Konzertberichte

Haldern Pop 2011 – Mythos und Musik

Hallo zurück. Die letzten Tage trieben wir uns auf dem diesjährigen Haldern Pop Festival herum, deshalb war es etwas ruhiger hier.

Bereits zum 28ten Mal fand das mittlerweile zum Mythos gewordene Festival am Nieder-Rhein statt. Wie in jedem Jahr wurde im Forum im Vorfeld heiß über das Line-Up und das wieder ein paar Euro teurer gewordene Ticket diskutiert. Die Reaktionen zum Line-Up reichten von Schulterzucken mit dem Ausspruch „und dafür knapp 70 EUR?“ bis zu einem genüsslichen Lippenabschlecken ob der vielen Leckerbissen im Line-Up. Der Ticketpreis erklärte sich auf der samstäglichen Pressekonferenz mit der Beleuchtung der Zeltplätze, der Verdreifachung des Sicherheitspersonals und der Verschärfung der Sicherheitsmaßnahmen nach dem Unglück auf der Loveparade in Duisburg. Aus diesen Gründen müsse man voraussichtlich auch im nächsten Jahr mit einer Erhöhung der Ticketpreise rechnen hieß es auf der Pressekonferenz.

Dennoch bekamen Musikfans zu einem sehr fairen Preis 53 Künstler geboten und damit das größte Haldern Pop Line-Up aller Zeiten. Den Donnerstag mussten wir dabei leider sausen lassen, aber Lukas, den wir am Freitag kennen lernen durften und der sich als treuer Leser outete, erklärte sich bereit seine Eindrücke vom Donnerstag für uns zu schildern.

Donnerstag, 11. August 2011:

Nach einer längeren, aber glücklicherweise größtenteils staufreien Bild: Haldern Pop Festival FacebookAutofahrt aus dem niedersächsischen Nirgendwo kamen wir nachmittags in Haldern an und machten gleich Bekanntschaft mit dem, was uns an diesem Wochenende noch häufig begegnen sollte, einer Schlange. Insassen eines langen Autokorsos wollten nur noch ihre Autos verlassen, den Camping-Abriss gegen eine schmucke Mülltüte eintauschen und sein Zelt aufbauen. Nach dieser Prozedur waren wir erst einmal hin- und hergerissen. Gehen wir jetzt ins Spiegelzelt, oder in die Kirche. Meine Begleiter wollten unbedingt Yuck sehen, also entschieden wir uns für das Spiegelzelt. Was wir dort vorfanden war – natürlich – eine lange Schlange, die sich schon eine ganze Weile vor Einlass nur langsam über das Festivalgelände bewegte.

In der Kirche spielten derweil parallel die Isbells, SpringerParker und Moddi. Gerade SpringerParker, auf deren Oper hier bei WhiteTapes vor ein paar Tagen ja ausführlich hingewiesen wurde hätte ich gern gesehen und die Berichte, die ich später über die tolle audiovisuelle Inszenierung hörte, machten mich schon ein wenig wehmütig. Aber das Line-Up im Zelt tröstete natürlich. Irgendwie hatten wir es geschafft pünktlich zu Yuck im Zelt zu sein, nachdem wir Retro Stefson und Ben Howard in guter Bild- aber eher mauer Sound-Qualität auf der Leinwand vor dem Zelt verfolgt hatten.

Foto: Haldern Pop Festival FacebookIm Zelt erwartete einen dann zwar schwüle Hitze, dafür hatte man nach stundenlangem Schlangestehen das Gefühl endlich auf dem Festival angekommen zu sein. Das Set von Yuck, deren Debüt hier bei WhiteTapes sehr gelobt wurde, machte dann auch richtig Laune. Sänger Daniel Blumberg und auch der Rest der Band machten zwar nicht durch eine große Bühnenshow auf sich aufmerksam, dafür aber durch lässigen Indie-Rock mit schön krachiger Note. Die von den Veranstaltern angesetzten 45 Minuten für die neun Songs der Band waren großzügig angesetzt. So ließ sich die Band auch nicht hetzen und spielte ihr Set locker runter, um die Bühne am Ende ihres Sets unter großem Applaus und gut gelaunt zu verlassen.

Das anschließende Line-Up im Zelt wusste dann leider nur noch phasenweise zu überzeugen. Julia Marcell, die erst in allerletzter Sekunde im Line-Up gelandet war und wohl neuester Zugang bei Haldern Pop Recordings ist, bot nett gemachte Pop-Songs mit leicht dramatischer Note. Gut gemacht und sicherlich ein Name, von dem man noch hören wird. Die vom BBC und diversen anderen Medien in den Himmel gelobte Anna Calvi sorgte dann eigentlich nur für Verwunderung. Ihr Gitarrenspiel zeigte schon ein großes Können, ihre Songs gerieten dabei aber so belanglos und gewollt künstlerisch, dass man nur den Kopf schütteln konnte ob des Hypes, der um sie gemacht wird.

