Konzertberichte

MELT! 2009, Gräfenhainichen, Ferropolis, 17. – 19. Juli 2009

Vom 17. – 19. Juli war es endlich soweit. Nachdem die Vorfreude auf so tolle Bands wie Oasis, Travis, Phoenix und viele neu zu entdeckende Acts bereits seit Wochen deutlich zu spüren war, stand das Festival im sachsen-anhaltinischen Gräfenhainichen in der Nähe von Dessau vor der Tür.

Nach einer etwas abenteuerlichen Anfahrt bei der wir die Idylle sachsen-anhaltinischer Landstraßen bewundern durften, sahen wir endlich das Hinweisschild nach „Ferropolis“. Auf dem stillgelegten Kohletagebau und zum Kulturdenkmal und Erlebnismuseum umfunktionierten Gelände trafen sich am Wochenende 20.000 Musikfans aus aller Welt. Wenn man so über den Campingplatz oder das Festivalgelände schlenderte hatte man häufig den Eindruck, dass wir uns in England befinden würden. Unsere Freunde von der britischen Insel waren definitiv nicht zu überhören. Nun aber zum wichtigsten Teil: Der Musik.

Eine außergewöhnlich gute Mischung hatte das MELT-Line up schon für den Freitag vorgesehen. Als erste Band musste ich natürlich die Münsteraner Jungs vom Videoclub supporten. Sie spielten im Rahmen der Coca-Cola Soundwave Tour in einem großen Zirkuszelt und hatten leider das Pech, dass ihr Auftritt sehr spärlich besucht war. So ging die Akustik in dem großen Zelt leider etwas unter, auch wenn man das den Herren nicht anmerkte. Sie hätten wahrlich ein größeres Publikum verdient gehabt.

Ein weiterer erster Höhepunkt war der Auftritt von ClickClickDecker. Der Hamburger durfte eine halbe Stunde seine großartigen Lieder zum Besten geben. Auf einer runden, sehr kleinen Bühne am Stand eines amerikanischen Schuhherstellers. Leider fiel nach 15 Minuten der Strom aus, so dass er nach einer Zugabe ohne Strom und nur mit Kraft seiner Stimmbänder den Auftritt abbrechen musste. Schade, de Mann hätte mehr verdient gehabt. Also, liebes MELT-Team, sorgt bitte für ausreichend Strom beim nächsten Mal oder noch besser, besorgt ihm einen Platz auf einer der anderen Bühnen… Weiter ging es zur Hauptbühne, wo die Klaxons für das erste vermeintliche Highlight sorgen sollten. Leider konnten sie die hohen Erwartungen nicht wirklich erfüllen. Sie spielten ihr Repertoire herunter, aber eben auch nicht mehr. Wie sagte doch ein Besucher neben mir treffend: „Mehr Charisma, Leute.“

Nun stand auch schon die erste schwierige Entscheidung an, bei der man sich eigentlich nicht falsch hätte entscheiden können. Denn sowohl Röyksopp als auch die New Yorker Newcomer von The Virgins versprachen einen großen Auftritt. Mich zog es dann auch in das besagte Zirkuszelt zu The Virgins. Bei teils tropischen Temperaturen tat auch die Band alles dafür, dass man auch ja genug Flüssigkeit verliert. In großartiger Spiellaune begeisterten die jungen Herren das Publikum. Manchmal schadet zuviel Hype anscheinend doch nicht. Weiter zum Topact des Abends: Travis.

Auch hier die bekannten Lieder, allerdings mit einem wie immer gut gelaunten Fran Healy, der es sich nicht nehmen ließ für ein paar Minuten die Nähe des Publikums zu spüren. Rund herum glückliche Gesichter und noch hatte es immer noch nicht geregnet. Dazu allerdings später mehr.

Nun gibt es in diversen Umfragen ja auch immer die Frage nach dem Highlight eines Festivals. Für gewöhnlich fällt es mir sehr schwer, darauf eine präzise Antwort zu geben, wo doch meistens so viele gute Bands zu sehen sind. Doch auf dem MELT gab es eine Band, die in punkto Energie, Live-Performance und jaha, auch Charisma, alle anderen Musikanten in die Tasche steckte: Gossip.

Was die Band um Frontpowerfrau Beth Ditto an jenem Freitagabend veranstaltete war schlichtweg großartig. Die Gemini Stage wurde in eine riesige Partyarena verwandelt, in der man keine Sekunde Zeit hatte, still zu stehen. Es wurde getanzt, gehüpft und laut mitgesungen. Mein erstes Liveerlebnis mit Gossip wird definitiv nicht das letzte gewesen sein. Und an die Damen und Herren der Feuilletons, welche die Band seit geraumer Zeit hochjubeln: Sie haben verdammt noch mal recht.

Leider reichte die Kondition nicht mehr ganz um das britische Elektroduo der Simian Mobile Disco in voller Länge zu genießen. Aber auch hier ging die Partystimmung weiter und ein äußerst positiver Ersteindruck blieb hängen. Dann kam der große Regen inklusive Gewitter und orkanartigem Sturm. An dieser Stelle noch einmal ein herzliches Dank an den Hersteller meines Zeltes. Es ist tatsächlich trocken geblieben. Es hat ja auch was schönes, wenn man im trockenen Zelt liegen darf und die Wassertropfen auf die Zeltoberfläche plätschern hört.

Am Samstag standen mit den hervorragenden The Whitest Boy Alive, der Mediengruppe Telekommander, Phoenix, Bloc Party und Digitalism mehrere Höhepunkte bevor. Enttäuschend verlief der Auftritt der Mediengruppe Telekommander. Die neuen Lieder kamen live nicht besonders gut herüber und wohl dem, der zeitgleich den Auftritt der norwegischen Berliner von The Whitest Boy Alive verfolgen durfte.

