Konzertberichte

Polarkreis 18 + Frida, Bochum, Zeltfestival Ruhr, 29. August 2009

Wir scheinen in den letzten 18 Monaten, seit wir die Karriere der Dresdner Polarkreis 18 verfolgen, ein Talent dafür entwickelt zu haben, die Band in ungewöhnlichen Locations zu sehen. Vor fast genau 18 Monaten sahen wir das Sextett im Vorprogramm der Smashing Pumpkins, kurz darauf bei einem Unplugged im Dortmunder Konzerthaus, dann bei einem Open-Air in einem Schöppinger Freibad. Den Vogel schoss aber wohl das Konzert auf der Ahauser Stattalm am Rand einer Eislauffläche ab. Die einzige Clubshow, die wir bisher mit Polarkreis 18 gesehen haben, war die im Frühjahr in der Bochumer Zeche. Eine ganz deutliche Entwicklung in dieser Zeit war das Publikum, das sich mit zunehmendem Erfolg deutlich änderte. Waren beim Unplugged und beim Open Air in Schöppingen noch größtenteils Anhänger von Indie-Musik anwesend, mischten sich mit der Zeit auch immer mehr Familien und Charts-Jünger unter das Publikum. So fiel dann auch beim diesjährigen Zeltfestival zuerst die frühe Anfangszeit auf, was aber wohl auch der Veranstaltung an sich geschuldet war.

Das Zeltfestival Ruhr ist, wie es der Name schon vermuten lässt, im Grunde eine Zeltstadt. Die wurde am Kemnader See zwischen Bochum und Witten aufgebaut, wo über mehrere Tage gefeiert wird. Vom 21. August bis 6. September werden da unzählige Künstler durch drei große Veranstaltungszelte geschleust, darunter unter anderem Heather Nova, Selig, Henry Rollins, Silbermond und eben Polarkreis 18. Rund um die Veranstaltungszelte gab es jede Menge Fressbuden, Getränkestände und kleine Veranstaltungen für die ganze Familie. Die Seewiesen wurden allerdings mit Brettern verrammelt, so dass alle Besucher sich über Stege zwischen den Zelten und über die Veranstaltungsflächen bewegten, was den Charme der Veranstaltung doch etwas beeinträchtigt. Aber kommen wir zum Anlass unseres Besuchs, Polarkreis 18. Der Einlass zum Konzert erfolgte bereits um 18 Uhr, da es sich bei der Veranstaltung ja um eine Art Familienfest handelt, musste schließlich auch früh begonnen werden. Der Eindruck von Familienfest war dann auch ganz richtig, denn in der Schlange waren Bersucher in verschiedensten Alterklassen, von 8 bis 68 zu sehen. Keine Spur mehr vom homogenen Indie-Publikum von einst. Die Besucher von Polarkreis 18 Konzerten sind nun bunt gemischt, ein weiteres Novum ist dazu noch, dass die Band nun ein Grüppchen von eingefleischten Fans hat, das der Band von Ort zu Ort hinterher reist.

An der Größe des Zeltes zeigte sich dann leider eine gewisse Fehlplanung der Veranstalter. Polarkreis 18 hatten zwar einen Nummer 1 Hit und ein Top 10 Album, dennoch füllen sie deshalb noch lange kein Zelt in einer Größenordnung von 1.500 – 2.000 Menschen. Da muss man einfach nur zum Vergleich nehmen, dass die Band sonst in Bochum so gerade die Zeche gefüllt hat. So füllte sich das Zelt insgesamt vielleicht auf ein Drittel der Kapazität. Beim lokalen Support, der Deutsch-Pop Band Frida war davon vielleicht schon die Hälfte anwesend. Der Grund, warum sich diesen Support viele sparen wollten zeigte sich dann schnell, denn die Musik war alles andere als ein wirkliches Highlight, aber zumindest für einen Familienfest-Rahmen ganz passend. Ihr Sound zeigte Anleihen aus Deutsch-Pop, Schlager und ein bisschen Indie. Sängerin Alina schien offensichtlich ihre Lektionen in Sachen Deutsch-Pop mit weiblicher Stimme gelernt zu haben. Bei schnelleren Songs zog sie einen Schmollmund und sang mit dieser typischen, bereits zum Klischee gewordenen Rotzigkeit in der Stimme. Wenn es dann langsamer wurde, kramte sie die gewollt gefühlvolle Schlagerintonation raus. Tänzerisch bewegte sie sich dann irgendwo zwischen Ententanz und Shakira. Kombiniert mit Ansagen, wie „Wow, ihr seid ja ein richtig freshes Publikum“ war das schon eine Spur andersartig, als die Supportbands, die wir sonst erleben, aber nach knapp 30 Minuten war der Spuk dann auch schon vorbei. Es würde uns auch nicht überraschen, wenn wir die Band bald in einer Reihe mit Juli, Silbermond und anderen Deutsch-Pop Größen sehen, was wir ihnen natürlich keineswegs vergönnen möchten.

