Konzertberichte

Paul Smith, Frankie & The Heartstrings, Gravenhurst @ Botanique, Brüssel, 21. November 2010

Knappe zwei Wochen ist es schon her, dass wir uns in Köln beim letzten Konzert seiner Deutschland-Tour von den Solo-Livekünsten von Paul Smith überzeugen durften. Und das er überzeugte, konntet ihr ja hier bereits nachlesen. Das fanden auch die gut 300 anderen Fans im Gebäude 9, die zufrieden die Konzerthalle verließen. Mit großen Erwartungen waren wir dann natürlich auch in die belgische Hauptstadt gefahren, um dort nicht nur eine der schönsten europäischen Konzertlocations zu sehen, sondern mit Gravenhurst, Frankie & The Heartstrings und Paul Smith einer musikalischen Kombi beizuwohnen, die großartige Unterhaltung versprach. Nach einstündiger Parkplatzsuche rund um den namensgebenden botanischen Garten – warum machen die zur Location gehörigen Parkhäuser in Brüssel sonntags schon um 22 Uhr zu? – entflohen wir erst einmal der Kälte ins Innere des Botanique.

Dort konnten wir noch dem Soundcheck von Frankie & The Heartstrings aus Sunderland lauschen, bevor es auch irgendwann mit dem Einlass losging. Wir erwarteten einen großen Andrang von Menschen, die dem Ruf dieses famosen Line-Ups folgen würden. Warteten aber vergebens, denn gerade einmal knappe 40 zahlende Gäste fanden sich in der Rotonde unter der Kuppel des Botanique ein und nahmen auf den Rängen Platz. Recht schnell nach Einlass betrat dann auch Nick Talbot, der nach wie vor solo als Gravenhurst unterwegs ist, die Bühne. Der Applaus zu Beginn war zunächst verhalten und es war deutlich zu merken, dass das Publikum mit dem Namen Gravenhurst nicht viel anfangen konnten. Nick schien zudem ein wenig verunsichert durch das Publikum, das sitzend gute 3 m Mindestabstand auf den Rängen hielt und den jungen Mann aus Bristol mit großen Augen anschaute. So nutzte er beinahe jede seiner Ansagen dazu, den Song kurz vorzustellen, sowie das Album, von dem dieser stammt und das Jahr, in dem dies veröffentlicht wurde. Die in den Songs mehrfach geloopten E-Gitarrenklänge, mit der sanften Stimme von Nick schienen gut bei den Besuchern anzukommen und sorgten für warmen Applaus. Insbesondere beim obligatorischen „Nicole“ und natürlich beim großartigen Abschluss „Black Holes In The Sand“, nach dem sich Nick mit einem großen Feedback-Gewitter verabschiedete und scheinbar wirklich ernst gemeint lauten Applaus erntete.

Nach kurzer Umbaupause folgte eine Band, die für uns jetzt schon zu den Newcomern schlechthin dieses Jahres gehört. Nämlich Frankie & The Heartstrings aus Sunderland. Auf ihrer Deutschland-Tour mit Wild Nothing konnten wir sie leider nicht sehen, da war es umso großartiger, dass sie Paul Smith an diesem Abend supporteten. Ab dem ersten Takt zappelte Sänger Frankie Francis auf einem Bein tanzend und sich immer wieder durch die Haare fahrend über die Bühne und schmiss sich mit voller Kraft in die Songs. Man hatte den Eindruck ein gewisser Stephen Patrick Morrissey sei wieder 30 Jahre jünger und hätte sich einer anderen Band angeschlossen. Nicht rein zufällig verbergen sie in ihren Songs auch nicht wenige Elemente des Sounds von The Smiths. Das Publikum zeigte sich jedoch unbeeindruckt von der tanzfreudigen Band und blieb stur sitzen. Drei junge Mädchen (ich konnte mich einfach nicht zurück halten) hielt es allerdings nicht still auf den Holzbänken und bei „Ungrateful“ nutzten sie den Raum vor der Bühne für einen ausgelassenen Tanz. Schade, das nicht noch mehr sich haben anstecken lassen. Am Sound von Frankie & The Heartstrings und auch ihrer Performance konnte es nicht liegen. Hier treffen infektiöse Indie-Sounds auf charmante 80er-Anleihen und jede Menge Leidenschaft und gute Laune.

Einem tollen Set einer vielversprechenden jungen Band folgte im Anschluss wieder eine kurze Umbaupause und im schließlich der Hauptdarsteller des Abends, Paul Smith und seine Band. Die Akteure haben wir euch bereits beim Köln-Konzert vorgestellt und auch der Verlauf war zunächst zu vergleichen. Der Start erfolgte mit „While You In The Bath“, beim folgenden „North Atlantic Drift“ wurde dann auch das Tempo etwas angezogen. Beim Publikum setzte allerdings leider keine Tanzlaune, sondern vielmehr eine Art Fluchtinstinkt ein, der sich mit fortlaufendem Set immer weiter fortsetzte. Aus irgendeinem Grund schien die Mischung aus ruhigen, anspruchsvolleren Klängen, die Paul auf seinem Album „Margins“ versammelt,  die Belgier eher abzuschrecken. Auch der Applaus zwischen den Stücken war zunächst immer eher verhalten, bzw. wirkte bei einigen beinahe erzwungen. Natürlich bemerkte auch Paul Smith, dass immer mehr Menschen den Raum verließen und nie wieder gesehen wurden. Die sichtlich anzumerkende Irritation überspielte der Sänger aus Billingham mit kleinen Witzchen über Pinkel-Pausen und frühe Bettgehzeiten am Sonntagabend.

Allerdings hatte dieses leicht seltsame Fluchtverhalten auch eine gute Seite: der Applaus der wenigen Gebliebenen wirkte nun umso ehrlicher und auch die seit Anfang an im Publikum zu sehenden Frankie & The Heartstrings trugen weiterhin ihren euphorischen Teil zur Stimmung bei. Nach Ende des regulären Sets war die Zahl der Zuschauer auf etwa 15 geschrumpft. Diese 15 bekamen dann aber im Zugabenteil eine besondere Überraschung, denn für „Pinball“ schaltete Paul Verstärker und Mikro aus und trug den Song am Bühnenrand, unplugged von Andy an der Ukulele begleitet vor. Ein ganz besonderer Gänsehautmoment im deutlich intimerem Rahmen, als noch in Köln. Die folgenden Zugaben „Tanned“ und die großartige Version von „By The Monument“ / „Apply Some Pressure“ mit Jeff Buckley Momenten, rundeten einen Konzertabend mit tollen Musikern und großem Unterhaltungswert in einer der schönsten Konzertlocations ab. Wer da nicht jede Minute genossen hat, dem ist auch nicht mehr zu helfen.

Fotos: Ariane WhiteTapes – Paul Smith geschossen beim Köln-Konzert, mehr davon hier
Frankie & The Heartstrings hier

Discussion

Comments are closed.

Archive