Konzertberichte

Patrick Wolf + Steve Strange, Köln, Offenbachplatz (c/o pop), 13. August 2009

Mit Köln verbindet Patrick Apps, besser bekannt als Patrick Wolf, schon eine ganze Weile eine besondere Beziehung. Nachdem kein englisches Label ihn im zarten Alter von zwanzig Jahren unter Vertrag nehmen wollte, um 2003 sein Debüt „Lycantrophy“ zu veröffentlichen, fand sich das kleine Kölner Indie-Label Tomlab. Dort veröffentlichte er dann auch 2005 das Folgealbum „Wind In The Wires“, währenddessen feilte Patrick auch immer weiter an seinem Ruf als extravagenter Performer. Den sollte er für sein drittes Album „The Magic Position“, das er 2007 auf Loog Records veröffentlichte, perfektioniert haben. So stand im Mai 2007 ein stark angetrunkener und leicht derangierter Patrick Wolf auf der Bühne des Kölner Gebäude 9 um eine schwache und angsterregende Performance zu bieten. Er schien offensichtlich ziemlich fertig zu sein und so wunderte es nicht, dass er in der Nacht nach seinem Konzert den ersten von vielen Rücktritten in seinem Blog bekannt gab. Bei den anschließenden Terminen feuerte er noch seinen Drummer live auf der Bühne und war angeblich in das ein oder andere Handgemenge verwickelt.

Das Karussell drehte sich weiter, Patrick unterschrieb bei Universal, ließ den Deal platzen und finanzierte sein neues Album „The Bachelor“ über Bandstocks. Im Anschluss sah man immer wieder einen quasi neugeborenen Patrick Wolf. Der war gut gelaunt bei seinen Shows, gab freundliche Interviews und machte auch nur noch mit Handgemengen bei Madonna Konzerten von sich Reden. So freuten wir uns diesen Patrick Wolf bei einem Konzert in Köln sehen zu können, nun unter besseren persönlichen Umständen des Künstlers. Die Umstände des Konzerts hätten auch besser nicht sein können, für das Vorprogramm waren Micachu & The Shapes, das Projekt der britischen Musikerin Mica Levi angekündigt, die im März mit „Jewellery“ ein tolles Debüt-Album vorlegte. Leider sagte die doch in letzter Minute ab und die Besucher mussten mit Visage Sänger Steve Strange vorlieb nehmen, der sich mit seinem Solo-Projekt angekündigt hatte. Parallel wurde dann kurzerhand noch der Beginn des Konzerts, der ein paar Tage zuvor auf 19 Uhr vorverlegt wurde wieder auf 20 Uhr verlegt.

Das Gute daran, die Frühkommer konnten Patrick noch beim Soundcheck zu hören, bevor sie um 19 Uhr dann auf den Offenbachplatz gelassen wurden. Der ist ein schöner Platz an der Kölner Oper, umgeben von den Operterassen und dem Operngebäude an dessen Ende eine kleine Festivalbühne aufgebaut war. Pünktlich zum neuen Start um 20 Uhr wankte dann auch Steve Strange in pinken Stöckelschuhen und blauem Kostüm auf die Bühne. Seinen Kopf zierte ein putziger Federhut und eine mit Glitzersteinchen besetzte Sonnenbrille. Wie sich Steve Strange dann so an sein Mikro stellte, wirkte er, als würde er jeden Augenblick nach vorne über kippen. Steve erklärte erst einmal warum er zurück sei, was er nun vorhabe und stellte dann seine beiden Co-Musiker vor. Da war zum Einen ein junger Mann an den Synthies, der sich hinter seiner Sonnenbrille versteckte und eine junge Dame im knappen Kleid mit noch opulenterem Federhut als Steve. Die Befürchtung, die viele schon aufgrund des Anblicks des mehr als derangiert wirkendem Steve Strange hatten, sollte sich bewahrheiten und das zum Besten gegebene Material war absolut unerträglich. Aus den Boxen kamen Beats und Synthies, die von der Backgroundsängerin und Steve Strange mit Gesang versehen wurden. Steve selbst schlug sich dabei eher schlecht als recht und schaffte es kaum mit dem Playback, dass parallel auch noch aus den Boxen kam, mitzuhalten und ließ auch häufiger mal die ein oder andere Zeile aus. Als er dann nach ein paar Songs die Bühne verließ, um dem Musiker an den Synthies für ein Solo die Bühne zu überlassen schien das Schlimmste überstanden. Denn nach dem Solosong kam Steve eine ganze Weile nicht zurück und der Synthiespieler wirkte ziemlich ratlos. Das Publikum quittierte den Abgang dann auch erst mit einem Lachen und die Erleichterung war greifbar. Nach knapp 10 Minuten kam Steve Strange allerdings doch zurück, nun im karierten grauen Anzug mit schwarzem Hut und ohne Sonnenbrille. Neben den beiden erwähnten Musikern kamen dann noch zwei Keyboarder mit auf die Bühne. Steve entschuldigte sich dann kurz für die lange Pause zwecks Kostümwechsel und gab dann noch ein paar Songs zum Besten. Seine Probleme mit dem Playback blieben die Gleichen. Auch seine Band schien den herum wankenden 50jährigen nicht allzu ernst zu nehmen und so grinsten sich die beiden neuen Keyboarder, von denen einer nicht einmal spielte, immer breit an. Zum Abschluss seines Sets spielte Steve Strange dann noch den Visage Klassiker „Fade To Grey“, bei dem Steve auch keine gute Figur machte. Es war alles in allem eine absolut traurige Vorstellung eines Musikers, der nach jeder Menge Drogenproblemen ganz offensichtlich am Ende ist. Steve Strange konnte einem bei aller Bedrohlichkeit, die er derangiert und im Kostüm ausstrahlte eigentlich nur leid tun, ein solch unwürdiges Schauspiel hätte er sich (wie auch immer die Umstände zum Zustandekommen waren) nicht antun dürfen.