Um Punkt 20 Uhr war es dann soweit, Polarkreis 18 betraten zum Intro von „Allein Allein“ die große Bühne. Wie bereits auf anderen Konzerten zur Tour kam zuerst nur die Band ohne Sänger Felix, alle trugen „Grubenlampen“ auf dem Kopf, die sie in einer festen Choreographie auf und ab bewegten. Direkt fiel allerdings auf, dass Keyboarder Bernhard / Silvester Wenzel im Hintergrund fehlte. Eine Erklärung dazu sollte Felix später liefern. Silvester war nämlich früher am Tag mit dem Rad gestürzt und hatte sich eine Hand und ein Auge verletzt, weshalb Ludwig nun für Zwei arbeiten musste, was er natürlich mit Bravour meisterte. Das Intro von „Allein Allein“ ging dann direkt über in „The Colour Of Snow“, zu dem Felix aus dem Hintergrund auf die Bühne stürmte. Das nun etwas besser, aber auf Gesamtgröße gesehen immer noch kläglich, gefüllte Zelt nahm diesen Energie geladenen Beginn noch etwas verhalten auf. Felix stürmte dennoch gewohnt von einer Ecke zur nächsten und erklomm sogar die Streben am Bühnenrand. Der zu diesem Zeitpunkt noch etwas matschige Sound hinderte den Funken vielleicht einfach noch am überspringen. Aber schon beim zweiten Stück erschallte der Sound in ganzer Pracht, die Techniker hatten ihn wohl an die Fülle des Zelts angepasst.

Ab dann entwickelte sich der Abend tempo- und abwechslungsreich, wie man es schon immer von einem Konzert mit der Band aus Dresden gewohnt ist. Der Schwerpunkt lag wenig überraschend auf dem zweiten Album „The Colour Of Snow“, dabei wurden insbesondere die schnelleren Stücke vom Publikum ausgelassen gefeiert. So etwa der Album-Opener „Tourist“ und das druckvolle „Prisoner“. Die größten Highlights waren allerdings die Stücke des ersten Albums, wie „Crystal Lake“, das bereits sehr früh seinen Weg in die Setlist fand, oder auch das warme „Somedays Sundays“. Während „Comes Around“ kletterte Sänger Felix ins Publikum und erklomm eine Säule, die relativ nah bei der Bühne die Decke des Zelts stützte. Wenn wir allerdings sagen, die Stücke stellten besondere Highlights dar, gilt das wohl nur für uns und vielleicht eine handvoll weitere Leute beschränkt, denn einem Großteil des Zelts schienen die Stücke leider vollkommen neu zu sein.

Das stellte natürlich keine Überraschung dar, denn Polarkreis 18 existieren ja schließlich erst seit ihrem Hit „Allein Allein“. Das sollte aber erst später folgen, auch wenn Teile des Publikums es in einigen Song-Pausen bereits früher forderten. Vorher fand sich beispielsweise auch noch die Bandhymne „Dreamdancer“ in der Setlist wieder. Zu dem Song kam Felix in einem neuen, nennen wir es Dreamdancer-Kostüm auf die Bühne. Das Kostüm wirkte ein wenig wie eine Mischung aus Matrosenanzug und FDJ-Uniform. Besondere Akzente dabei waren die schwarze Strumpfhose, die Felix zu den Shorts trug und die futuristische Sonnenbrille. Kombiniert mit High Heels hätte das sogar aus dem Kleiderschrank eines Patrick Wolf stammen können. Ohne Sonnenbrille war das dann auch besser anzusehen. Spätestens mit „Dreamdancer“ bestätigte sich für uns auch der Eindruck Zeuge einer astreinen und hochunterhaltsamen Popshow zu sein. Getoppt wurde die natürlich durch „Allein Allein“ als letztes Stück vor den Zugaben, das mitsamt Chor und Aufspring-La-Ola auf sechs Minuten gestreckt wurde. Felix feuerte den Chor immer wieder an und witzelte dabei ein wenig über darüber, wie spärlich das Zelt gefüllt war, so rief er „so, jetzt tut mal, als wärt ihr 617, und jetzt schreit wie 862“. Schön war hier auch zu beobachten, wie viel rockiger die Band das Stück mittlerweile umsetzt, die E-Gitarre donnerte schön und auch das Schlagzeug wirkte sehr druckvoll. Der anschließende Jubel war natürlich überschwänglich und ausgelassen. So kam die Band dann auch schnell auf die Bühne zurück, um die Zugabe „Look“ anzustimmen. Die kündigte Felix dann mit den Worten „jetzt kommt ein Stück vom ersten Album. Ja, Polarkreis 18 haben eine Vergangenheit!“ an. Hier steigerte sich die Band noch einmal in ausgelassene Spielfreude. In bester Post-Rock Manier wurden hier Soundwände aufgebaut und stimmige Instrumental-Passagen geformt, die abwechslungsreich mit Gesangspassagen durchbrochen wurden. Während einer längeren Instrumental-Passage kamen dann auch die Masken zum Einsatz, die schon eine Weile zum Inventar gehören. Auch im Publikum waren die nun vielfach zu sehen, was eine gewisse unheimliche Note hatte, aber den Effekt noch zu verstärken wusste. Nach einem langen „Look“ verbeugte sich die Band noch einmal und verließ die Bühne. Es folgte langer und ausgelassener Applaus, zu dem Felix noch einmal allein auf die Bühne kam und das Stück „River Loves The Ocean“ anstimmte. Das spielte er ganz allein am Klavier und verließ direkt im Anschluss unter tosendem Applaus die Bühne. Ein gelungener Abend also, bei dem die Band auch ein wenig den Eindruck hinterließ, sich mit etwas rockigerem Sound und längeren Instrumental-Passagen wieder mehr auf ihren Sound um den Release des ersten Albums konzentrieren zu wollen.

Nach diesem letzten regulären Konzert zum zweiten Album spielen Polarkreis 18 übrigens noch drei Konzerte, zwei davon mit Orchester und Kinderchor, um sich danach wieder ins Studio zu begeben. Wir freuen uns bereits jetzt, dann vielleicht auch wieder auf ein paar Clubshows.

Fotos: Ariane WhiteTapes

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