Konzertberichte

Haldern Pop 2013 – Rees-Haldern, 8. – 10. August 2013

Haldern Pop 2013

Wer das ein oder andere Mal bei uns auf der Seite vorbeischaut, weiß sicherlich, dass wir nicht die allergrößten Festivalgänger sind. Mehrere Tage am Stück eine Masse an Konzerten zusammen mit einer noch größeren Masse von Menschen, die mit jedem Tag schlechter riecht und deren Alkoholpegel mit jedem Tag steigt, ist nicht gerade unsere Vorstellung eines schönen Wochenendes. Auf dem Haldern Pop ist das anders. Die Masse an Menschen hält sich mit mittlerweile zwischen 6.000 und 7.000 Besuchern zwar in Grenzen, die Masse an Konzerten ist mit jährlich über40 Künstlern (dieses Jahr 54) jedoch doch recht groß, sodass sich jeder Besucher durch die schöne Verteilung der Bands auf unterschiedlichste Locations sein ganz eigenes Festival zusammenstellen kann. Für einige bedeutet dies mehr Stress im Festivalalltag, für uns entspannt es die Sache jedoch herheblich und die kleinen Konzerte, die man z.B. dann im Tonstudio oder der Dorfkirche miterleben darf, sind Ereignisse, die man so schnell nicht wieder vergisst.

So freuten wir uns also in diesem Jahr auf die nunmehr 30te Ausgabe des Haldern Pop Festivals, die wir im fünften Jahr unseres Bestehens, nur all zu gern wieder besuchten.

Donnerstag, 8. August 2013

Offiziell begann der Donnerstag in der Halderner Dorfkirche mit dem Londoner Singer-Songwriter Luke Sital-Singh. Da wir ihn in diesem Jahr aber bereits zwei Mal im Vorprogramm von Villagers gesehen haben, zogen wir ein wenig Gemütlichkeit vor und fanden uns zur Öffnung des Biergartens erst einmal vor der Biergartenbühne ein. Dort war auf der Leinwand das Set von Kate Stables aus Bristol zu sehen, die mit ihrem Projekt This Is The Kit auftrat. Die Musik der Band ist launiger Indie-Pop, der allerdings auch ein wenig nichtssagend dahin schwappte. Der Gitarrist, wirkte zudem als würde er eigentlich auf die Bühne einer Aula gehören, wo er als Mitglied einer Lehrerband auftritt. Ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber das bereits gut gefüllte Spiegelzelt nahm dies kaum übel und so boten This Is The Kit einen entspannten Einstieg in das Festival, der einen erstmal ankommen und die Festivalstimmung aufkommen ließ.

Mikal Cronin @ Haldern Pop 2013

Richtig los ging es im Biergarten auf der Bühne dann am frühen Abend mit dem Slack-Rocker Mikal Cronin. Der Amerikaner hatte während seines Sets mit dem Sound zu kämpfen, wodurch seine Stimme viel zu häufig nicht gegen den sonnigen Gitarren-Mix aus Indie- und Surf-Rock ankam. Die gute Stimmung kam trotzdem rüber und Cronin sorgt für eine mehr als sonnige Eröffnung des Abends, trotz seines sichtlichen Unmutes über den Sound, der beim Soundcheck noch zufriedenstellend gewesen war.

Für den weiteren Verlauf des Abends teilten wir uns dann auf. Während auf der Bühne des Spiegelzeltes der deutsche Songwriter Florian Ostertag die Songs seines nunmehr vier Jahre alten Debüts „The Constant Search“ zum besten gab und für ein durchaus kurzweiliges Set sorgte, machten sich auf der Bühne in der Dorfkirche Andre de Ridder und Gäste bereit.

