Konzertberichte

Spaceman Spiff + David Lemaitre und Naima Husseini, Subway, Köln, 26. Oktober 2011

Mit rasanter Geschwindigkeit eilten wir zu einem der wunderbarsten Konzerte dieses Jahr. Wir standen gefühlte Ewigkeiten draußen auf einer Straße im eiskalten Köln bis wir endlich erlöst wurden und langsam und voller Freude die Treppe ins Subway hinunter gehen durften. Spaceman Spiff erwartete uns. Es dauerte eine Weile bis es im Laden selbst und uns warm wurde. In der Zwischenzeit versüßte uns David Lemaitre aus Berlin die Wartezeit auf Herrn Wittmer, wegen dem wir uns auf den Weg gemacht hatten.

David kommt eigentlich aus Bolivien, lebt allerdings seit einiger Zeit in Deutschland. Mit ziemlich schweren, düsteren Klängen entführte er uns in eine komplett andere Welt. Seine Stimme sanft, leidend, verzweifelt. Das Kölner Publikum hing an seinen Lippen, aber er konnte die kleine Masse an Menschen nicht dazu bewegen sich von den Sitzplätzen zu erheben. Das Subway hatte ihm das aber auch nicht gerade leicht gemacht, indem es die Gäste vorher Ewigkeiten zum Stehen in der Kälte verdonnert hatte.

Davids Musik faszinierte mich nach und nach immer mehr. Ganz allein erschuf er mit Gitarre, Stimme und geloopten Rhythmen mysteriöse Klänge, die ich einfach nicht so recht zuordnen konnte. Von welchem Genre reden wir hier eigentlich? Seine Stimme und seine Art zu singen erinnerte mich zeitweise an Johannes Mayer alias The Late Call, die Melodien würde ich jetzt mal grob in eine Richtung à la Let’s Buy Happiness schmeißen, obwohl das beiden auch nicht ganz gerecht wird. In dem Zusammenhang las ich häufiger die Namen Beirut oder Noah And The Whale, die allerdings wesentlich fröhlicher daher kommen. Besonders berührt hat mich der Titel „Jacques Cousteau“ und veranlasste mich diesen beeindruckenden Künstler Zuhause genauer unter die Lupe zu nehmen. Ich denke, dass man ihn live erlebt haben sollte. Unbedingt. Es muss schließlich einen Grund haben, wieso Get Well Soon diesen Mann mit auf Tour schleppt.

Im Anschluss an David betrat Naima Husseini samt Band die kleine Bühne. Leider kämpfte ich ihren ganzen Auftritt lang mit meiner persönlichen Abneigung was weibliche Stimmen betrifft. Äußerst selten schaffen es Sängerinnen mich wirklich zu überzeugen und leider, leider gehörte Naima auch zu denen, die es nicht hinbekamen. Ich kann nicht genau sagen, woran das liegt. Vielleicht ist es einfach die Klangfarbe ihrer Stimme. Dazu kommt wie immer die Schwierigkeit, dass es meiner Meinung nach alles andere als einfach ist mit deutschen Texten nicht in eine Schlagerrichtung abzudriften und mich mit Texten zu berühren, die ich auf Anhieb verstehe. Was auf Englisch beim ersten Hören vielleicht noch klargehen würde, entlarvt in der Heimatsprache nun mal Schwächen, die vor allem die Tiefgründigkeit und Ehrlichkeit der vorgetragenen Songs betreffen. Mir erschien das Ganze insgesamt etwas zu flach, poppig, mädchenhaft. Dem restlichen Publikum gefiel Naima allerdings äußerst gut. Zwischendurch wurde mitgesungen und sie forderte auf eine teilweise echt süße Art und Weise das Publikum dazu auf sich näher zu ihr zu gesellen, um mit ihr einen schönen Abend zu verbringen, was ihr auch nach und nach gelang. Spaceman SpiffIhre Bühnengestaltung war ohne Frage wunderschön. Im Hintergrund liefen über einen Beamer projizierte wundervolle bewegte Bilder, z.B. von tanzenden Menschen. Das sonst ja ziemlich dunkle Subway wurde ein wenig erleuchtet mit weißen Tüchern, Blumen und einem Hauch Sommergefühl. Das ist Kunst… immerhin was fürs Auge. Alles wurde nach ihrem Auftritt radikal alles eingepackt, um Spaceman Spiff eine ziemlich trostlose Bühne zu hinterlassen.