Der Auftritt von Phoenix sorgte dann wiederum für Versöhnung. Die Herren um Sänger Thomas Mars zeigten sich gut gelaunt und begeisterten das Publikum mit den Songs ihres sehr guten neuen Albums „Wolfgang Amadeus Phoenix“, aber auch mit Klassikern wie „Run Run Run“. Zu später Stunde um halb 2, versuchten dann Bloc Party das Publikum in ihren Bann zu ziehen. Dies klappte leider jedoch nur streckenweise. Der Funke wollte irgendwie nie so wirklich überspringen.

Einen kleinen Ausflug in die Welt der elektronischen Tanzmusik gönnte man sich dann auch. Zunächst bahnte man sich den Weg durch die Massen, hin zur Big Wheel Stage, welche sich durch mehrere DJ-Pults in einem Kohlebagger auszeichnete. Unter diesem Bagger tanzte dann die feierwütige Menge zu den Klängen von Paul Kalkbrenner. Der vor allem in letzter Zeit auch Nichtkennern der Szene durch die Hauptrolle im Film „Berlin Calling“ bekannt gewordene Kalkbrenner verwandelte das Publikum in eine riesige, sich ekstatisch tanzende Menge. Sehr angenehm so was. Dann hieß es allerdings schnell rüber zur Mainstage, wo es einen der seltenen Liveauftritte von Digitalism zu bewundern galt. Das Hamburger DJ-Team brannte wortwörtlich ein Feuerwerk ab. Unterstützt von Pyrotechnik, Lichteffekten und aufwändigen Visuals wurde die Musik unterstützt und von dem feierwütigen Publikum dankbar aufgenommen. Eine beachtenswerte Leistung morgens um halb 4. Live ein nur zu empfehlendes Erlebnis.

So näherte man sich dem letzten Tag des Festivals. Die Körper zeigten schon deutliche Ermüdungserscheinungen und so wurde dementsprechend auch das Musikprogramm dem physischen Zustand der Festivalgänger angepasst. Dennoch warteten noch mehrere musikalische Perlen auf den geneigten Musikliebhaber. Zunächst der extravagante Patrick Wolf, der seine außergewöhnliche Fähigkeiten präsentieren durfte. Dass er zudem noch ein erstklassiger, wenn zuweilen auch leicht exzentrischer Entertainer ist, durfte das Publikum ebenfalls erfahren. So zog er sich während seines Auftrittes bis auf die Unterwäsche aus und stattete sich mit Federboa und High Heels aus, um damit mehr oder weniger elegant über die Bühne und Boxen zu stolzieren. Nicht nur gelegentlich hatte man den Eindruck, als wenn Herr Wolf mehr und mehr zu einer Kunstfigur mutiert und die Realität hinter sich zu lassen versucht. Wie dem auch sei, der Musik schadet es definitiv nicht. Großer Auftritt. Nun hieß es warten, Zeit überbrücken bis zum Auftritt von Oasis.

Zum Glück traf ich die Entscheidung, mal auf der Zeltbühne vorbeizuschauen. Denn so lernte ich eine Band kennen, von der man bald (Achtung, erste Band-Prognose meinerseits) defintiv mehr hören wird. Sie kommen aus dem scheinbar stets nie enden wollenden Bandreservoir Schweden und hören auf den Namen Miike (ja mit 2 „i“) Snow. Eine großartige Mischung elektronischer Popmusik mit teils hymnenartigem Gesang. Oder wie der Guardian titelte: „their coolly emotional pop suggests a-ha meets Animal Collective“. Unbedingt anhören. Vor allem das Lied: Animal. Nun aber genug meiner persönlichen Anspieltipps.

Oasis standen vor der Tür. Ach ja, vorher gab es noch Kasabian, die erstaunlicherweise das Publikum fest im Griff hatten und scheinbar versuchten, Oasis den Headlinerstatus streitg zu machen. Die Musik war dennoch etwas zu eintönig und langweilig. Natürlich könnte man dies auch über Oasis sagen. Wenn es eben nicht Oasis wäre. Entweder man liebt sie oder man kann mit ihnen nichts anfangen. Aber Respekt verdient es allemal, wenn man sich kontinuierlich so lange in der Popwelt hält und augenscheinlich auch das Talent wiedergefunden hat, neue gute Songs zu schreiben ( z.b. „I’m Outta Time“). Es war ein klassisches Oasis-Konzert, bei der die Musik im Vordergrund stand. Keine Visuals, keine aufwändigen Lichteffekte, sondern nur die Band. Aber was heißt in diesem Zusammenhang schon „nur“. Alle Hymnen wurden gespielt, sogar das in Deutschland nicht eher selten gespielten „Half the world away“ und rund herum glückliche Gesichter, die mitsingend in Erinnerungen schwelgten.

Eine willkommene Abwechslung zum sonstigen Festivalprogramm und definitiv ein Pluspunkt für das Bookingteam des MELT. Denn auch wenn die gehypten elektronischen und rockigen Acts definitiv zu überzeugen wussten, so tut es doch gut zu wissen, dass es auch ohne aufwändige Nebeneffekte funktioniert. Nur mit Noel, Liam, Gem, Andy und Co. Daumen hoch dafür.

Insgesamt ein außergewöhnliches Erlebnis in einer atemberaubenden Location. Nächstes Jahr sind wir wieder dabei, wenn es vom 16. bis 18. Juli 2010 das 13te Mal heißt: You MELT my heart.

Interviews und ein Rückblick im Youtube Channel von Pop10
Bildergalerie bei Stylespion und bei Intro.de

Fotos 1, 3 und 4: Stephan Flad
Foto 5: Geert Schäfer

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