Villagers feat. Stargaze @ Haldern Pop 2013

De Ridder hatte sein Ensemble Stargaze mitgebracht, mit dem er zunächst zusammen mit Jherek Bischoff spielte, danach die beiden Stücke „Positive Feedback“ von Ben Shemie (Suuns) und „Aheym“ von Bryce Dessner (The National) vortrug. Beide Kompositionen waren nicht gerade leichte Kost und sorgten bei nicht wenigen Besuchern für ein wenig angestrengte Gesichtsausdrücke.

Leichter wurde es im Anschluss mit Conor J. O’Brien und Cormac Curran von Villagers, die zusammen mit de Ridder und Stargaze wunderschön umarrangierte Versionen von Villagers präsentierten. Damit erlebten die Besucher des Haldern Pop auch gleich die ersten Gänsehautmomente des Abends, die leider nach kurzer Zeit auch schon vorüber waren. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen, bereits so früh nach Festivalbeginn ein Highlight, an das man gerne zurück denkt.

We Were Promised Jetpacks @ Haldern Pop 2013

Im Anschluss hieß es dann schnell rüber zum Biergarten. Auf der Bühne waren nämlich die Schotten von We Were Promised Jetpacks angesetzt. Mit lauten Gitarren und inbrünstigem Gesang machten die vier Schotten gleich klar, dass sie eines der Highlights in punkto Gitarrenrock sein würden. Besonders der Hit „Quiet Little Voices“ wurde mit solcher Inbrunst auch vom Publikum mit geschrieen, dass es gut war, dass das Programm in der Kirche bereits vorüber war, denn selbst das hätten We Were Promised Jetpacks mit ihrer Lautstärke und Energie übertönt.

Apropos „schreien“. Wir haben die Band seit Anfang 2009 nun bereits einige male mehr live erleben dürfen und obwohl es immer gute Konzerte waren, die sehr viel Spaß machten, war das Set am Donnerstag auf der Biergartenbühne das erste, bei dem wir erleben durften, dass Sänger Adam die Songs nicht nur vernünftig singen kann, sondern auch schreien kann.

Das verlieh Songs wie „Quiet Little Voices“, genauso wie vielen des zweiten Albums, die Note, die man vielleicht bei den bisherigen Konzerten vermisste. Somit ist aber auch offensichtlich, warum dies der Fall ist: würde er jede einzelnen Abend einer Tour so in das Mikro brüllen, müsste die Tour wohl spätestens nach dem 3. Konzert wegen Stimmausfall und Ähnlichem abgesagt werden. Daumen hoch dafür!

Schweißgebadet ließen wir den Abend in aller Ruhe im Anschluss im Spiegeltent ausklingen. Hier präsentierte zunächst die Amerikanerin Julia Holter viele Songs ihres neuen, am Freitag erscheinenden, Albums „Loud City Songs“. Teils wirkte Holter etwas gekünstelt und abwesend, insgesamt bot sie dennoch ein tolles Set mit viel Gefühl. Bei John Grant wurde es im Anschluss sogar beinahe politisch. Einen seiner Songs widmete er den Homosexuellen in Russland, die derzeit immer mehr drangsaliert werden. Zustände, die in einem demokratischen Staat nicht tragbar sind, aber mit der Demokratie ist es in Russland ja auch leider nicht soweit her. Mit perfektem Deutsch sorgte Grant in den Songpausen immer wieder für den ein oder anderen Lacher und bescherte einen erstklassigen Abschluss des Abends.

Freitag, 09. August 2013

Der Freitag auf dem Haldern Pop begann für uns mit Konzerten erst um 15 Uhr. Dennoch nutzten wir die Öffnung des Biergartens um 14 Uhr für einen kleinen Besuch an den Essensständen. Die waren nämlich, wie immer, klasse. Neben wirklich leckeren chinesischen Nudeln gab es dort in diesem Jahr auch wieder Handbrot frisch aus dem Ofen und ebenfalls leckere Falafel, die sogar für die Veganer im Festivalpublikum geeignet waren. Frisch gestärkt traten wir dann den Weg am Zeltplatz vorbei zum Tonstudio Keusgen an, wo gerade der junge Londoner Douglas Dare seinen Soundcheck bestritt.