Ein potentielles Highlight des Abends kam dann mit einiger Verspätung in Form des Brandt Brauer Frick Ensemble auf die Bühne. Das Künstlerensemble spielte Techno-Songs auf klassischen Instrumenten und erzeugte dafür die Beats und Effekte fast ausschließlich durch normalen, oder häufig auch ungewöhnlichen Gebrauch von Flügel, Streich- und Blasinstrumenten. Den Entstehungsprozess zu beobachten hatte dabei durchaus seinen Reiz, nach zwei bis drei Stücken verlor sich das aber auch etwas, da nun bekannt war, wie die Herangehensweise ist. Das sorgte leider dafür, dass das Set des Ensembles leider schnell recht langweilig wurde. Wir zogen uns also auf den Zeltplatz zurück und freuten uns auf den zweiten Festivaltag.

Freitag, 12. August 2011:

Bild: Haldern Pop Festival FacebookAm zweiten Festivaltag konnten auch wir endlich ins Geschehen eingreifen, bzw. uns das Geschehen an den diversen Bühnen anschauen. Nachdem bereits Matthew & The Atlas und Josh T. Pearson nach Frühstücksbuffet und Kaffee in der Pop Bar ihre Sets zum Besten gegeben hatten, eröffneten wir unseren Festivaltag mit The Antlers auf der Hauptbühne. Die erklären den Anwesenden, dass sie seit zwei Tagen nicht geschlafen haben. Nun ja, so geht es sicherlich auch einigen Festival-Besuchern nach Anreise am Vortag und feierwütigeren Zeltplatzbewohnern in der Nacht. Richtiges Mitleid bekamen die New Yorker also nicht zu spüren und richtiges Gefühl bringt das Trio in seinen eigentlich aufwühlenden Songs auch nicht unter. Vielleicht liegt es an der Müdigkeit oder dem frühen Zeitpunkt, zu dem die Jungs auftreten muss, der Funke wollte leider nicht überspringen.

Also schnell rüber ins Spiegelzelt. Dort spielten nämlich die Briten von Wild Beasts im Anschluss an das Set von The Antlers.Bild: Haldern Pop Festival Facebook Mit ihrem tollen Zweitwerk „Two Dancers“ und dem guten „Smother“ hatte die Band jede Menge guter Songs für ein mitreißendes Set im Gepäck. Und genau das erschufen die Briten dann auch. Der schöne zweistimmige Gesang der Indie-Popper war zwar stellenweise etwas zu viel für die Boxen, dennoch erschufen die Jungs in den knapp 45 Minuten des Sets den ein oder anderen Gänsehautmoment. Und das trotz stickiger Luft und schwüler Hitze im Zelt. Anschließend hieß es im Zelt zum Set der schrecklich gut gelaunten Socalled, die mit einer infantilen Mischung aus Hip Hop und Indie-Rock die Temperatur im Zelt noch erhöhten, ein wenig auf Durchzug schalten und tapfer ausharren für Dry The River.

Die waren eine der Bands, auf die wir uns in diesem Jahr am meisten freuten und hätten von der Stimmung her eigentlich besser direkt nach Wild Beasts gepasst. Der Zeitplan wollte es aber anders. Bild: Haldern Pop Festival FacebookAber irgendwann standen sie dann auch auf der Bühne und präsentierten Songs ihrer zurückliegenden EP und ihres für Herbst angekündigten Debüt-Albums. Der gefühlvolle Folk der Band ist eigentlich nicht der Rede wert, aber durch den hohen, teilweise mehrstimmigen Gesang und die immer wieder eingestreuten rockigen Exzesse der Band, insbesondere bei der Single „New Ceremony“ gab es 45 mitreißende Minuten mit dem gewissen Etwas. Dry The River zeigten mit einfachen Mitteln, warum sie zurecht eine unserer liebsten Newcomer-Bands des Jahres sind und wussten auch die Zeltbesucher zu überzeugen.

Erst drei Stunden später gab es nach Okkervil River auf der Hauptbühne und einem ruhigen, recht eintönigem Set von Alexi Murdoch wieder ein echtes Highlight mit James Vincent McMorrow im Spiegelzelt. Der Ire, der in diesem Jahr sein Debüt „Early In The Morning“ veröffentlichte, hatte das zweifelhafte Vergnügen parallel zu den Briten von The Wombats zu spielen, die mit einer ordentlichen Lautstärke die Hauptbühne bespielten und immer wieder das intime Set von James Vincent McMorrow zu übertönen wussten. Das war natürlich nicht deren schuld und die Besucher des Spiegelzelts versuchten sich nicht groß vom Lärm stören zu lassen und waren quasi als Protest noch ein wenig stiller und rückten noch näher zusammen, um jede Note von der Bühne aufnehmen zu können. Der Barde auf der Bühne schien den Lärm der Jungs aus Liverpool als Herausforderung zu sehen und spielte „If I Had A Boat“ ganz ohne Mikro. Zunächst mündete das darin, dass man beinahe nur noch The Wombats hörte, aber James Vincent McMorrow erwies sich als geübter Poker-Spieler und erreichte im Song den Part, an dem er sich leidenschaftlich in den gesanglichen Höhepunkt steigert, als The Wombats gerade eine Pause in ihrem Set einlegten. Der Effekt war perfekt und das Publikum konnte sich im leidvollen Gesang des Musikers suhlen. Ganz sicher eines der unvergesslichsten Sets des Haldern Pop und so schrieb auch James bei Facebook „Haldern was INCREDIBLE“. Für uns war dann leider Schluss an diesem Tag, denn am Samstag mussten wir noch einmal früh raus und so mussten wir leider das Erased Tapes Special mit Rival Consoles, Codes In The Clouds und Nils Frahm & Anne Müller leider entgehen lassen.

