Konzertberichte

Haldern Pop Festival 2012 – Rees-Haldern, 09. – 11. August 2012

Zum nunmehr 29ten Mal trafen sich im beschaulichen Niederrheinischen Rees-Haldern Musikfans aus ganz Deutschland um in entspannter Atmosphäre die Musik, die sie lieben, zu feiern. Wir fuhren in diesem Jahr mit etwas zwiespältiger Erwartungshaltung hin. Klar, mit The Maccabees, Two Door Cinema Club, Emanuel and the Fear, Apparat, Patrick Watson und Other Lives gab es ein paar Bands im Line-Up, auf die wir uns freuten. Aber die Bands, bei denen wir gesagt hätten, die müssen wir unbedingt sehen, fehlten. Wir machten das Beste draus und fanden uns bei Sonnenschein am frühen Donnerstagabend auf dem alten Reitplatz in Haldern ein. Und so viel sei jetzt schon verraten, wir sollten keine Sekunde bereuen.

Donnerstag, 09. August 2012

Die neue Biergartenbühne auf dem Haldern Pop 2012

Die wichtigste Neuerung gegenüber den Vorjahren war eindeutig, dass es nun am Donnerstag zur Entspannung der Zeltsituation zusätzlich zu Konzerten in der Pop Bar und der örtlichen Kirche auch eine Bühne neben dem Zelt gab. Die war zwar nicht viel größer als eine Stadtfestbühne, das reichte aber um gut 2.000 Leuten mehr Unterhaltung zu bieten, als nur die Leinwand-Übertragung aus dem vollen Spiegelzelt. Den Slot als Opener der Biergartenbühne, den Here We Go Magic kurzfristig absagen mussten, übernahmen die Chemnitzer von Kraftklub, die anscheinend gerade in der Nähe waren.

Mit ihren typischen Party-Indie- / Deutschrock-Hits wussten sie zumindest die Haldern-Jugend zu begeistern und sorgten auf jeden Fall für gute Stimmung zur Eröffnung des Festivals. Anspruchsvolle Acts sollte es an den nächsten Tagen ja noch zur Genüge geben, da ging das durchaus in Ordnung. Kurz vor Ende ihres Sets merkten Kraftklub noch an, dass sie sich freuen würden, wenn einige der Besucher auch zu ihrem Konzert in Dortmund kämen, da sonst nur „so 13jährige Kids“ kommen. Würden sie sich ihre Musik einmal kritisch anhören, könnten sie sich bestimmt selbst erklären, woran das wohl liegt.

Emanuel and the Fear auf dem Haldern Pop 2012

Auf Kraftklub folgten dann Emanuel and the Fear, die sich bei ihrem zweiten Haldern Auftritt dann wie erwartet zeigten, nämlich absolut zuverlässig. Nämlich mit Rocksongs, die ordentlich Rumms und eine ausgeprägte psychedelische Note besaßen. Viele davon auf ihrem am 14. September erscheinenden neuen Album „The Janus Mirror“ enthalten. Wirklich anders als ihre Show im Januar in Münster war das Set allerdings nicht, deshalb auch unser Urteil zuverlässig.

Mit dem jungen Jamie N Commons sollte dann das erste Highlight des noch jungen Festivaltages folgen. Der aus Chicago stammende Wahl-Londoner hatte seine Band mitgebracht und beeindruckte mit tiefer Stimme und staubtrockenem Folk-Rock im Spiegelzelt. Sein Set bot 30 unglaublich intensive Minuten. Der junge Barde trug seine typisch amerikanischen Folk-Rock-Nummern in Sakko, Hut und Sonnenbrille (nur zu Beginn) mit einer derartigen Coolness vor, dass es eine wahre Freude war. Hinzu kam noch die ungebremste Spielfreude seiner noch jungen Band und Hits, wie „The Preacher“, die das Set zu einem echten Schmankerl machten. Das Zelt dankte es Jamie am Ende auch mit entsprechend großem Applaus.

Die Amerikaner von The War On Drugs lieferten im Anschluss ein traumwandlerisch dichtes Set mit gut gemachten Indie-Rock alter amerikanischer Schule. In die kalte Nacht wurden die Haldern-Jünger danach von Apparat verabschiedet. Sänger Sascha Ring war zwar etwas angeschlagen, ließ sich davon aber nicht beeindrucken, sondern lieferte eine gewohnt gekonnte Show, die vor allem von den Songs des neuen Albums „The Devil’s Walk“ lebte. Auf jeden Fall ein toller Abschluss eines ersten Tages, auch wenn die kalte Nacht schon sehr an den Kräften nagte.