Douglas Dare @ Haldern Pop 2013

Ganz schüchtern verließ er nach ein paar Minuten Soundcheck das bereits gut gefüllte Studio. Kurz darauf kam sein Labeldaddy Robert von Erased Tapes herein und bat die Anwesenden, doch noch einmal kurz das Studio zu räumen, da sich Douglas mit so vielen Beobachtern beim Soundcheck nicht wohlfühle – tatsächlich verständlich, war Einlass doch eigentlich für eine halbe Stunde später geplant gewesen. Wenn die Türen aber offens sind, es drinnen über Mittag gerade für kurze Zeit angenehmer ist, als draussen in der prallen Sonne und einen niemand rausschmeißt, bleibt man halt und wartet ab, was geschieht. Nach kurzem, erneuten Soundcheck unter Ausschluss des Publikums ging es dann relativ zügig um 15:00 Uhr los. Mittlerweile hatten noch mehr davon gehört, dass der Dichter und Sänger im Studio auftreten würde. Das Studio war dann auch zum Bersten gefüllt, so dass es schnell mehr als 30 Grad mit sehr stickiger Luft wurden – vorbei war es mit der angenehmeren Luft im Vergleich zu draussen vor dem Studio. Douglas Dare, der Ende September seine Debüt-EP „Seven Hours“ auf Erased Tapes veröffentlicht, kämpfte sich seinen Weg zum Flügel und wies erst einmal scherzhaft darauf hin, dass man ihm ein Handtuch gegeben habe und er nun auch wisse, wofür er es brauchen würde.

Was folgte war ein berührendes, emotionales Set, bei dem Douglas nur mit Klavier und seiner vollen Stimme, eine dichte Atmosphäre erzeugte. Alle Anwesenden im Studio saugten jede Note auf und waren auch in den Songpausen so andächtig still, dass man die sprichwörtliche Stecknadel hätte fallen hören können. Der Applaus nach den Songs war jedes mal riesig, nach der letzten Note des Sets geradezu gigantisch und auch nach einer Zugabe wurde gebeten, doch der Zeitplan drückte und so machte sich das Publikum ersteinmal wieder raus, an die jetzt wirklich, frische Luft.

Erstklassig ging es auch im Anschluss weiter. Für das Studio hatten sich nämlich auch noch Andre de Ridder mit Stargaze feat. Owen Pallett angekündigt. Gemeinsam spielten die Musiker zunächst „In C“ von Terry Riley, ein komplexes Arrangement, das von den Zuhörern Durchhaltevermögen verlangte. Direkt im Anschluss ging es mit einer Kompisition von Owen Pallett weiter. „In Xs“, angelehnt an INXS und Pallett erklärte dazu, er habe ursprünglich Riley’s „In C“ genommen und mit Elementen des INXS Klassikers „Never Tear Us Apart“ verbunden. So war kaum noch etwas von beiden Stücken übrig, bis auf ein paar wiederkehrende Elemente des schon gehörten Stücks und Textfragmente des INXS Songs. Hier wurde man dann auch mit einem einzigartigen, packenden Vortrag belohnt, der eine wunderbare Verquickung von Pop- und E-Musik zeigte. Der anschließende Applaus war natürlich entsprechend groß und so freuten wir uns natürlich umso mehr, Owen weniger als zehn Stunden später noch einmal im Spiegelzelt zu sehen.

Weiter ging es mit Balthazar aus Belgien, die im Spiegeltent spielten. Trockener Gesang, pluckernde Rhythmen und eine sympathische Mischung aus französischem Pop und Brit-Rock sorgten für ein unterhaltsames Set einer Band, die wir eigentlich gar nicht auf dem Plan hatten. Das machte auf jeden Fall Laune und so freuen wir uns schon auf die Editors Tour im Herbst, bei der Balthazar als Support dabei sein werden.

