Konzertberichte

Razorlight + Kilians, T-Mobile Streetgigs @ Steinbruch-Oetelshofen, Wuppertal, 17. September 2009

Foto: Ariane WhiteTapes

Die T-Mobile Streetgigs sind mittlerweile so etwas wie eine Institution für ein tolles Konzerterlebnis in überraschenden Locations. So wurden mittlerweile Maxïmo Park in einen Burggraben geschickt, Bloc Party durften ein Kino rocken, Snow Patrol eine Kart-Bahn und Deichkind auf einem Nordseekutter spielen. Neue überraschende Locations wird dadurch sicherlich nicht leichter, da war die Idee schnell geboren, doch einfach einmal die Fans selbst entscheiden zu lassen, also rief der magentafarbene Mobilfunkkonzern kurzerhand seine Streetgigs Community dazu auf, Vorschläge einzureichen, aus denen dann von der gesamten Community eine Top 10 gewählt wurde. Aus dieser wiederum wählten dann die nächsten Kandidaten auf der Streetgigs-Liste, Razorlight, ihren Favoriten aus. Die Wahl fiel ausgerechnet auf einen Steinbruch bei Wuppertal. Klingt schräg? War es auch. Bereits die Anreise war so abenteuerlich, wie man das vermuten mag. Die ca. 2.000 Gewinner wurden kleckerweise mit 12 Bussen vom Bahnhof Wuppertal / Haan zum Steinbruch gefahren, wo es dann über steile Serpentinen bis in die Sohle des Steinbruchs ging. Bereits von oben sah das riesige Loch beeindruckend aus, ähnlich beeindruckend auch die Anmutung im Steinbruch selbst, wo die Macher zwischen steilen Hängen, Baggern und jeder Menge Schotter eine Bühne aufgebaut hatten. Nachdem die Location dann auch bereits bei Tag beeindruckend aussah, wurde sie noch stimmungsvoller, als sich die Sonne über dem riesigen Erdloch senkte und die Beleuchtung zum Einsatz kam. Als etwas mehr als 90 Minuten nach dem Einlass dann der Platz vor der Bühne reichlich gefüllt war begann mit den Kilians aus Dinslaken dann auch das Programm im Steinbruch.

Von denen hatten wir eigentlich gedacht, dass sie nur als Support da sind, aber mit einem Set von etwas mehr als einer Stunde lassen sie sich doch besser als CoHeadliner des Abends bezeichnen. Zum Set zitiere ich am Besten Frank, der die Kilians kürzlich im Vorprogramm von Coldplay sah: „ich spürte von Beginn an eine leichte Antipathie gegenüber der Dinslakener Ex-Schülerband. Und das, obwohl ich sie persönlich gar nicht kenne. Aber sowas soll’s ja geben.“ Das Publikum schien da geteilter Meinung, einige schauten gelangweilt drein und wunderten sich über die Faxen, die Sänger Simon den Hartog da so machte, andere wiederum schienen nur wegen den Kilians da zu sein und feierten ihre eigene kleine Party mit Moshpit und Mitgröhlen. Nach ca. 40 Minuten begannen die Kilians eine Art Verabschiedungsorgie, immer wieder sagten sie, wie toll es sei und wünschten noch einen schönen Abend, von der Bühne verschwanden sie dann aber erst 25 Minuten später.

Foto: Jochen Melchior

Zwischen dem Set der Kilians und Razorlight fand dann auch im vorderen Drittel stellenweise ein Publikumstausch statt, Kilians Fans verzogen sich etwas nach hinten und Razorlight Fans traten an ihre Stelle. Lange mussten die dann nicht auf das Quartett um Sänger Johnny Borrell warten, pünktlich um 21:45 betraten sie die Bühne und ließen mit „In The Morning“ gleich einen ihrer größten Hits vom Stapel. Nach ihrem schwachen Album „Slipway Fires“ und schwachen Auftritten bei Rock am Ring und beim Reading hatten wir von Razorlight eigentlich nicht mehr viel erwartet, aber was die Band hier ab der ersten Minute auf die Bühne zauberte war der Location dann absolut würdig. Das Quartett war voller Spielfreude und sogar der sonst eher unterkühlte Johnny Borrell ließ sich zum ein oder anderen Grinsen hinreißen. Auch neue Songs, wie „Tabloid Lover“ wirkten in ihrer Live-Umsetzung dann besser und unterhaltsamer als erwartet. Nur bei Teilen des Publikums schien das immer noch nicht für ausgelassene Feierstimmung zu sorgen, was vielleicht auch an der beißenden Kälte lag, auf die viele der Gäste sich von der Kleidung her überhaupt nicht eingestellt waren.

