Konzertberichte

Patrick Wolf + Calpernia Addams – Hotel Shanghai, Essen, 14. April 2016

Patrick Wolf - Hotel Shanghai, Essen

Mehr als zweieinhalb Jahre sind bereits seit dem letzten Release des Londoners Patrick Wolf vergangen. Damals veröffentlichte er zu seinem Zehnjährigen mit „Sundark and Riverlight“ seine persönliche Werkschau zu seinem zehnten Release-Jubiläum. Ein Werk, auf dem er seine Lieblingssongs aus vier Alben und fünf EPs in neuem Gewand präsentierte.

Es folgte eine wohlverdiente Pause, während der er sich irgendwann auch wieder ins Studio zurückzog, um an neuem Material zu arbeiten. Viel ist darüber noch nicht bekannt, nur, dass Ende Mai mit der „The Wildsound EP“ das erste neue Material seit „Lupercalia“ veröffentlichen wird. Ein Release, den Patrick Wolf zum Anlass nahm, auch wieder auf Tour zu gehen und auch für drei Termine einen Abstecher nach Deutschland zu machen. Der letzte Termin seiner kurzen Deutschlandreise führte ihn in den Essener Club Hotel Shanghai, der unweit der Innenstadt in einer Seitengasse gelegen ist. Ein Ort, mit dem Patrick Wolf besondere Erinnerungen verbindet, trat er dort doch bereits ganz zu Beginn seiner Karriere vor zwölf Jahren auf, als er nach dem Release seines Debüts „Lycanthropy“ seine ersten Schritte in Deutschland machte.

Eröffnet wurde der Abend im kleinen, und etwas stickigen, Hotel Shanghai um kurz vor 9 Uhr Abends von der Transgender-Ikone Calpernia Addams, die wohl den wenigsten Menschen im Raum bekannt war. An dieser Stelle sei deshalb auf den Wikipedia-Beitrag zu ihr verwiesen. Eine beeindruckende Frau, die in ihrem Leben viel durchgemacht hat, als „Showgirl in dirty sleazy bars in front of dirty sleazy drunk men“ aufgetreten ist und nun mit ihrer Musik das unschuldige Mädchen wieder entdecken will, das in seiner Kindheit in der Kirche mit ihren Eltern musizierte. Allein, nur mit ihrer Autoharp, die sie im stehen spielte, stand sie auf der Bühne und sang Songs über die Liebe, ihre Mutter und ihr Verhältnis zu Gott. In den Songpausen entschuldigte sie sich dafür, dass sie wohl etwas angetrunken sei und witzelte ein wenig über sich, oder erzählte von ihrer Kindheit nah Nashville und ihrer Zeit beim Militär, während des ersten Irak-Kriegs. Dabei vermittelte sie eine solche Wärme und Faszination, dass sie leicht das gesamte Publikum mit ihrer Herzlichkeit gefangen nahm und sie nach jedem Stück lauten Applaus ernten konnten. Die bestanden aus einfachen Autoharp-Melodien und ihrem angenehmem, gefühlvollem Gesang. Zusätzlich schwärmte Calpernia Addams auch immer wieder, wie sehr sie die Tour mit Patrick Wolf genießen würde, und dass wir gespannt auf das Set sein sollten. Knapp zwanzig Minuten dauerte ihr eigenes Set, nachdem sie breit grinsend die Bühne verließ und klammheimlich ihr am Balkon befestigtes iPhone entfernte, mit dem sie den Auftritt gefilmt hatte.

Trotz des bereits fertigen Bühnenaufbaus und obwohl nur der Mikrofonständer ein wenig höher eingestellt werden musste, dauerte die Umbaupause ungewöhnlich lang und Patrick Wolf fand sich erst kurz vor 22 Uhr auf der Bühne ein. Neben neuen Songs hatte er auch eine neue Band im Gepäck, die aus einem Drummer und einem Bassisten bestand. Das deutete schon auf ein ziemlich neues Soundgewand hin, das dann auch direkt mit dem stark veränderten „The Bachelor“ vorgestellt wurde. Durch den sehr präsenten Bass und die stampfenden Drums, in Verbindung mit der gängelnden E-Geige von Patrick Wolf, wirkte das Stück faszinierend dekonstruiert und bekam einen düster treibenden Charakter, der natürlich perfekt mit Wolfs tiefer Stimme harmonierte.

