Konzertberichte

Placebo, Köln, Gloria, 03. Juni 2009

Mit seinem Pferdeschwanz sieht Brian Molko ein wenig wie die Zuhälterversion des 80er Jahre „With Or Without You“ Bono Vox aus. Aber gehen wir nicht nach Äußerlichkeiten. Placebo sind also zurück und haben mit neuem Album zu alter und auch vor allem neuer Stärke gefunden. Das verursacht natürlich ein großes Rauschen im Blätterwald, das Placebo immer wieder anfüttern. Erst durch einen geschenkten Song, eine obligatorische Single, Fernseh-Auftritte, ein Interview-Marathon nach dem nächsten und die stückweise Bekanntgabe von Tour-Daten. „Die kommen doch eh nur in die großen Hallen“ ist da die bekannte Angst. Aber zum Glück gibt es da diesen tollen Sender in NRW, der sich 1Live nennt und immer mal wieder Bands für exklusive Radiokonzerte verpflichtet. Pünktlich zum neuen Album „Battle For The Sun“ wurden nun auch Placebo für ein Konzert im Kölner Gloria verpflichtet. Die Karten sollten eigentlich nur verlost werden, auf Druck der Band gingen in quasi letzter Minute auch noch ein paar hundert Karten in den Vorverkauf. Die Erwartungshaltung war hoch, die Vorfreude der Fans auch und so fanden sich Gerüchteweise bereits um 11 Uhr die ersten Hartgesottenen am altehrwürdigen Theater ein, um später ganz nahe bei Brian zu sein. Knapp 90 Minuten vor Einlass war die Schlange vor’m Gloria aber auch noch nicht wirklich lang und so stand einer guten Sicht im dank schräg nach unten zur Bühne laufendem Boden übersichtlichen Gloria nichts im Wege. Brian ist ja schließlich nicht der Größte, da ist eine gute Sicht entscheidend.

Für Punkt 21 Uhr waren Placebo laut 1Live angekündigt. Das bedeutet aber, erst kommen noch Nachrichten. Danach wurde es aber dunkel im Gloria und die Band stürmte die Bühne. Im Vorfeld war uns bereits klar, dass Placebo eigentlich Background-Musiker haben müssten, da sich sonst der Gitarrensound unmöglich so gewaltig werden kann, wie die Band ihn auf ihren Aufnahmen präsentiert. Die Zahl der Musiker überraschte uns dann doch etwas. Zu Sänger Brian Molko, Stefan Olsdal und Neu-Drummer Steve Forrest gesellten sich nämlich noch Zweit-Gitarrist, -Bassist und Keyboarder Bill Lloyd, Gitarrist und Keyboarder Alex Lee und noch eine junge blonde Dame, die sich um Geige und Keyboards kümmern sollte (angeblich war ihr Name Fiona Brice, genau erinnern wir das aber leider nicht). Macht in der Summe drei zusätzliche Musiker, die Brian alle später auch als seine Band vorstellte. Die Rollen waren dennoch klar verteilt. Brian und Stefan waren auf der Bühne weit in den Vordergrund gerückt, während die anderen vier im hinteren Teil der Bühne in einer Reihe aufgebaut waren. Da es sich um ein Konzert zur Präsentation des neuen Albums handelte, sah auch die Setlist entsprechend aus. Diese sah nämlich zu Beginn gleich die ersten vier Songs von „Battle For The Sun“ vor. Mit „Kitty Litter“ stieg die Band direkt druckvoll ein und ließ auch bei „Ashtray Heart“ noch nicht ab. Erst nach dem zweiten Song begrüßte Brian Molko kurz das euphorisch laute Publikum. Überhaupt waren auffallend viele junge Mädchen anwesend, die laute spitze „Briiiian!“-Schreie von sich ließen. Schon seltsam, wenn man bedenkt, dass der werte Brian mit seinen mittlerweile 37 Jahren auch der Vater vieler dieser Mädels sein könnte. Wie diese Sorte Mädchen so ist, wurden auch einige der im kleinen Mosh-Pit tanzenden immer mit bösen Blicken versehen, wenn sie die eng gedrängten in der ersten Reihe kreischenden mal streiften. Das sorgte also eher für verhaltene Bewegungen aber eine beachtliche Lautstärke der knapp 1.000 Besucher.

Von den noch frischen Songs wurden natürlich die bereits bekannten „Battle For The Sun“ und „For What It’s Worth“ am lautesten bejubelt. Die lauteste Begeisterung kam aber natürlich bei den Klassikern auf. Diese feierte das Publikum so sehr, dass man Brian Molko an einem breiten Grinsen und häufigen „Thank You“ anmerkte, wie gut es der Band tat. Insbesondere beim Überhit „Every You Every Me“ gab es kein Halten mehr. Überraschend laut auch das Mitsingen und der Jubel bei „Neverending Why“, seltsam wie viele Menschen zwei Tage vor Album-Release bereits so gut mitsingen können. Der Grund dürfte auf der Hand liegen. Auch „Meds“ vom durchschnittlichen letzten Album der Band peitschte die Stimmung weiter hoch. Nach „Come Undon“, dem letzten neuen Song zündeten Placebo dann noch einmal ein kleines Hit-Feuerwerk. Das Mitsingen des Publkikums bei „Special K“ funktionierte dabei leider nicht so, wie Brian Molko sich das scheinbar vorstellte, dafür war das Publikum bei „Song To Say Goodbye“ und den beiden Zugaben „Infra Red“ und „Bitter End“ wieder voll dabei. Mit „Taste In Men“ verabschiedeten sich Placebo dann nach knapp 90 Minuten mit einem Klassiker von der für ihre Verhältnisse kleinen Bühne des Gloria, um am Wochenende bei Rock Am Ring 85.000 Menschen zu zeigen, wo der Pop-Rock-Hammer hängt. Dann vielleicht auch mit ein paar Klassikern vom Debüt und „Without You I’m Nothing“, die mit Ausnahme von „Every You Every Me“ bei diesem schönen Abend im Gloria leider fast gänzlich im Set fehlten. Dennoch ein toller Abend und eine weitere Band, die wir auf unserer Liste „Bands, die man live gesehen haben muss“ abhaken können, 1Live sei Dank.

Fotos: Ariane WhiteTapes

Das komplette Konzert bei 1Live im Videostream

Setlist:

Kitty Litter
Ashtray Heart
Battle For The Sun
For What It’s Worth
Soulmates
Speak In Tongues
Cops
Every You Every Me
Julien
Special Needs
Neverending Why
Devil In The Details
Happy You’re Gone
Meds
Come Undone
Special K
Song To Say Goodbye

Infra Red
Bitter End

Taste In Men

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