Freitag, 10. August 2012

Cantina Mobile auf dem Haldern Pop 2012

Tag 2 öffnete der Reitplatz in Haldern schon eher und bereits ab kurz vor 15.00 konnte man das Gelände erkunden. Dabei fielen dann auch weitere Neuerungen gegenüber den Vorjahren auf. Das Essensangebot hatte sich nämlich deutlich gebessert. Neben Steinofenpizza der man bei der Zubereitung und beim Brutzeln im Steinofen zuschauen konnte, Bratwurst und gab es nun noch Stände eines Sternekochs mit Biospezialitäten, einen Pastastand und vieles mehr. Auch der Pommesstand bot nicht mehr einfach „nur“ Pommes. Die waren nun quasi handgeschnitzte Biopommes aus den Niederlanden. Dazu konnte man seinen Durst dann noch wie in den letzten Jahren mit der wirklich leckeren Lemonaid-Limonade und Charitea-Eistees oder eben mit Cola, Bier, Wein, Wasser, Kaffee, Smoothies und Shakes stillen und für den kleinen Snackhunger zwischendurch gabs auch wie gewohnt frische Früchte. Insgesamt nun also eine runde Sache, abgesehen vielleicht von den am Samstag etwas sehr deutlich präsentierten Grillspezialitäten in Form eines Spanferkels und Puten, die mitten auf dem Reitplatz über der Glut schmorten. Für Vegetarier und Veganer, die ja unter anderem auch Grund waren, das Essensangebot neu aufzustellen, sicherlich nicht der schönste Anblick.

Wye Oak auf dem Haldern Pop 2012

Eine runde Sache war auch das Line-Up an diesem Tag. Los ging es mit dem Duo Wye Oak. Die boten leicht von Grunge und Shoegaze inspirierten Indie-Rock, der leichtfüßig in mittlerem Tempo die Besucher aufwecken sollte. Ein wenig Krach zwischendurch sorgte für die notwendige Abwechslung und machte das Set zu einer insgesamt unterhaltsamen Sache, für die Sängerin Jenn beim Abbauen sogar noch Szenenapplaus erntete.

Mit Other Lives, die wie die Mehrheit der Bands auf dem diesjährigen Haldern Pop aus den USA stammten, betraten dann alte Bekannte die Bühne. Bereits im letzten Jahr spielten sie das Haldern und hinterließen einen bleibenden Eindruck.

Other Lives auf dem Haldern Pop 2012

Auch ihr Auftritt auf der Hauptbühne sollte im Gedächtnis bleiben. Mit dem schweren Folkrock ihres zweiten Albums „Tamer Animals“ erzeugten sie eine herrlich dichte Atmosphäre, von der man sich nur zu gern gefangen nehmen ließ. Insbesondere der Titeltrack und die Hitsingle „For 12“ gingen mit ihrer leichten Bombastnote in die Ohren und von dort in den ganzen Körper um bei 22 Grad und strahlendem Sonnenschein für eine wohlige Gänsehaut zu sorgen.

White Rabbits auf dem Haldern Pop 2012

Ein Set, das sich gewaschen hat. Die im Anschluss spielenden White Rabbits aus Brooklyn sollten dem in der Folge allerdings nicht viel nachstehen. Die Jungs, die in diesem Jahr ihr drittes Album „Milk Famous“ veröffentlichten, boten schnittigen Indie-Rock auf, der druckvoll von der Bühne schallte. Zwei Drumsets sorgten dabei für den nötigen Druck und verliehen Hits wie „Percussion Gun“ einen ordentlichen Bumms. Auch hier ist lobend zu erwähnen, dass der Sound von White Rabbits, der irgendwo zwischen Pavement und Cold War Kids anzusiedeln ist, perfekt abgemischt war und dem Genuss so nichts im Wege stand.

Danach sollte weder die Sonne eine Pause einlegen, noch das Line-Up langweilig werden. Das Duo Daughter spielte zum Beispiel im Spiegelzelt ein intimes Set mit ruhigen Folksongs, die auch in der Abendsonne auf der Hauptbühne eine gute Figur gemacht hätten. In jener spielte ab kurz nach 8 Tomte Frontmann Thees Uhlmann mit Band. Zu der gehörte auch Sir Simon an der Gitarre. Thees war wie gewohnt blendend aufgelegt, spielte seine Stücke aber etwas routiniert runter. Die Ansagen zwischen den Songs waren aber gewohnt locker, auch wenn er vielleicht ab und an etwas zu sehr ins schwafeln verfiel.

