Konzertberichte

Hurricane Festival 2009

Am letzten Wochenende war es wieder soweit. Die Zwillinge Hurricane/Southside luden sowohl im Norden, als auch im Süden des Landes zu einem Bandspektakel aus über 60 Bands ein.
Zum Hurricane kamen knapp 60.000 Zuschauer und ließen trotz mehrerer Schauer die Sonne an diesem Wochenende über Scheeßel scheinen. Kein Wunder, bei einem Line Up mit Headliner wie Die Ärzte und reformierten Faith no More ja auch kein Problem. Und auch davon abgesehen bot das Festival einen bunten Strauß aus Schönheiten.

Einmal im Jahr herrscht Ausnahmezustand in der Gemeine Scheeßel. Am beheimaten Eichenring findet sich das Who is Who der alternativen Musikszene ein um ein schönes und vor allem friedliches Wochenende zu feiern. Das Veranstalterteam FKP Scorpio ist vor allem das Wohl der Besucher ein großes Anliegen. So gab es ein Dutzend Verbesserungen im Gegensatz zu den letzten Jahren. Ein eigener Getränkemarkt mit mehr als humanen Festivalpreisen war wohl die beste Neuerung. Eisgekühlte Getränke für wenig Geld waren für jeden Festivalbesucher zu erstehen, dies spart die große Schlepperei und jeder, der die Dosen zurück gibt, erhält sein Pfand zurück und trägt so zu einem sauberen Festival bei. Beide Daumen hoch von unserer Seite, ein voller Erfolg, wie wir uns selbst überzeugen konnten. Eine weitere schöne Neuerung ist der Untergrund. Rasen, wohin das Auge blickt. Die Staubwolken, die einen die letzten Jahre mit Schmutz bedeckten gehören der Vergangenheit an. Selbst bei den Toiletten fühlt man sich wohl, wenn man jedem Toilettengang das Personal erst einmal die Toiletten säubert. Alles dies sind die Punkte, die das schöne Hurricane zum wohl schönsten Festivalriesen werden lassen. Ein Festival, auf dem es sie alle gibt. Die mit den hässlichen Hüten, die die gröhlend über das Gelände laufen, die die pausenlos grillen und ihr Bier in der Hand haben, die die sich einfach der schönen Musik erfreuen. Egal welchen Festivalweg man bestreitet, eins haben alle gemeinsam: Das Miteinander. Keine Aggressionen, keine Gewalt, vielmehr eine drei Tage lange Party. Wenn nicht vor der Bühne, dann auf dem Campinggelände oder im Partyzelt. Genug drum herum geschwafelt, kommen wir nun zum Hauptsächlichen, kommen wir zur Musik.

Eine Band, die zu unseren Lieblingsschotten zählt, Glasvegas nämlich, hatten die ehrenvolle Aufgabe dieses Festival Freitag Mittag zu eröffnen. Trotz aufkommendem Regens verzauberten die Jungs und das Mädel aus Glasgow die Massen mit ihren schönen Melodien. Bei John und Ossi, den zwei Freunden aus Schweden die sich einfach nur Johnossi nennen präsentierten sich dann doch bei vereinzelten Sonnenstrahlen, dem Hurricanepublikum. Hatten sie anfänglich mit dem Sound zu kämpfen, schafften sie es dennoch vollends zu überzeugen. Als Hingucker des Festivals darf sich ohne wenn und aber die schöne Maja Ivarson sehen. Die hübsche The Sounds Frontfrau punktete mit ihren tighten Hotpants und ihren unnachahmlichen Art auf der Bühne. Selbst wenn parallel Katty Perry und Duffy die andere Bühne entzückten, Maja verzauberte mit ihren Jungs das Publikum. Alte sowie neue Songs versammelten sich im Energie geladenen Set von den 5 Schweden. Melancholisch wurde es bei den Editors, der modernen Antwort auf Joy Division. Nicht nur stimmlich erinnert das Ganze an Ian Curtis. Auch textlich und musikalisch erinnert das an die Helden des New Wave. Nach dem die Schotten von Glasvegas das Festival eröffnet hatten spielten am Abend als Co-Head andere Schotten, die von Franz Ferdinand. Die 75 Minuten überzeugten nicht vollends, waren aber durchaus gut hörbar und tanzbar. Auch wenn sämtliche Hits von „Take Me Out“ bis zu „No You Girls“ den Weg in die Setlist fanden, so fehlte ein Quäntchen zu einem mehr als soliden Auftritt. Kings of Leon durften sich an diesem Tag Headliner nennen. Wieso und warum bleibt das Geheimnis des Veranstalters, denn man merkte es der Band an, das ihnen trotz der beiden Hitsingles „Sex On Fire“ und „Use Somebody“ sämtliches Livepotenzial ein wenig abging.