Auf der Hauptbühne tanzte sich derweil der amerikanische Soulmusiker Lee Fields unterstützt von The Expressions die Seele aus dem Leib. Er nutzte jede Songpause für ein lautstarkes „I love you“, das man ihm irgendwie auch abnahm. Auch wenn Soul recht weit von dem weg ist, was wir sonst so hören, machte das Set durchaus Laune. Fields tanzte mit unbändiger Energie über die Bühne und ließ den Geist von James Brown wieder auf erstehen (verzeiht den Vergleich, falls unangemessen. Wir haben wirklich keinerlei Ahnung von Soulmusik).

Tom Odell @ Haldern Pop 2013

Der nächste Act auf der Hauptbühne bildete dann optisch das genaue Gegenteil zu Lee Fields. Tom Odell gab sich, frisch von seiner Amerika-Tour zurück gekehrt, die Ehre. Da saß nun der schmächtige, blonde Brite, der gerade einmal Anfang 20 ist, an seinem Piano in der Mitte der Bühne und hatte das schwere Los gezogen, im Anschluss an die Rampensau Lee Fields aufzutreten. Alle Spötter ließ er aber alt aussehen und präsentierte eine blitzsaubere Show. Odell und seine Musiker sprühten vor Spielfreude und zeigten nicht nur beim Hit „Another Love“, der vom gesamten Reitplatz mitgesungen wurde, dass er mehr als ein Konservenprodukt der Musikindustrie ist. Gerade der Opener „Grow Old With Me“ bot erstklassige Pop-Unterhaltung.

Am Ende des Sets hatte sich Odell dann so sehr verausgabt, dass er zunächst seinen Mikrofonständer umstieß, seinen Hocker weg kickte und sich zu Boden fallen ließ, wo er noch eine halbe Minute lag, bevor er sich freudestrahlend von der Bühne verabschiedete. Eine überzeugende Show, bei der aber wohl das selbe galt, wie bei Lee Fields zuvor: kann man mit Piano-Pop nichts anfangen, hörte man zwar ein vor Energie sprühendes Set, doch rein kam man nicht ganz.

Villagers @ Haldern Pop 2013

Das Programm ging weiter mit Künstlern von den britischen Inseln. Genau genommen mit Iren. Nämlich in Person von Villagers, die sich drei Jahre nach ihrem umjubelten Auftritt im Spiegeltent nun auf der Hauptbühne einfanden. Gemeinsam sorgte die Band erneut für eines der Highlights des Festivalwochenendes. Conor ging regelrecht in seinen Songs auf und spielte sich gemeinsam mit seiner Band in einen Rausch aus Folk, Indie-Rock und Pop, der im rockigen „Ship Of Promises“ mündete.

Der Wechsel zwischen lauten Songs, bei denen er sich die Seele aus dem Leib schrie und ruhigeren Stücken, die er häufig mit geschlossenen Augen sang, war perfekt und sorgte für ein unvergessliches Set, nach dem sich attestieren ließ, dass Villagers, obwohl wir sie dieses Jahr bereits zum vierten Mal sahen (fragt nicht..), einfach nicht langweilig werden. Noch nicht.