Samstag, 13. August 2011:

Am Samstag hieß es also früh raus, schließlich galt es die Pressekonferenz nicht zu verpassen. Auf der gab es die schlechte Nachricht, dass es im nächsten Jahr durch verschärfte Sicherheitsmaßnahmen wohl noch teurer würde, aber auch die gute Nachricht, dass die Festival-Macher einen Film über das Festival planen. Der soll über Sellaband.de finanziert werden und jeder kann mitfanzieren. Das Highlight des Tages gab es direkt im Anschluss mit Other Lives, die in der Pop Bar ein tolles Set mit einer großartigen Mischung aus Kammerpop, Indie-Rock und klassischem Folk, klanglich zwischen Dry The River und Fleet Foxes, vortrugen. Im Anschluss lief der Samstag auf dem Festival leider etwas gemächlich ab. The Black Atlantic aus den Niederlanden wirkten im Zelt eher ermüdend, ähnlich wie Destroyer, deren tolle Songs sich auf der Hauptbühne etwas verloren. James Blake wusste eigentlich nur mit seinem Feist-Cover „Limit To Your Love“ zu überzeugen, der Rest des Sets war recht egaler Soul-Pop, der ähnlich wie bei Anna Calvi den Hype nicht wirklich zu rechtfertigen weiß.

Bild: Haldern Pop Festival FacebookDie wenigen Highlights am Samstag sorgten aber auch dafür, dass wir uns Set von Wir Sind Helden anschauten. Wirklich langweilig geriet der Deutsch-Pop der Berliner zwar nicht, richtige Unterhaltung bedeutete das aber auch nicht und so waren wir froh, als die Band um Frontfrau Judith Holofernes, die mit komischen Briefen an die BILD ihr Bild in der Öffentlichkeit zu verbessern versucht, ihr Set nach etwas mehr als einer Stunde beendeten. Etwas ermüdet vom frühen Aufstehen und Wir Sind Helden wussten The Low Anthem aus den USA mit ihren sehr ruhigen, klassischen Folk-Songs dann auch nicht wirklich für Stimmung zu sorgen.

Das Set plätscherte ähnlich von der Bühne, wie der Regen, der die drei Tage des Festivals genau so treu begleitet hat, wie alljährlich die Dorfkühe. Warpaint wussten dann im Spiegelzelt immerhin Laune zu machen. Die Amerikanerinnen spielten ein tolles Set und machten die müden Glieder noch einmal munter. Träumen und abtauchen hieß es anschließend zunächst zu altmodischem Folk der Fleet Foxes und am Ende zu mitreißendem Post-Rock von Explosions In The Sky. Die erzeugten eine einzigartige Atmosphäre, woben den gesamten Reitplatz in einen dichten Klangteppich ein und sorgten für einen versöhnlichen Abschluss nach einem nicht nur vom Wetter her durchwachsenen Festival.

In diesem Jahr hatte man nämlich während vieler Sets von Bands, die man zuvor nicht kannte, die Macher würden eher auf den Mythos ihres Festivals, als wie in den Jahren zuvor, auf echte Geheimtipps setzen. Davon gab es nämlich trotz 53 Bands im Line-Up zu wenig. Das wurde versucht durch die gefühlt 99te traditionelle Folk-Kombo zu erreichen, sorgte aber für ein Line-Up, das häufig Längen aufwies.

Insgesamt ist das aber natürlich jammern auf ganz hohem Niveau, hatten wir doch gerade am Freitag einen Zeitplan, der uns durchgängig unterhalten konnte, so konnte man am Samstag auch einmal durchatmen und sich Künstler anschauen, die man vielleicht sonst nicht anschauen würde. Das bedeutet für uns natürlich, auch im nächsten Jahr sind wir wieder mit von der Partie, wenn sich das Haldern Pop Festival zum 29ten Mal jährt.

P.S.: Vielen Dank an Lukas für den schönen Bericht vom Donnerstag.

Fotos: alle Bilder vom Facebook-Profil des Haldern Pop Festivals, bis auf die Kuh, die von They Shoot Music eingefangen wurde, die auf dem Festival einige Sessions filmten.

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