Ein erstes Highlight folgte schnell mit „Tristan“. Ein Stück, das sich ohnehin durch einen schnelleren, stakkato-artigen Rhythmus auszeichnet und im neuen Gewand düster und zugleich euphorisch klang. Während der Performance, und auch zwischen weiteren Songs, spielte Patrick Wolf immer wieder mit seinem T-Shirt, das sich als extrem wandelbar herausstellte. So konnte er aus einem Ärmel schlüpfen und ihn als Kragen nutzen, wodurch es dann teils nach Toga aussah.

Ebenso wandelbar ist natürlich auch die Musik des 32 Jahre alten Briten und so passte auch das schillernde, helle „The Magic Position“ erstklassig ins Set. Patrick Wolf stellte sich dafür hinter sein Piano und feierte mit dem Publikum diesen Hit seines gleichnamigen dritten Albums.

In den Pausen erzählte der Musiker ein wenig von den älteren Stücken, insbesondere denen von „The Magic Position“, da das Album im nächsten Jahr zehn Jahre alt wird, viele Stücke für ihn deshalb natürlich jetzt schon mindestens so alt, oft sogar älter sind. Wie zum Beispiel das wunderschöne „Get Lost“, das er bereits zu Anfang seiner Karriere immer gerne live spielte, vor The Magic Position aber nie seinen Weg auf einen Release schaffte und nun so druckvoll vorgetragen, in der aktuellen Liveversion, vermutlich so besonders klingt, wie noch nie.

Besondere Freude bereiteten Patrick Wolf anscheinend jedoch die neueren Stücke seiner „The Wildsound EP“, zu denen er stolz erzählte, dass er ca. 25 Songs aufgenommen hat, die er nach der EP irgendwann in diesem Jahr eventuell als Doppelalbum veröffentlichen möchte. Ein finales Urteil über die Stücke konnte man aber noch nicht fällen. Das lag auch daran, dass Patrick Wolf sich zwar für den ein oder anderen Song einen Bass und auch eine Gitarre umschnallte, diese aber nie wirklich spielte, da der Sound einfach nicht passen wollte. So wirkten viele neue, und manchmal auch ältere Stücke, deutlich dekonstruiert, aber nie nackt, als würde etwas fehlen. Dadurch, dass zusätzlich Bass und Schlagzeug sehr laut abgemischt waren, entstand der eingangs erwähnte, stark Rhythmuslastige, Charakter.

Ein sehr schöner Moment des Abends war natürlich, als Patrick Wolf noch einmal Calpernia Addams auf die Bühne einlud. Die Musikerin, deren Akustik-Album von Patrick produziert wird, unterstützte die Band bei den letzten beiden Stücken und schien es selbst nicht ganz fassen zu können, wie viel Begeisterung aus Richtung Publikum auf die Bühne schwappte.

Es folgte eine kurze Pause, nach der sich Patrick und seine Band wieder auf der Bühne einfanden und ein paar Zugaben spielten. Darunter auch „Waking The Wild Sound“. Ein temporeiches, erhebendes Stück, das gegen Ende noch einmal richtig Lust auf die kommende EP machte und die negativen Begleitumstände, wie schlechtes Bühnenlicht, stickige Luft und rauchende, trotz toller Grundstimmung, vor allem in den vorderen Reihen leider schlecht gelaunter Menschen im Publikum, einfach vergessen ließ.

Die Letzte Zugabe wurde mit einem kleinen Exkurs in eines der ältesten Stücke euphorisch beendet – die Rede ist von A Boy Like Me, welches bereits 2002 auf Patrick Wolfs Debüt-EP erschienen war. Um dem noch einen drauf zu setzen, zog der Brite den Chef vom Club auf die Bühne und bedankte sich unter tosendem Applaus mit innigen Umarmungen und einem dicken Kuss für all die Jahre Unterstützung und Freundschaft. Ein schöner Abschluss für ein schönes Konzert, das keinen Zweifel daran lässt, dass das kommende Album grandios werden wird.

Foto: Stephanie Häupl

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