Ohne Pause ging es danach direkt ins, bzw. vor das Spiegeltent. Im Zelt war die Luft stickig und die Besucher drängten sich fast bis unter’s Dach, wir fanden aber trotzdem noch unser Plätzchen zwischen springenden und tanzenden Menschen, sodass wir uns ohne Absicht  plötzlich ob der Bewerbung am Rand in der zweiten Reihe befangen, um die aus Irland stammenden The Strypes zu feiern. Die jungen Iren, die aussehen, als dürften sie um diese Uhrzeit nach Jugendschutzgesetz gar nicht mehr auf einer Bühne stehen, hätten wohl auch den Reitplatz ausgefüllt und rockten ab der ersten Minute gut gelaunt los. Ihr Sound ist eine moderne Interpretation der Beat-Musik, die derzeit wieder extrem im Kommen zu sein scheint. Die Anzüge saßen, die Frisuren passten und der Sound war wunderbar retro. Das lockte nicht wenige Besucher auch direkt vor die Leinwand, die dort ausgelassen eine Mischung aus Voxtrot, Rock’n’Roll und Rockabilly tanzten. Eine derartige Begeisterung für einen Act im Spiegeltent hatten wir zuletzt bei Villagers gesehen. Passte ja, die hatten ja schließlich gerade erst auf der Hauptbühne gespielt. Am 9. September veröffentlichen die blutjungen Iren übrigens ihr Debüt-Album „Snapshot“ und das werden sich nicht wenige der Besucher von Biergarten und Spiegeltent höchstwahrscheinlich auch zulegen.

Bei den folgenden These New Puritans, die sich von Stargaze unterstützen ließen, konnte man im Zelt dann ein wenig Abschalten und sich auf das folgende Highlight freuen. Das war der Kanadier Owen Pallett, der zu einer unmenschlichen Zeit um halb 2 Uhr nachts angesetzt war. Als er unterstützt von seiner Band Matt Smith  und Rob Gordon, Bandkollegen aus noch Les Mouches Zeiten, die das kommenden Album mit aufnahmen und bereits 2011 mit von der Partie waren, als Owen Pallett im Rahmen der c/o Pop in der Kölner Philharmonie spielte, dann aber die ersten Noten seines Sets anstimmte, zeigte sich, das sich das Warten absolut gelohnt hatte. Mit 45 Minuten war sein Set zwar viel zu kurz, dafür aber wie immer extrem intensiv und gespickt mit Hits, bei denen es gewohnt Spaß machte, die Entstehung der Songs über das Loopen seiner Geige und der Stimme zu verfolgen. Die neuen Songs flossen gut in das Set ein und die Vorfreude auf das wohl auf nächstes Jahr verschobene Album stieg und steigt stetig mit der Erinnerung an dieses persönliche Festival Highlight.

Danach war wieder Zeit für Rockmusik. Wir waren zwar mittlerweile in einem Delirium zwischen Müdigkeit und noch im Set Owen Pallett’s schwelgen, aber der Bruch zu etwas krachendem tat um 2:45 nachts dann doch auch wieder gut. Die ebenfalls aus Kanada stammenden Metz waren an der Reihe das Spiegeltent mit ungestümem Rock abzureißen. Dafür mussten sie allerdings auf das Equipment von Bear’s Den zurückgreifen, da ihres von der Fluggesellschaft wo anders hin verfrachtet wurde und nicht rechtzeitig ankam. Metz machten das Beste daraus und lieferten eine Rockshow voller Testosteron und Energie nach der wir wieder den Heimweg antraten und früh am Morgen müde und glücklich ins Bett, um nicht zu sagen ins Koma, fielen.

Samstag, 10. August 2013

So schliefen wir dann am Samstag auch erst einmal aus und fanden uns erst zu Dan Croll – wieder einmal im Spiegeltent – ein. Der Brite spielte ein charmantes Set und erinnerte teils an Jeremy Warmsley, der mittlerweile mit seiner Band Summer Camp immer größere Erfolge feiert. Die Schwedin Anna von Hauswolff sorgte direkt im Anschluss für etwas traumwandlerische Stimmung und verzauberte die Besucher mit ihrer hübschen Stimme und atmosphärischen Stücken. Die waren zwar auf 45 Minuten Länge etwas gleichförmig, sorgten dennoch für wunderbare Mittagsunterhaltung.

