Konzertberichte

Ólafur Arnalds, Münster, Cineplex, 24. November 2008

Es gibt so Konzerte, die lassen den Hörer ziemlich fassungslos zurück. Häufig genug liegt das an herber Enttäuschung über einen sehr verunglückten Auftritt des Künstlers. Es gibt aber auch die Glücksfälle, da ist ein Konzert derart überwältigend, überrachend und einzigartig, dass man mit den gesamten Eindrücken völlig überfordert und fassungslos glücklich ist. Das Konzert von Ólafur Arnalds im Münsteraner Cineplex war eines davon.

Usrprünglich im Münsteraner Gleis 22 geplant, wurde das Konzert nach reiflicher Überlegung der Veranstalter ins Cineplex verlegt. Eine Überlegung die durchaus Sinn machte, denn nachdem Ólafur bereits auf dem Haldern-Pop die Nachts im Spiegelzelt Anwesenden bat, sich hinzusetzen, ist es natürlich schön, wenn sich die Zuschauer bei seinem Konzert in Münster direkt komfortabel hinsetzen können und jeder auch noch die Chance hat den Künstler gut zu sehen.

Aber nicht nur unter diesem praktischen Aspekt machte die Location Sinn, gerade die Dramatik in der Musik war es, die diese Location so unglaublich gut passen ließ. Ólafur Arnalds zauberte nämlich mitsamt seinem Streichorchester wunderschöne und mitreißende Melodien für das Kopfkino. Und das gleich von Beginn an, als der hagere Isländer in enger Jeans und einem lila Pullover, sichtlich von der Kulisse beeindruckt mit seinen Mitstreitern auf die Bühne schritt und ohne Worte das erste Stück anstimmte.

Ólafur Arnalds macht Musik, die sich schwer einordnen lässt, auf der Schwelle zwischen Klassik und Pop. Auf seinem Myspace beschreibt er es als „Klassik / Indie / Elektronica“, das ist soweit richtig, aber natürlich ist es auch so viel mehr. Gleich die ersten Töne, die er auf seinem Piano anstimmte waren erschütternd schön. Musik, wie gesagt, gemacht für’s Kopfkino und so liefen in den Köpfen der 466 Besucher während des knapp 1-stündigen Konzerts die verschiedensten Filme ab, obwohl die Leinwand abgehängt war.

Im Publikum herrschte zudem eine sonderbare Anspannung, niemand schien auch nur eine Note verpassen zu wollen und war absolut still. Ólafur Arnalds war so in seine zerbrechlichen, eleganten und schlichtweg schönen Stücke vertieft, dass man meinte, er würde seine Umgebung gar nicht mehr wahrnehmen. Er war jedoch hellwach und blickte bei jedem Geräusch im Zuschauerraum schüchtern über das Publikum.

Die Streicherarrangements verliehen der Musik noch eine zusätzliche Dramatik. Der Einsatz von elektronischen Beats und Samples, die sich in einigen Stücken zu rieisgen Klangwänden hoch schaukelten sorgte dann noch für die ein oder andere Gänsehaut an diesem Abend. Auch Ólafur Arnalds wurde mit der Zeit etwas mutiger und nuschelte ab und zu ein paar Sätze ins Publikum. Er kündigte beispielsweise einen neuen Song, in dem das Plätschern von Regen eingebaut war an und meinte: „This is a new song, it’s named after a German city. It’s called Braunschweig, at least as long as I don’t have a real name for it.“

So zeigte er auch neben seiner Fähigkeit dichte und mitreißende Arrangements zu schreiben, auch noch seine sehr charmante Seite. Der Höhepunkt des schwelgerisch, träumerischen Abends folgte beim letzten Song des regulären Sets, die Ólafur und seine Mitstreiter spielten das Publikum begleitet von elektronischen Beats beinahe in einen Trance ähnlichen Zustand und ließen Vögel von der Decke herabsteigen. Danach verließen alle fünf die Bühne, um kurz danach für eine letzte Zugabe zurück zu kehren. Ólafur konnte sich jedoch nicht verkneifen noch zu erwähnen „These birds, at the last song, they were supposed to fly up, not down. I have to apologise for that. My crew told me, at the last show of the tour, they would do something with me, if that was it, then I’m gonna kick some asses. I might not look strong but…“. Er wollte noch etwas sagen, aber wurde durch das laute Lachen einer seiner Geigerinnen unterbrochen.

Danach kündigte er leicht verlegen den finalen Song des Abends an und wies auch darauf hin, dass es ein ganz besonderer Abend für ihn sei, weil es der letzte Abend der Tour wäre und er noch nie vor so vielen Menschen, die nur wegen ihm da waren, in einer so tollen Location gespielt hätte. Wir hatten zu danken, und das tat das fassungslose Publikum auch, durch Standing Ovations und minutenlangen Applaus, für einen einzigartigen Abend mit einem einzigartigen Musiker.

Fotos: Ariane WhiteTapes, mehr (in besserer Qualität)

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