Der Samstag. Das Wetter war wechselhaft. Der Sonnenschein zog den Rennen an, der wiederum die Sonne hervorlockte. Das passende Outfit? Sowas gab es nicht. Und die Stimmung. Weiterhin blendend. Less than Jake spielten gegen den Regen an, oder für. Die Betrachtweise liegt im Angesicht des, na eben Betrachters. Circlepits wohin das Auge blickt, wild tanzende Menschen und eine nach vorne peitschende Band sorgten für ein Highlight dieses Festivals. Blood Red Shoes sorgten nicht für soviel Wirbel aber ließen keinen Zweifel daran, eine der besten britischen Bands zu sein. Auch wenn es bei neuvorgetragenen Liedern recht ruhig war, so wurde das Duo umso wilder bei bekannten Songs gefeiert. No Use for a Name sind ein Aushängeschild des amerikanischen Cali-Punkrocks oder auch Melodycore, wie er neumodisch geschimpft wird. Auch wenn die Band nun fast 20 Jahre dabei ist, fehlt es Ihnen nicht an Energie und Leidenschaft. Mag es für den einen Monoton klingen, so schätzt der Andere den NufaN Sound. Dann durfte zweimal getanzt werden. Zum einem zu dem Hit einer jeden Indiedisko „Let’s dance to Joy Division“ von den Wombats, zum Anderen zu den wiedervereinigten SKA-P aus Spanien. Groß bejubelt wurde der Auftritt der Madrilenen, die mit einer Mischung aus sozialkritischen Texten gegen Kirche, Sex, Rassismus und die Ausbeutung der Arbeiterklasse und wunderbar tanzbaren Songs seit jeher die wohl beste spanische Band sind. Einen Namen wie SKA-P hat Frank Turner noch nicht, hat er jedoch Anfang des Jahres als Support Act von The Gaslight Anthem mehr als nur ein Ausrufezeichen hinterlassen. Auch hier beim Hurricane, diesmal mit Band im Background, beweist Frank seine Qualitäten und punktete bei allen vorhandenen Zuschauern. The Pixies sind die Vorreiter in Sachen Grunge. Ohne deren Sound (und ja klar, den von Sonic Youth) wäre Kurt Cobain heute vielleicht noch am Leben, hätte jedoch nie Songs wie „Smells like Teen Spirit“ geschrieben. Seit 20 Jahren sind Frank Black und Mitstreiter unterwegs, ohne dabei alt zu wirken. Geht auch nicht bei Gänsehaut Songs wie „Where is my mind“, mit denen man sich unsterblich macht. Danach spaltete sich das Lager im Publikum. Vor allem das weibliche Publikum suchte die Nähe zu Clueso, dem deutschen Gesangkünstler, der mit einer Mischung aus Sprechgesang und tief gehenden Texten für die eine oder andere Gänsehaut sorgten, die Anderen die Nähe zu Mike Ness, Frontmann von Social Distortion, der seit 30 Jahren aus dem Leben singt, das in geprägt und durch zahlreiche Tätowierungen auf dem Leib gezeichnet hat. Zum Abschluss des Samstag-Abends spielen auf der Green Stage die wiederformierten Faith No More um den wirschen, sowie genialen Mike Patton. Wer danach nicht genug hat, holt das Letzte bei Tomte raus und lauschte nicht nur im überfüllten Zelt Thees Uhlmann, der so schön wie kein Zweiter aus dem Leben singt.