Auf der Hauptbühne gab es danach deutlich leichtere Kost. Kettcar hatten sich angekündigt und fackelten ähnlich wie Thees Uhlmann im Vorjahr, ein Best Of ab, das Fans der Hamburger Schule sicher Freude gemacht hätte. Nett anzuhören bei einem Bierchen aber mit einer Stunde Spielzeit auch fast schon zu lang. Die gute Laune der Band und das gute Wetter machten es aber dann doch ganz unterhaltsam.

Local Natives @ Haldern Pop 2013

Ähnlich lässt sich auch der Auftritt von Local Natives zusammen fassen. Die Band aus LA durfte in bunten Hemden in später Nachmittagssonne spielen und sorgte mit ihrer Mischung aus Indie-Pop, Wave und Elektro für gute Stimmung. Mit ihrem Talking Heads Cover, bei dem sie vollständig den Faden verloren und sich erst nochmal einige Minuten beraten mussten, sorgten sie zudem mit einigen Witzchen für Stimmung und boten dadurch ein nettes Vorabendprogramm.

Bunt wurde es währenddessen bei den Finnen von Rubik. Die hatten sich nämlich in bunte, wallende Gewänder gekleidet, sich bunten Kopfschmuck angelegt und trugen sphärische Arrangements im verspielten Indie-Pop-Gewand vor. Dafür, dass wir die Finnen gar nicht auf dem Plan hatten, waren sie sehr unterhaltsam und sorgten für gute Laune. Persönlich gefiel uns das Set beim Abendbrot vor der Leinwand lümmelnd besser, als tatsächlich drinnen im mehr als sperrlich besuchten Spiegelzelt. Wohl Local Natives und danach Alabama Shakes geschuldet, die die großen Massen vor die Hauptbühne zerrten und für viele die ersten Tageshighlights boten.

Honig @ Haldern Pop 2013

Tanzlaune war auch auf dem Zeltplatz angesagt. Hier hatten sich nämlich Honig, Town of Saints, Florian Ostertag und Jonas David für ein knapp einstündiges Set, mit zunächst 20 und später 200 Zuschauern eingefunden.

Zwischendurch gab es frische Nudeln, jeder Musiker trug ein paar seiner Songs vor und sorgte so für ein Erlebnis, dass wieder einmal bewies, warum das Haldern Pop so etwas besonderes ist (danke an Sebastian Madej. Der WDR hat angeblich auch gefilmt. Man darf also gespannt sein).

Alabama Shakes spielten danach auf der Hauptbühne knapp eine Stunde lang immer wieder den gleichen Blues-Rock-Song und verlangten bei uns einiges an Durchhaltevermögen. Anders dann bei Denis Jones.

Das Spiegelzelt war wieder rappelvoll und der Musiker aus Manchester, der das gesamte Festivalwochenende nutzte, um Töne, Soundschnipsel, Fotos und Videos zu sammeln, spielte ein unterhaltsames Set, bei dem er Gitarrenloops mit Gesangsfetzen und Elektrobeats mischte. Das riss das Publikum so sehr mit, dass er seine Spielzeit um mehr als zehn Minuten überschritt.

Parallel fing auf der Hauptbühne ein weiteres unser persönlichen Lieblingssets des Festivals an. Glen Hansard, der live von seiner Band The Frames sowie Streichern und Bläsern unterstützt wurde, war nämlich angesagt. Für uns persönlich einer der Headliner, musste er sich jedoch mit einer Stunde Spielzeit zufrieden geben, welche er für für ein intensives Set nutze. Das begann er zunächst solo und in der Folge mit voller Bandunterstützung. Hansard schien über Tag das ganze Haldern-Flair aufgesogen zu haben und sprühte vor Liebe. Das bekam auch sein Gitarrist zu spüren, den er bei einer gemeinsamen Einlage am Mikro gleich mehrmals auf die Wangen küsste. Der sympathische Ire lachte immer wieder fröhlich und herzlich und ließ den Kraftwerk Klassiker „Autobahn“ in einen seiner Songs einfließen, bevor er mitsamt Saxophon- und Posaunen-Solo Aretha Franklin’s „Respect“ zum Besten gab.