Teile des Publikums tanzten also ausgelassen beispielsweise zum Hit „Before I Fall To Pieces“, andere froren leicht gelangweilt. Spannend zu beobachten war auch die Zusammensetzung des Publikums. Da gab es den Familienvater, der mit seiner Tochter da war und gut gelaunt mittanzte, Fans der ersten Stunde, die insbesondere bei alten Stücken, wie „Stumble And Fall“ ins Schwärmen und Mitsingen kamen und die Fans, die offensichtlich erst seit Razorlight’s großem Hit „Wire to Wire“ dabei sind und für alte Songs meist nur ein Schulterzucken übrig hatten. Teilweise schauten diese dann sogar leicht irritiert in Richtung derjenigen, die bei den Songs des ersten Albums „Up All Night“ in Verzückung gerieten. Für alle boten Razorlight einen repräsentativen Querschnitt aus allen drei Alben. Den stimmungsvollsten Moment erreichte der Abend als der Pianist das Klaviermotiv aus „Wire To Wire“ anstimmte und 2.000 Menschen verzaubert dem Stück lauschten, mit dem direkt darauf folgenden „Blood For Wild Blood“ dürfte das bei nicht wenigen für eine wohlige Gänsehaut gesorgt haben, wenn sie diese nicht auch bereits wegen der Kälte hatten. Nach 13 Stücken und fast einer Stunde verabschiedeten sich Razorlight dann kurz von der Bühne um nach kurzer Höflichkeitspause für vier weitere Zugaben noch einmal zurückzukehren.

Foto: Jochen Melchior

Nach dem großartigen „Vice“ wurde das Quartett dann auch unter großem Applaus verabschiedet. Einige der knapp 2.000 Fans hatten bereits während der Zugaben die Sohle des Steinbruchs verlassen, es sollte sich schnell zeigen, dass diese Entscheidung gar nicht mal so dumm war, obwohl sie dafür ein paar Songs verpassten. Nach ein paar Stunden im Steinbruch stand nun der Aufstieg an. Durchgefroren und müde marschierte die Masse die steilen Serpentinen hoch. Eine Kombination, die trotz toller Show nicht gerade für gute Laune in der Masse sorgte. Kurz bevor der Aufstieg geschafft war wurde der Aufstieg dann auch gestoppt, da bei den Bussen bereits eine große Meute von unten hochdrängte wurde entschieden, mit etwas Abstand einen Stau zu erzeugen. Eine kluge Entscheidung, die nur leider weniger klug den Wartenden vermittelt wurde, auf Nachfrage, warum es nicht weiter ginge wurde nur gesagt „hier geht’s nicht weiter, ihr müsst erst einmal warten.“ Selbst als es einer der Sicherheitsmänner dann mal schaffte die Argumentation nachvollziehbar zu formulieren, stieß er zwar bei einigen auf Verständnis, aber verpasste leider die Chance die Botschaft auch an die hinteren Reihen zu übertragen, die entnervt nach vorn zu drängen versuchten und erste Pöbeleien Richtung Security los ließen.

Eine Situation also, die weder vom Sicherheitspersonal, noch vom Publikum wirklich elegant getragen wurde. Auch als es dann nach 20 Minuten endlich weiter bergauf ging zeigte sich, wie seltsam Menschen in stressigeren Situationen reagieren können. Denn statt einfach in normalem Tempo weiter aufzusteigen rannten gut 100 Leute wie bekloppt los, nur um direkt auf den nächsten Stau zu treffen. Die 30 Sekunden, die sie dadurch eher am Stauende waren, konnten und sollten es eigentlich nicht wert gewesen sein, die eigene Gesundheit und die anderer auf steinigem und rutschigem Untergrund zu gefährden. Denn T-Mobile trug natürlich dafür Sorge, dass nun wirklich jeder mit einem Shuttle-Bus zurück zum Bahnhof gefahren wurde und bei 2.000 Leuten, die mit 12 Bussen gefahren werden, kann man sich ausrechnen, dass das auch etwas dauern kann. Wenn man es denn wirklich so eilig hatte heim zu kommen, dann hätte man es eben denen nachtun sollen, die eine der Zugaben haben sausen lassen. Dieses pöbelnde und aggressive Verhalten rief bei uns allerdings eher ungläubiges Kopfschüttelns als Verständnis hervor. Selbst das unsouveräne Verhalten der Sicherheitskräfte sollte dafür auch nicht als Entschuldigung herangezogen werden. Das trübt aber natürlich dennoch nicht einen fast absolut runden Abend in einer tollen Location mit überraschend guten Razorlight. Ein Dank also einmal mehr an die T-Mobile Streetgigs, für eine tolle Idee. Wer nicht dabei sein konnte kann sich das ganze Spektakel übrigens in einer Zusammenfassung am 7. Oktober um 19 Uhr auf MTV anschauen.

Die Setlist (laut Gedächtnisprotokoll)

„In The Morning“
„Tabloid Lover“
„Before I Fall To Pieces“
„Stumble And Fall“
„North London Trash“
„Golden Touch“
„Dr. Boushitan“
„Wire To Wire“
„Blood For Wild Blood“
„America“
„Hostage Of Love“
„Somewhere Else“
„In The City“

„60 Thompson“
„Back To The Start“
„Vice“
„(Keep the right) Profile“

Fotos: 1+2 Ariane WhiteTapes, Rest von T-Mobile, mehr hier

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