Konzertberichte

Polarkreis 18, Ahaus, Stattalm, 24. Januar 2009

Foto: Ariane WhiteTapes

Trotz schon vor Jahren geplatzter New Economy Blase und momentaner Weltwirtschaftskrise gibt es immer noch Unternehmen, die nicht jammern, sondern sich auch gern mal etwas leisten. Im münsterländischen Ahaus sitzt eines dieser Unternehmen, die Software-Experten von Tobit. Neben ihrem eigenen Kerngeschäft leisten die sich noch einen kleinen Vergnügungspark und schon im zweiten Jahr eine eigene Almerlebniswelt mit Eislaufhalle. Hier wurde in der Mitte eines riesigen Zeltes eine Eisfläche angelegt, drumherum gibt es Büdchen mit Waffeln, warmen und kalten Getränken und sogar eine Almhütte. Eine Firma die sich so etwas leistet, die weiß natürlich auch zu feiern und so luden sich die Damen und Herren von Tobit neben zahlreichen Gästen auch die Chart-Newcomer des Winters zu ihrem Firmenevent.

Foto: Ariane WhiteTapes

Da Tobit aber auch der Stadt Ahaus sehr verbunden ist, wurden Polarkreis 18 gleich für zwei Tage verpflichtet und spielten nach einem Konzert vor geschlossener Gesellschaft am nächsten Abend gleich noch einmal vor der zahlreich erschienen Dorfjugend, die in den kommenden Wochen in dieser Umgebung unter anderem noch DJ Ötzi abfeiern sollen. Ein Abend in Ahaus, also, der einer Begegnung der etwas anderen Art gleichkommen sollte. Das begann schon beim sehr heterogen gemischtem, dörflich geprägtem Publikum, dass man so sicherlich nicht in einer Konzertlocation in Münster, geschweige denn Köln angetroffen hätte. Die Location tat ihr übriges, uns an diesem Abend vollständig fertig zu machen. Die Bühne befand sich nämlich nicht irgendwo auf dem Gelände, sondern direkt am Rand der Eisfläche, auf der ab zwei Stunden vor dem Auftritt von Polarkreis 18 Menschen zwischen 8 und 68 noch fröhlich zu Almgedudel und Aprés Ski Hits Eis liefen, was die Wartezeit nicht unbedingt verkürzen sollte. Der Höhepunkt der irritierenden Ereignisse folgte dann mit dem Ansager, der vom Lokalradio WMW gestellt wurde, der in bester Aprés Ski Almparty Manier tierisch gut drauf war, und trotz eisiger Kälte leider nur ein Wortspiel mit Polarkreis 18 hinbekam, nämlich eines mit dem Hit „Allein Allein“. Nach diesem traurigen Schauspiel eines Ansagers folgte aber ein Auftritt, der für beinahe alles bisher gesehene und gehörte entschädigen sollte.

Foto: Ariane WhiteTapes

Bei dieser Entschädigung wussten die Dresdner von Beginn an zu begeistern, um auch gleich allen Anwesenden klar zu machen, wer sie sind wurde das seit der Herbsttour typische Intro mit dem Chor aus „Allein Allein“ angestimmt, das mit Erscheinen von Felix auf der Bühne beinahe nahtlos in die neue Single „The Colour Of Snow“ überging. Schon bei diesem Stück tanzte Sänger Felix Räuber wie ein Derwisch von links nach rechts über die Bühne, drehte sich dabei im Kreis und schmiss die Arme in die Höhe. Besonders interessant zu beobachten war dabei die Live-Umsetzung der Songs des neuen Albums, die stark von Orchestersounds geprägt, live völlig ohne dieses auskommen müssen. Die erste Bewährungsprobe dafür war das Stück „Prisoner“, dass auch ohne Bläser und Streicher nichts an Druck und Energie einbüßen musste. Trotz Nummer 1 Hit tändelte Sänger Felix Räuber zwischen in den Songs extrovertiert schreiend und in den Pausen schüchtern mit dem Publikum redend. Augenscheinlich peinlich berührt war er dann, als er in einer Pause in einer Ansage den Namen der Stadt erwähnen wollte, in der er sich nun schon zwei Tage befand, ihm das Wort Ahaus aber einfach nicht über die Lippen kommen wollte. Das erste ältere Stück des Abends „Somedays Sundays“ war dann die erste Herausforderung an das Publikum, das größtenteils offensichtlich nur aufgrund des neuen Albums „The Colour Of Snow“ und dem darauf enthaltenen Hits „Allein Allein“ erschienen war, so mischten sich nach dem letzten Takt Applaus mit ersten „Allein Allein“ Rufen.

Foto: Ariane WhiteTapes

Rufe, die die Band noch nicht erhören wollte, viel lieber spielten sie nach „130/70“ mit dem „Herbstlied“ und „Crystal Lake“ noch zwei ältere Stücke. Nach dem post-rockigen „Crystal Lake“ schien das Publikum dann aber auch von den älteren Songs überzeugt gewesen zu sein und das allgemeine Gebrabbel in der Masse wich für die nächsten Stücke wieder einem größtenteils aufmerksamen Zuhören, so dass nun auch die Chance bestand Felix Fäuber beim ganz allein am Klavier vorgetragenen „River Loves The Ocean“ auch hören konnte. Den Höhepunkt, dem das Publikum mit „Allein Allein“ entgegenfieberte, machten sich die Anwesenden dann selbst zur Farce, denn statt der offensichtlichen Aufforderung den Chor des Stücks nachzusingen verstummte das Publikum nach dem Einsingen. Leicht irritiert blickte sich die Band an und versuchte es noch einmal, was Sänger Felix Räuber nur mit einem „Okay, das üben wir jetzt aber noch einmal, wie wir heute mittag mit dem Eislaufen“. Das schien das Publikum nun endlich verstanden zu haben und sang zunächst zurückhaltend „Allein Allein“, erst nachdem Felix noch einmal stichelte und sagte „Wir haben hier gestern vor einer Horde Geschäftsleute gespielt und die sind vielmehr abgegangen als ihr heute“ war der Chor dann auch laut genug, um mit der Lautstärke der Instrumente mithalten zu können. Vielleicht wäre das mit einem Song wie „Hey Baby“ an diesem Abend einfacher gewesen. Nach einer kurzen Pause, die durch einen Chor aus „Allein Allein“ singenden Ahausern begleitet wurde kamen Polarkreis 18 noch für ihre erste und letzte Zugabe, das Stück „Look“ zurück. In den knapp 70 Minuten des Konzerts konnte die Band beweisen, dass sie auch vor einem bunt gemischten Familienfest-Publikum bestehen und eine gute Show abliefern können, so gönnt man ihnen den Erfolg noch mehr, auch wenn Konzerte der Band, bei denen man nicht auf dem kalten Eis stehen muss auch etwas für sich haben.

Fotos: Ariane WhiteTapes

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