Hits, wie „When Your Mind’s Made Up“ und „Bird Of Sorrow“ sorgten für die intensivsten Momente des Abends. Hansard spielte auf der Gefühlsklaviatur und sorgte damit dafür, dass nicht wenige Tränen flossen – bei Weiblein wie Männlein. Die meisten flossen dann zum Abschluss seines Sets. Dort war der Oscar-prämierte Hit „Falling Slowly“ aus dem Film „Once“ platziert. Zunächst spielte er den Song nur mit seiner Band, unterbrach dann aber beim Refrain und sagte, er bräuchte eine Duett-Partnerin. Dafür wählte er sich ein junges Mädchen aus, das sich den Songs während seines gesamten Sets gewünscht hatte und schon die ersten Tränen verdrück hatte, während er anfing zu singen. Auf der Bühne stimmte sie dann mit ihm ein und übernahm gekonnt den Gesangspart von Marketa Irglova, die diesen Part in Once und bei The Swell Season verantwortete. Hier brachen alle Dämme und es war für einen tränenreichen Abschluss des Sets gesorgt. Beim WDR Rockpalast könnt ihr euch einen Mitschnitt dieser wunderschönen Geschichte anschauen. Groß lob noch einmal an die Sängerin aus dem Publikum. Wir hätten es nicht gekonnt und wohl Hansard selbst hatte dies nicht erwartet!!

Für uns hätte das Haldern Pop 2013 an dieser Stelle zu Ende sein können und wir wären glücklich nach Hause gefahren. Aber im Spiegelzelt wartete ja noch ein tolles Programm auf uns. Zunächst waren die Kanadier von Half Moon Run an der Reihe, die von vielen als Geheimtipp gehandelt wurden. Das was sie dann allerdings aufboten war ein unspektakulärer Mix aus Gitarrensounds, Electronica und Indie-Pop. Die Kanadier zelebrierten die Belanglosigkeit ihres Sounds so sehr mit platten Posen, dass man es ihnen fast schon positiv anmerken müsste. Dabei vergaßen die Musiker dann auch irgend eine Spannung in die Songs zu bringen oder eine Bindung zum Publikum aufzubauen, das teils begeistert, teils, wie wir, entgeistert, schon. So trafen blasse Songs auf wenig Ausstrahlung. Einzig das posen und vielleicht das Spiel mit dem Wirken der eigenen Person hatte die Band perfektioniert. Wir hatten vom Album her zwar nichts spektakuläres, aber doch ein nettes Set erwartet. Bekommen haben wir unseren persönlichen Flop des Festivals. Wer ähnliche Sounds, aber spannender und gefühlvoller entdecken möchte, dem empfehlen wir die Briten von M O N E Y, die nächste Woche ihr Debüt „The Shadow Of Heaven“ veröffentlichen. Nicht wirklich vergleichbar, aber wer Half Moon Run mag, wird vermutlich auch sein Glück mit M O N E Y finden.

Wirklich gefühlvoll, berührend und spannend wurde es danach bei den drei Schwestern von The Staves aus England. Die drei Folkschwestern, die gerne mit First Aid Kit verglichen werden, hatten die Songs ihres Debüts „Dead, Born & Grown“ dabei und gaben das unterhaltsamste und spannendste Folk-Set des Festivalwochenendes. Auf die Hauptbühne hätten die drei Schwestern auch gut gepasst, aber da können sie dann ja spielen, wenn sie wieder kommen. Gestört hat hier unglaublich das Dauergerede im Zelt. Bei Half Moon Run war dies auch vorhanden, doch die ruhigen Klänge von The Staves wurden regelrecht verdrängt und das Zuhören und Abtauchen war um einiges anstrengender, als es hätte sein können.