Nach kurzer Verschnaufpause, bei der wir den Deutschpop von Niels Frevert (bei seinem zweiten Haldern-Auftritt nach 1997) und den 1LIVE-Folk von Ben Howard (der im letzten Jahr bereits da war) links liegen ließen, fanden wir uns für Two Door Cinema Club wieder vor der Hauptbühne ein. Die feierten Haldern-Premiere und auch die Songs ihres zweiten Albums „Beacon“, das nächste Woche Freitag erscheint. Wie immer war das Trio aus Nordirland blendend aufgelegt und heizte mit temporeichen Songs nach einem sehr folkreichen Nachmittag die Nacht noch einmal richtig ein.

Die Tanznummern von Two Door Cinema Club kamen dabei auch zum absolut richtigen Zeitpunkt, denn beinahe drohte das Festival ob einer großen Dosis Deutschpop und langsamerer Folksongs einzunicken. Da störte es auch nicht, dass das Trio häufig nur einen Beat spielte und mit verschiedenen, verspielten Melodien anreicherte. Für die Beine reichte es und gut gemacht sind die Songs allemal. So überrascht es auch wenig, dass selbst am Folgetag noch viele Haldern-Gänger dabei erwischt wurden, wie sie die Vokalübungen aus „I Can Talk“ nachmachten, was wohl ein Indiz für den geheimen Festivalhit sein dürfte. Danach zollten wir der aufziehenden Kälte ihren Tribut und suchten uns ein lauschiges Plätzchen im Spiegelzelt, um pünktlich zum Set von Oberhofer zu sein, die mit halb 2 zu einer beinahe unmenschlichen Zeit spielen durften.

Die Uhrzeit schien die Bands aus Brooklyn jedoch nicht zu stören. Sie spielten ungebremst ihren leichtfüßigen, energiegeladenen Indie-Rock, der nach Two Door Cinema Club noch einmal alle Muskeln im Körper zum rhythmischen Mitzucken anregte. Die Stimme von Brad Oberhofer überschlug sich dabei des Öfteren Mal, was dem Set aber eine noch größere Dynamik verlieh. Insgesamt waren Oberhofer dann auch für einen dieser rar gesäten Rock-Momente mit scheppernden Drums und lauten Gitarren verantwortlich. Nach nicht einmal einer Stunde verabschiedeten sich die Jungs dann auch schon und machten Platz für Der König tanzt. Wir ließen ihn tanzen und fuhren lieber nach Hause.

Samstag, 11. August 2012

The British Expeditionary Force auf dem Haldern Pop 2012

Auch der Finaltag des Haldern versprach wieder einiges und so waren wir pünktlich zur Öffnung der Tore da. Mit The British Expeditionary Force stand schließlich ein echter Leckerbissen auf dem Plan. Das Trio Justin und James Lockey sowie Aid Burrows ist live mittlerweile zu einer sechsköpfigen Truppe mit gleich zwei Drumsets angewachsen. Aber sie spielten nicht nur wuchtige Songs, sondern größtenteils leicht verträumte, extrem atmosphärische Indietronic-Stücke, die sich langsam aufbauten und sich teilweise in druckvollen Zwischensequenzen aufbäumten. Zwischendurch waren deutlich Parallelen zur Kultband Yourcodenameis:Milo zu erkennen, bei der sich Bandmitglied Justin Lockey vor seiner Zeit bei The BEF einen Namen machte. Sänger Paul Mullen machte sich nach deren Ende übrigens einen Namen mit The Automatic.

In ihrem etwa vierzig minütigen Set spielten The British Expeditionary Force etwa zu gleichen Teilen Songs ihres 2007er Debüts „Chapter One: A Long Way From Home“ und des Anfang des Jahres erschienenen „Chapter Two: Konstellation Neu“. Die Songs des aktuellen Albums überzeugten dabei etwas mehr und sorgten für eine beeindruckende Atmosphäre. Das Set von The BEF gestaltete sich so dicht, dass die Band auch gerne doppelt so lange hätte spielen dürfen. Für uns stand am Ende jedenfalls fest, dass wir mit der Erased Tapes Band eines der absoluten Highlights des diesjährigen Haldern Pops gesehen hatten.

