet wurden, kommen die Massen in Bewegung. Die bisher einzige nicht so schöne Erfahrung hier: Die Chinesen drängeln wie verrückt und wir müssen uns ordentlich durchboxen. Es geht aber zum Glück alles gut und wir finden dann auch recht schnell unser Schlafabteil. Ich kann hier nur jedem empfehlen, es bei der nächsten Reise mit einem Nachtzug zu probieren! Das ist ein sehr angenehmes und entspanntes Reisen. Eine echte Alternative zu dem irrsinnig vielen Fliegen! Ich wünschte die Preise in Deutschland dafür wären so wie hier! Unsere neun stündige Zugfahrt kostet umgerechnet nur etwa 35 Euro!

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