Haldern Pop 2013

Das letzte Konzert auf der Hauptbühne gebührte dann im Anschluss Efterklang aus Dänemark. Die Musiker sorgten für eine ausgewogene Mischung aus Frickeleien und Bombast-Momenten und hüllten den Reitplatz in einen wohligen Klangteppich. Bei einigen schien der Funke nicht so recht überzuspringen, aber nach drei Tagen Festival kämpft man nun einmal mit der Müdigkeit, was um halb 1 nachts auch kein Wunder ist dann.

Während Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi und im Anschluss Brandt Brauer Frick das Festival im Spiegeltent abschlossen, traten wir den Heimweg an und blicken auf ein wieder einmal einmaliges Festivalerlebnis zurück. Zwar fehlten in diesem Jahr die von vielen beschworenen „großen Namen“ im Line-Up, darum geht es beim Haldern Pop ja aber auch nicht. Es geht darum, dass jeder sein persönliches Festival mit seinen eigenen Highlights entdecken kann. Mit Künstlern, die in diesem Jahr noch im kleinen Spiegeltent und nächstes Jahr auf den großen Bühnen in Deutschland spielen. Zumal es wohl auch Ansichtssache ist, wer für jemanden ein „großer Name“ ist und wer nicht. Kettcar sind wohl ein Name, uns aber herzlich egal. Genauso wie James.

Verpasst haben wir leider Regina Spektor, die für uns auch einer der großen Namen war. The Staves hatten dann aber doch Vorrang, nachdem wir bereis seit April letzten Jahres die Band im Auge haben und uns ungemein freuten, dass die Festivalmacher ähnlich begeistert zu sein scheinen von der Band und sie buchten.

Das Haldern Pop feierte an diesem Wochenende zum Jubiläum gekonnt sich und seine Atmosphäre und tat dabei das, was am wichtigsten ist, die Musik in den Vordergrund zu stellen und dem Besucher ein Festivalerlebnis der anderen Art zu bieten. Eines, bei dem Familien mit kleinen Kindern ebenso Willkommen sind, wie „trendige“ Hipster, die nach dem Festival dann wirklich sagen können „ich kannte The Strypes schon, bevor sie cool waren“. Wir haben jedenfalls jetzt schon das nächste Haldern Pop fest eingeplant und freuen uns auf weitere schöne Wochenenden mit dem schönsten Festival Deutschlands.

Und da uns dieses schönste Festival Deutschlands so sehr am Herzen liegt, weisen wir euch auch noch gerne auf eine Möglichkeit hin, wie ihr das Haldern Pop unterstützen könnt. Zum Jubiläum haben die Macher nämlich nun ein Crowdfunding-Projekt ins Leben gerufen, mit dem eine Dokumentation finanziert werden soll, die die Faszination Haldern Pop einfängt. Die Macher schreiben: „Unser Ziel ist es, die ganz besondere Euphorie festzuhalten, die dem Haldern Pop eigen ist. Dieses einmalige Festivalgefühl einzufangen und ins heimische Wohnzimmer zu übertrage. Stammgästen zeigen, warum sie immer wieder kommen und Neuzugängen versichern, dass sie hier richtig sind.“ Der Finanzierungszeitraum bei Startnext läuft noch bis zum 30. September 2013 und für euer Engagement könnt ihr euch verschiedenste Dankeschön-Pakete auswählen.

Foto-Credits:

Conor O’Brien in der Kirche, sowie Bild von Honig, Town of Saints, Florian Ostertag und Jonas David auf dem zeltplaytz by Sebastian Madej

Alle weiteren Bilder: Ariane WhiteTapes, mehr Bilder vom Haldern Pop 2013 hier

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  1. […] der denkwürdigsten Auftritte des 2013er Haldern Pop Festivals war wohl zweifelsohne der des jungen Londoners Douglas Dare. Nur mit seiner Stimme, seinen […]

    Posted by Douglas Dare – Gratis-Download “Swim” | WhiteTapes | April 8, 2014, 2:15 pm

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