Parallel zu The BEF tat sich auch in der Pop Bar etwas. Statt der angekündigten Skinny Lister, machte nämlich die Runde, dass der alte Haldern-Vertraute Philipp Poisel ein Set spielen sollte. Unser Bekannter Sebastian war da und zitiert Philipp dazu wie folgt „der Stefan (Reichmann, Chef-Booker vom Haldern, Anm. d. Red) hat noch um 11:45 Uhr angerufen als ich noch im Bett lag und gefragt ob ich um 12:00 Uhr spielen möchte. Ich hab gesagt 13:00 Uhr könnte klappen“. Um 14:00 Uhr war er dann endlich da und hatte mit Songwriter Florian Ostertag noch einen Songwriter im Gepäck. Angezogen als wolle er baden gehen spielte er ein ca. 45 Minuten langes Best-Of Set, teilweise schön vierhändig am Klavier. Viele entzückte Gesichter und überraschend große Textsicherheit bei vielen sorgten für eine wirkliche Gänsehautatmosphäre.“

Guillemots auf dem Haldern Pop 2012

Nicht minder begeisternd ging es im Spiegelzelt weiter. Mit den Guillemots hatten sich alte Bekannte angekündigt, die nun schon zum dritten Mal das Haldern Pop beglückten. Sänger Fyfe Dangerfield feierte sogar schon sein viertes Mal, da er 2010 ebenfalls solo da war. Das Set, das eigentlich als „Acoustic Special“ angekündigt war, war weniger akustisch, als ein typisches Guillemots Set. „Criss-Cross“ zum Beispiel kam typisch rockig und laut daher und hätte in akustischer Variante vielleicht auch zu viel eingebüßt.

Wir waren also nicht traurig drum, dass aus „Acoustic“ nichts wurde und ließen uns von den gut gelaunten Briten mitreißen, die den Schweißpegel im sowieso schon warmen Spiegelzelt noch weiter ansteigen ließen. Aus laut Zeitplan fünfzig Minuten wurden zwar nur vierzig, dafür gab es kurz vor Schluss dann aber doch noch eine akustische Einlage. Sänger Fyfe spielte nämlich einen Song allein, nur mit Akustik-Gitarre.

Das angekündigte Akustik-Spezial der Guillemots fand dann übrigens um ca. 17 Uhr im Tonstudio Keusgen statt. Knapp 50 Besucher kamen in den Genuss, Fyfe und seine Band als lebende Jukebox zu erleben.

Fyfe kam nämlich gleich nach dem ersten oder zweiten Song auf die Idee, dass sich Zuschauer Songs wünschen durften. Das Set dauert dann 45 Minuten unvergleichliche Minute mit einer gigantischen Atmosphäre, staunenden Gesichtern, nicht zu vermeidenden Tränen und Gänsehaut Nonstop, ob der packenden Performance der Band. Während der Songs herrschte absolute Stille, die nur durch leises Einstimmen des Publikums in den Gesang gebrochen wurde. Die Band spielte die Songs extrem gefühlvoll und sich förmlich in einen Rausch. Gerade die Bassistin schien das Set sichtlich zu genießen. Laut Sebastian, der uns diese Beschreibung gegeben hat, eines seiner unvergesslichsten Konzerterlebnisse.

Team Meauf dem Haldern Pop 2012

Nach dem nicht so akustischen Guillemots Set und ausgedehntem Mittagessen waren Team Me aus Norwegen angesagt. Die Band aus Skandinavien verzierte die gesamte Bühne mit großen, bunten Luftballons und Wimpeln und waren selbst ähnlich verspielt gekleidet und bemalt. Ihr Sound ist ähnlich verspielter Indie-Rock, der keinem weh tut. Irgendwo in der Nähe von Shout Out Louds zu verorten und ideal für einen Samstagnachmittag in der Sonne. Bestens platziert also zu dieser Uhrzeit auf dem Haldern.