Wer Hannes Wittmer kennt, wird allerdings wissen, dass er solche Dinge gar nicht braucht, um zu wirken. Zusammen mit Bassist und Allround-Talent Felix und Drummer Jonny wagte sich Hannes vor das Publikum. Inzwischen waren nahezu alle aufgestanden und es wirkte fast so als wären in der Zwischenzeit noch mehr Gäste dazugekommen. Von der ersten Sekunde an war Hannes einfach präsent. Leise stieg er ein in das Set… wie sollte es auch anders sein? Was auf Platte schon Tiefe hat und zu überzeugen weiß, klingt live noch tausendmal ehrlicher und intensiver. Mit einer riesigen Portion Spaß heizten die drei dem Kölner Publikum ein. Erstaunlich, da die Songs von Spaceman Spiff ja eigentlich eher ruhig daher kommen. Recht zu Beginn kündigte Hannes „Photonenkanonen“ an. Mit dem, was daraufhin folgte, hatte er anscheinend nicht gerechnet. Erst Freudenschreie, dann Mitwippen, Mitsingen und noch viel mehr. Hannes schien völlig von den Socken zu sein, leicht verlegen, aber liebenswert kündigte er danach alle anderen Titel nur noch mit dem Zusatz an: „Dieser Song ist wohl nicht so beliebt wie Photonenkanonen, aber trotzdem toll“. Einfach super. Felix spielte einen Ball nach dem anderen an den Frontmann ab. Mit überaus lustigen Stand-Up-Comedy-Einlagen sorgten sie für ausgelassene Stimmung.

Irgendwann im Laufe des Sets war Hannes eine Kontaktlinse verrutscht, die er dann unter etwas skeptischen Blicken des Publikums herausnahm. Aber es ging ja hier um Musik und die kam auf keinen Fall zu kurz. Spaceman Spiff mixte munter die Songs von seinem Debütalbum zwischen die Titel seiner neuen Platte.Spaceman Spiff Neben dem natürlich unglaublich tollen „Photonenkanonen“ gab er auch Songs wie „Elefanten“, „Hamburg“, „Schnee“, „Gedankenstricke II“, „Egal“ und „Yellow Brick Road“ zum Besten. Ein Lied besser als das andere, einfach weil jedes einzigartig ist und man die Stücke nun wirklich nicht miteinander vergleichen sollte. Viel zu schnell war der Auftritt vorbei. Mit euphorischem Klatschen und Zugabe-Rufen wurde die Band auf die Bühne zurück gefordert. Hannes nahm sich ein Herz, aber er sang nicht, sondern sagte, dass wir doch bloß alle sehen wollen würden, wie er sich der zweiten Kontaktlinse entledigt. Diese nahm er dann auch noch raus und verabschiedete sich. Aber nicht für lang… er kam zurück für drei weitere ganz wunderbare Titel. Es folgte „Straßen“, der wohl großartigste Song von „… und im Fenster immer noch Wetter“. Als wir uns dann noch aussuchen durften, was als nächstes gespielt werden sollte, fiel die Wahl auf „Bodenangst“. Hannes war überrascht und sagte, dass er den schon ewig nicht mehr gespielt hatte, was dem Ganzen allerdings keinen Abbruch tat. Mit „Han Solo“, einem ganz neuen Titel, der dem einen oder anderen vielleicht durch die Hamburger Küchensession bekannt sein dürfte, verabschiedete sich Spaceman Spiff vom Kölner Publikum.

Meinetwegen hätte der Abend auch einfach immer weiter gehen können und Hannes hätte die Bühne erst verlassen dürfen, wenn er wirklich jeden seiner Songs mindestens dreimal gespielt hat, aber das kann man ihm natürlich nicht zumuten. Es war grandios und ich freue mich riesig auf seine Tour im Februar. Ich würde behaupten, dass Hannes Wittmer seine deutschen Singer-Songwriter-Kollegen allesamt meilenweit hinter sich gelassen hat. Für mich ist er das Beste, was die Szene derzeit zu bieten hat.

Fotos: Chiara WhiteTapes, mehr hier

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