Nach einer kurzen Umbaupause, bei der die Erinnerung an Steve Strange von vielen mit einem Extra-Bier ausgelöscht wurde, betrat Patrick Wolf zum Intro von „Vulture“ dann die Bühne in einem schmuckem roten Kostüm, über dem er ein rotes Bolero ähnliches Etwas mit starken Schulterpolstern trug, . Seinen Kopf schmückte ein Pferdegeschirr mit allerlei Gebommel dran. Zu „Vulture“ lief er damenhaft herum, posierte vor den Kameras und räkelte sich auf dem Boxenturm, wobei er auch den schwarzen Überwurf auszog. Besonders schön anzusehen war das breite Grinsen, das Patrick die meiste Zeit auf seinem Gesicht trug. Der Eindruck, Patrick Wolf sein nun ein anderer, schien sich zu bewahrheiten. Der Musiker war gut gelaunt und schien sich absolut wohl zu fühlen in seiner Haut und seinem Kostüm. In Richtung Publikum bedankte er sich immer wieder für die tolle Unterstützung und erläuterte auch kurz einmal seine besondere Beziehung zu Köln. Die eigentliche Setlist unterbrach er mit seiner Band dann immer wieder durch ältere Songs, wie zum Beispiel „Tristan“, das vom Publikum laut mitgeschrien wurde. Zwischendurch verließ er dann auch kurz die Bühne für einen Kostümwechsel, den nutzte die Band für ein Solo, das so dann in das nächste Stück überging, bei dem Patrick aus dem Backstage Bereich dann auch seinen Gesang einsetzte. Er war in Partylaune und das Publikum ganz offensichtlich auch und so feuerten sich Publikum und Musiker gegenseitig immer weiter an. Bei „Battle“ stürmte Patrick Wolf dann ins Publikum, nachdem dieses  seine Idee des Crowdsurfing wohl nicht so toll fand und lief durch die Menge. Dabei sang er mit den Anwesenden den Song, küsste ein paar junge Männer, die seinen Weg kreuzten auf die Wange und reichte das ein oder andere Mal das Mikro an ein paar junge Damen in der ersten Reihe. Nach dem tollen und live besonders rockigen „Hard Times“ sagte einer der Techniker Patrick Bescheid er habe nur noch vier Minuten, dann sei Zapfenstreich. Das quittierte er nur mit dem Spruch „They said, I’ve only got four minutes left, which for me means two songs“. Das würden zwar eigentlich acht Minuten sein, Patrick schien aber zuversichtlich und hetzte durch „Accident & Emergency“. An dessen Ende fragte Patrick „Can you still hear me?“. Dann tauchte wieder ein Mann von hinten auf und sagte, dass ihm nun der Strom abgestellt würde, wenn er weiter macht. Hier nahm der Abend dann auch eine unerwartete Wendung.

Zunächst provozierte Patrick ironisch die Stage Managerin mit Worten wie „Bitch“ und „Motherfucker“, hier wirkte das aber noch alles mehr wie Spaß. Nach dieser Beleidigungsorgie setzte er sich an sein Keyboard und versuchte die ersten Takte von „Magic Position“ zu spielen, was ihm aber verwehrt blieb, weil ihm ob drohendem Zapfenstreich der Saft abgedreht wurde. Das quittierte er dann mit einem Mikrowurf, dem ein weiteres Mikro, ein Hocker, zwei Mikroständer und Feuchtigkeiten aus seiner Mundhöhle folgten. Cooler wäre natürlich gewesen einfach Acapella weiter zu machen, aber da Patrick Wolf in Teilen doch noch der alte Hitzkopf ist folgte der übertriebenen Vorsicht der Stage Manager drei Minuten vor 22 Uhr den Saft abzudrehen eine absolut nicht gut zu heißende Überreaktion des Musikers, der in Kauf nahm auch unbeteiligte zu verletzten. Die Reaktion des Publikums war irgendwo zwischen Schock, Enttäuschung und Wut, so dass auch noch einige Becher und eine Menge Buh-Rufe Richtung Bühne flogen. Ein unwürdiger Abschluss also für ein tolles Konzert, der zum Beispiel dadurch hätte vermieden werden können, dass man wirklich so früh beginnt wie geplant. Die Auflage nur bis 22 Uhr zu dürfen war den Veranstaltern schließlich vorher bekannt, also kann man auch ein Konzert entsprechend planen, insbesondere wenn der Künstler dafür bekannt ist nicht immer nachvollziehbare Reaktionen zu zeigen.


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Fotos: Ariane WhiteTapes

Setlist (laut Ausdruck, zusätzlich spielte er auch noch u.a. „Tristan“, „Bluebells“, „Accident & Emergency“ u. „Blackdown“)

Vulture
Oblivion
Teignmouth
Count Of Casualty
Damaris
Who Will
The Bachelor
The Libertine
Battle
Hard Times

(Magic Position)

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