Etwas erwachsener ging es vom Sound her dann wieder im Spiegelzelt zu. Wenngleich der Künstler nicht wirklich älter war als die Mitglieder von Team Me. Die Rede ist von Nigel Wright aus den USA. Der junge Songwriter, dessen Debüt „Millfoil“ vor ein paar Monaten unter großem Getöse in Deutschland wiederveröffentlicht wurde, wurde von einem wie immer proppevollen Spiegelzelt empfangen. Auch wenn wir sein Debüt nicht in ähnlich hohen Tönen besprochen haben, wie es viele unserer Kollegen taten und wir bei Bezeichnungen wie „der neue Cohen“ zusammenzucken, gaben wir dem „Wunderkind“ natürlich eine Chance.

Nigel Wright auf dem Haldern Pop 2012

Dabei lebte das Set vor allem von Nigel’s tiefer Stimme und seinem sanften Gitarrenspiel. Dabei erinnerte er ein wenig an Nick Drake, ohne jedoch dessen Intensität zu erreichen. Ein Highlight war sicherlich sein Cover von Leonard Cohen’s „Hallelujah“ (daher vielleicht auch der Vergleich), das er mit voller Stimme vortrug. Richtig packen konnte Nigel uns aber leider nicht. Er hat ganz klar eine einzigartige Stimme und wohl auch das Talent große Songs zu schreiben. Das ließ er während des Sets aber nur selten durchblicken, nämlich dann, wenn man merkte, dass er seine Stimme doch einzusetzen weiß. Wir halten also weiterhin ein Auge auf ihn geworfen und werden ihn uns wohl auch in der Kirche in Münster in Ruhe anschauen und uns einfach auf die reiferen und somit mittlerweile seinem Alter entsprechenden Songs des zweiten Albums freuen, das hoffentlich (für Nigel Wright selbst) noch bis nächstes Jahr Sommer erscheinen wird. Andernfalls befürchten wir, wird der irre Hype um ihn so weit abklingen, dass sich kaum noch jemand an den Jungen mit der tiefen Stimme erinnert und das Album untergehen wird.

tUnE-yArDs um Sängerin Merrill Garbus scheinen zumindest das zu wissen (wie man seine Stimme einsetzt). Wie man brauchbare Songs schreibt jedoch nicht. In ihrem knapp fünfzig Minuten andauernden Set spielte die Band auf der Hauptbühne Songs, die aus Versatzstücken von Melodien und Fetzen anderer Songs und Kompositionen bestanden. Gepaart mit zwei Saxofonen war das eigentlich nur anstrengend. Mal ehrlich, das Saxofon ist das überflüssigste und wohl nervigste Instrument der Musikgeschichte. Wenn eine Band gleich zwei davon auf der Bühne hat, sagt das wohl alles über ihre Songs aus – für uns jedenfalls. Nennt uns ein Musikstück, für das Saxofon unumgänglich ist und den Song ausmacht und wir werden unsere Meinung ändern.

Aber Rettung sollte bald nahen, nämlich in Form eines bärtigen Kanadiers. Zuvor spielte aber noch mit Skinny Lister die vielleicht verrückteste Band des Festivals einen Mini-Akustik-Gig auf dem NRZ Stand. Das Londoner Quintett spielte energiegeladene Folksongs, die irgendwo zwischen Pubatmosphäre und unkoordiniertem Gestampfe zu verorten sind. Hinzu kam ein als krakeelen zu beschreibender Gesang und viel Alkoholkonsum auf der Bühne, der in Crowdsurfen der Sängerin mündete. Auf jeden Fall eine Begegnung der etwas anderen Art, durch die die Umbaupause bis Patrick Watson verkürzt wurde.

Patrick Watson auf dem Haldern Pop 2012

Genau wie Fyfe Dangerfield war auch Patrick Watson zum nunmehr vierten Mal dabei. Mit dabei hatte er Songs seines neuen Albums „Adventures In Your Own Backyard“ und eine große Portion guter Laune. Ab der ersten Sekunde sprühte die Band vor Spielfreude, was sich bei Sänger Patrick Watson durch häufiges Kichern und ein breites Grinsen äußerte. Mit zunehmender Dauer nahm seine gute Laune auch nur noch zu, was wohl vor allem auf den Whiskey-Konsum zurückzuführen war. Songs, wie „Luscious Life“ und auch das neue „Into Giants“ taten sich dabei als besondere Highlights in einem wirklich tollen Set hervor.

Die anschließende Umbaupause nutzten wir dann, um zumindest einen Teil des Sets der australischen Folk-Rocker von Boy & Bear zu sehen. Mit einem Sound irgendwo zwischen Band of Horses und Mumford & Sons, der ohne große Schmalzmomente auskommt, spielten sie ein solides Set, bei dem man bei einigen Songs spüren konnte, dass dort einer dieser Geheimtipps spielt, die in den nächsten Jahren groß gefeiert werden und ähnlich Mumford & Sons einer der Headliner der Hauptbühne werden könnten.

