Konzertberichte

Jakob Dylan + Julia Marcell, Köln, Kulturkirche, 14. Oktober 2008

Es kommt eigentlich selten vor, dass ich auf ein Konzert gehe und mir mit meinen 25 Jahren extrem jung vorkomme. Bei Jakob Dylan war natürlich zu erwarten, dass der größte Teil des Publikums ca. Mitte 30 sein dürfte, da die Wallflowers schließlich auch schon vor 15 Jahren angefangen haben, viele Fans also auch entsprechend lange die Karriere von Jakob Dylan verfolgen. Dass aber selbst Mittdreißiger an diesem Abend noch eher das untere Ende des Altersspektrums, als das Durchschnittsalter darstellen war dann doch überraschend. Schnell kam allerdings auch die grausame Erkenntnis, woran das lag.

Daddy Dylan war nämlich in der gut gefüllten, aber lange nicht ausverkauften Kölner Kulturkirche, sagen wir einmal, um der Kirche gerecht zu werden, omnipräsenter als Gott im Leben dieses Tischlers aus Nazareth. In vielen Gesprächen hörte man dann auch, „bis vor Kurzem kannte ich den gar nicht, aber dann hab ich im Veranstaltungsheft den Namen gelesen und mir gedacht, das hör ich mir mal an“. Der Marketingeffekt des Namens Dylan ist also offensichtlich nicht zu unterschätzen. Leicht gruselig da natürlich die Frage aus anderen Gesprächen „ob er auch Lieder von seinem Vater spielt?“. Tat er nicht, es war schließlich ein Konzert von Jakob und nicht von Bob Dylan.

Eröffnet wurde der Abend um ca. 20:30 Uhr von Juli Marcell, einer polnischen Singer-Songwriterin mit Wohnsitz in Berlin. Sie spielte angenehmen Piano-Pop, begleitet von einer Violinistin und einem leicht schleimigen Drummer. Sowohl in ihren Ansagen und auch in ihren Songs bewies sie eine gesunder Portion Selbstironie, „I went to a fortune teller a few weeks ago and she told me, in another life I was a dancer, I wrote a song about this, it’s called ‚in another life I was a dancer'“. Stilistisch siedelten ihre Songs irgendwo zwischen Feist und St. Vincent, gepaart mit der Verschrobenheit von Final Fantasy. Schöner Piano-Pop also mit einem größerem Anspruch an Kunst, als an Pop.

Nach einer guten halben Stunde war Julia Marcell mit ihren Songs durch, bedankte sich artig beim völlig zu unrecht latent ignorantem und desinteressierten Publikum und verabschiedete sich von der Bühne. Um 21:20 Uhr betrat dann der Hauptdarsteller des Abends die Bühne und das Publikum versank in seltsam ehrfürchtiger Stille, als Jakob Dylan die ersten Songs anstimmte.

Eine Stille, die selbst Jakob Dylan sehr zu überraschen schien, ließ sich das Publikum am Ende der ersten drei Songs, alles Stücke seines Soloalbums, nur zu jeweils kurzem Applaus hinreißen, Jakob Dylan aber dennoch zu einem breiten Grinsen. Erst nach dem dritten Song sagte er freundlich Hallo und fragte „How is everyone doing today?“, nachdem allerdings diese Frage unbeantwortet blieb wurde der nächste Song angestimmt.

Das schien er als Herausforderung verstanden zu haben und sprach nun nach jedem Stück offensiv das Publikum an. Nach einem Stück fragte er einen jungen Mann, der direkt vor ihm stand, „did your girlfriend drag you here tonight?“, woraufhin seine Freundin leicht verlegen dreinschaute und ihrem dem Englischen offensichtlich nicht so mächtigen Freund die Frage übersetzte, auf die er dann nur mit einem breiten Grinsen und einem Nicken antwortete. „So you’ve been a good boyfriend?“, Schweigen, „Or husband?“, ein breites Grinsen der Freundin, das allerdings von heftigem Kopfschütteln des Freundes widerlegt wurde folgte und Jakob Dylan fragte „Or future husband? Tell me, do I even look familiar to you?“, Lächeln, „Maybe I’ll make a fan of you tonight?“. Mit einem breiten Grinsen drehte sich Jakob Dylan darauf hin zurück zur Band und stimmte das nächste Stück, eines von den Wallflowers, an.

Jakob Dylan schaute während der Stücke dann auch intensiv in die ersten Reihen und bemerkte irgendwann zu einem jungen Mädchen, „This must be an all ages show, tell me, how old are you“, „21“, „21? You must be lying. But nevertheless, this one’s dedicated to you“. Auch ein anderes Mädchen (WhiteTapes Redakteurin Ariane, mit Kamera um ihren Hals) am Bühnenrand schien es ihm angetan zu haben und so lieferte er sich immer wieder regelrechte Blickwettbewerbe mit ihr, nach dem Motto, wer als erstes grinst hat verloren.

Nach einer guten Stunde verschwand dann die Band kurz von der Bühne und Dylan spielte einige Stücke allein. Offen und auch offensichtlich gut gelaunt, wie er an diesem Abend war fragte er dann auch wieder „You know, I really do care about you, you are so quiet, so tell me, how’s everyone doing tonight“, und endlich erhielt er einen begeisterten Jubel als Antwort vom Publikum erhielt.

Die Band kam wieder auf die Bühne und stimmte mit dem wunderschönen Wallflowers Song „Closer To You“ das Highlight des Abends an. Ab diesem Zeitpunkt dürfte auch der Letzte, der eigentlich nur wegen Sohnemannstatus anwesend war, von Jakob Dylan überzeugt gewesen sein. Nach diesen gut 80 Minuten verschwanden die vier Musiker von der Bühne, um kurze Zeit später noch einmal für vier Zugaben zurückzukehren. Um Punkt 23 Uhr war der Abend in der Kölner Kulturkirche beendet und Jakob Dylan hatte charmant bewiesen, dass er als Singer-Songwriter ein ganz Großer ist und für einen schönen Abend sorgen kann, die Location tat ihr Übriges, den Eindruck noch zu verstärken.

Fotos: Ariane, mehr hier

Iain WhiteTapes

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