Sonntag. Überall sieht man sie, die Belastung einens solchen Festivals. Während einigen der Alkohol zusetzt, machen andere nahtlos weiter, wo sie vor dem Schlafen gehen aufgehört haben. Trotzdem hat der Sonntag auf einem Festival immer was von Resignation. On Stage wird heute wieder mal die Creme de la Creme präsentiert. Eine WhiteTapes Lieblingsband fehlt auch heute nicht. The Gaslight Anthem aus New Brunswick, New Jersey dürfen nur 40 Minuten ran und spielen fast ausschließlich Songs vom aktuellen Longplayer „The 59Sound“. Gut ist es allemal und die Stimme von Sänger Brian Fallon sorgt live immer ein wenig mehr für Gänsehaut, als es schon auf Platte tut. Gogol Bordello sind Gypsi Punks. Sie vermischen Folklore der Gypsi mit wilden tanzbaren Punkrock. Wer hierzu ruhig stehen bleiben kann, dem hat man das Spaßgen entfernt. Anti Flag sind seit Jahren das Aushängeschild des amerikanischen Punkrocks. Eine Fist in the Air Attitüde vermischt mit Anprangerung sozialer Missstände. Sie werden auch nach den Jahren nicht müde und brüllen die Wut raus. Und das Publikum brüllt mit und wird solange nicht verstummen, bis das Elend dieser Welt verschwunden ist. Männer denken Bekanntlich oft und in vielen Situationen lediglich mit einem Geschlechtsorgan. Das dies wiederum aber auch zu wilden Tanzorgien und wunderbaren Boogierhytmen führt beweist Eagles of Death Metal Frontmann Jesse Hughes. Man sucht lange und vergebens nach einem wie ihm. Der Schnauzbart und die dunkle Sonnenbrille sind das Image des Herrn, der die Frauen über alles liebt und sie lieben ihn. Keane nehmen ein wenig Tempo raus und spielen ihren Auftritt eher solide runter, ohne wirklich zu überzeugen. Da hilft es auch nicht, Queen zu covern.

Fettes Brot, der Hip Hop Act, der gar nicht soviel Hip Hop ist. Besonders live gibt der Hamburger Dreier eine gute Figur ab. Mit Band im Rücken wandeln sich die Gerüste der Songs um 180 Grad und sorgen für eine wilde Party. Sympatisch wirken sie und beweisen, dass auch wenn nicht mehr viel vorhanden ist vom Hip Hop, sie bei Weiten das Beste an deutschem Sprechgesang sind. Die Beste Band der Welt waren, sind und bleiben aber nach wie vor Die Ärzte. Mehr als 25 Jahre Bandgeschichte in knapp 2 Stunden zu packen ist schwer, komischer gelingt es den drei Herren, die ursprünglich mal aus Berlin (aus Berlin!) kamen, immer wieder. Für keinen Scheiß sind sie sich zu schade und laden zur größten Hüpf LaOla ein, lassen Becher auf sich prasseln für Viva con Aqua und haben vor allem dieses anarchische in der Band, dass sie so einmalig macht. Egal wie und was sie machen, das Publikum wird sie immer lieben. Und auch in den zwei Stunden schaffen sie es würdig den Headliner Posten zu stemmen und wir dürfen hoffen, dass diese eine Liebe nie zu Ende gehen wird.

Drei Tage und ein kleines, kurzes aber aussagendes Fazit: Man freut sich auf 2010!

Für alle, die nicht da waren, aber sich dennoch einen Eindruck machen wollen,legen wir folgendes an Herz:
ZDF-Theaterkanal und ARTE haben in diesem Jahr erneut drei Tage lang die Highlights des Hurricane Festivals aufgezeichnet. Der ZDF-Theaterkanal zeigt insgesamt vier Konzert-Specials im August:
Sonntag, 2. August, 22.55 Uhr
Mittwoch, 5. August, 22.55 und 23.40 Uhr
Freitag, 7. August, 22.50 Uhr
(weitere Wiederholungen im Laufe des Augustprogramms)

Auf ARTE ist am 26. November 2009 ein 90-minütiger Zusammenschnitt zu sehen.

Für alle, die diesen Sommer immer noch ein paar größere Festivals besuchen wollen, den legen wir folgende Festivals an Herz:
Area4 und Highfield

Fotos: Pressefreigabe

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