Das Niveau blieb auch anschließend hoch, denn mit The Maccabees standen die geheimen Headliner auf dem Programm. Nach 2007 und 2009 feierten sie ihr drittes Mal beim Haldern Pop und das passend zu ihrem dritten Album „Given To The Wild“, das im Januar erschien. Als wir die Band 2009 im Vorprogramm von Maxïmo Park sahen, standen da noch ein paar Indie-Jungs mit nett verspielten Indie-Rock-Songs typisch britischer Note, die teilweise noch nicht zu wissen schienen, wie man sich auf der Bühne verhält. Die letzten drei Jahre haben The Maccabees aber offensichtlich zum Erwachsenwerden genutzt. Zu sehen waren jetzt ernstzunehmende Musiker mit einer ordentlichen Bühnenpräsenz und einer guten Prise Charisma.

The Maccabees auf dem Haldern Pop 2012

Auch die Gesamtperformance war nun deutlich rockiger, was den Breitwand-Indie-Hits der ersten beiden Alben gut zu Gesicht stand und auch die elektronische Note der neuen Songs etwas „entschärfte“. Die Feierlaune von The Maccabees übertrug sich auch auf das Publikum, das fröhlich mittanzte und bei den Hits laut mitsang. Die Stimmung schien bei diesem Set auch ihren Höhepunkt zu erreichen, was die Band auch zu den geheimen Headlinern des Festivals machte.

Bei den anschließend spielenden Afghan Whigs, die 16 Jahre nach ihrem ersten Haldern Pop Auftritt wieder vorbeischauten, schien die Luft etwas raus. Der Reitplatz war schon leerer als bei The Maccabees und auch die Feierbereitschaft der Besucher schien nicht mehr so groß. Das bekamen auch Wilco zu spüren, die allerdings mehr mit sich selbst beschäftigt waren, als zu versuchen eine Beziehung zum Publikum aufzubauen. So plätscherten die Songs ein wenig daher, auch wenn natürlich einige Hits dabei waren und beide Bands in ihrer langen Geschichte kaum Qualität eingebüßt haben.

Der offizielle Abschluss des 29ten Haldern Pop wurde dann Alt-J aus Großbritannien überlassen. Eine Band, die derzeit einen großen Hype erlebt und deshalb das Spiegelzelt drei Mal hätte füllen können. Wir zogen darum lieber den Heimweg vor und erfreuten uns an einigen Sternschnuppen.

Obwohl uns im Vorfeld einige Künstler im Line-Up fehlten, bei denen wir dachten, „Wow, die darf ich nicht verpassen“, war es insgesamt doch das bisher rundeste Haldern Pop für uns. Die neue Biergartenbühne am Donnerstag stellt eine riesige Verbesserung dar und auch das Essensangebot war hervorragend. Hinzu kommen wie immer nette Ordner, eine tolle Atmosphäre und in diesem Jahr besonders auffällig, ein herrlich entspannter Ablauf. Man konnte jeden Künstler sehen, den man wollte und erlebte bei kleineren Namen echte Überraschungen. Wir freuen uns bereits jetzt auf die 30te Auflage des Haldern Pop im nächsten Jahr.

Alle Fotos von Ariane WhiteTapes

Bilder und Videos vom Haldern Pop 2012

Bildergalerien:

Auf der Homepage von Rockpalast könnt ihr euch erste Live-Mitschnitte, Setlists und Bildergalerien anschauen.

Discussion

  1. […] vergangenen Wochenende verzauberten die Londoner von Daughter viele Besucher des Haldern Pop 2012 mit ihrem Auftritt im Spiegelzelt. Mit ihrem eleganten Sound, der berührende Stimme von Elena […]

    Posted by Daughter – neue Single “Smother” im Stream | WhiteTapes | August 15, 2012, 1:27 pm
  2. […] Janus Mirror”. Viele Songs davon stellten sie auf ihrer Frühjahrs-Tour und am Wochenende auf dem Haldern Pop vor und gaben damit einen wunderbaren […]

    Posted by Emanuel and the Fear – “The Janus Mirror” im Stream | WhiteTapes | August 16, 2012, 12:47 pm

Archive