Konzertberichte

Haldern Pop 2010 – Geheimtipps statt Konsens

Es gehört eigentlich zur Tradition des Haldern Pop Festivals, das nach Bekanntgabe des Line-Ups das große Meckern der User im Haldern Pop Forum beginnt, wen sie lieber noch dabei hätten und wer da gar nichts verloren habe. Das blieb dieses Jahr bis auf kleinere Negativ-Bemerkungen komplett aus. Ein wenig verwunderlich möchte man meinen, denn das Festival verzichtete bis auf The National, Beirut und vielleicht noch Mumford & Sons fast komplett auf bekanntere Künstler. So kritisierte ein User:

„Was ist nur aus Haldern geworden?
Ein No Name Festival…schade.“

Bedenkt man aber die Tradition des Haldern Pop, macht genau das den Charme des Kult-Festivals aus, die Entdeckernase, der Verzicht auf Konsens und die Förderung von Geheimtipps. Und davon gab es nach der Indie-Star-Parade der letzten beiden Jahre wieder eine ganze Menge im Line-Up. Das ließ die Vorfreude wachsen und die Karten waren wie gewohnt bereits einige Wochen vor dem Festival-Termin restlos vergriffen.

Da wunderte es nicht, dass bereits am ersten Tag der Andrang auf dem Festival-Gelände groß war. Viele waren gekommen und wollten im kleinen Spiegelzelt Geheimtipps, wie I Blame Coco, Hypes, wie Stornoway und bereits bekanntere Namen, wie Beach House sehen. Alle, die gekommen waren, konnten gleich eine Neuerung sehen. Es gab nur noch eine Einlasskontrolle für das Festival-Gelände. Vor dem Biergarten war nun eine Schleuse aufgebaut, in der man sich noch einer kurzen Kontrolle unterziehen lassen musste. War man dann aber auf das Gelände gelangt, konnte man deutlich einfacher zwischen Hauptbühne und Spiegelzelt wechseln. Ein Vorteil, der sich aber erst am zweiten Tag wirklich ergeben sollte. Am Haldern-Donnerstag ist bekanntlich ja nur das Spiegelzelt geöffnet. Aber die Sache hatte einen weiteren Vorteil, der Biergarten wirkte nun deutlich gemütlicher und passte sich besser ins Gelände ein. Auch die Leinwand, auf der man das Geschehen im Spiegelzelt verfolgen konnte war nun optimal platziert. Auch ein Trost, für alle die in den langen Schlangen standen. Es schien, als seien an einem Donnerstag noch nie so viele Besucher beim Haldern gewesen, das kann aber auch an der geänderten Besucherführung liegen. Aber die Leinwand spendete Trost und Einblick ins Spiegelzelt, für alle, die es nicht reinschafften.

Das Festival konnte also beginnen. Und es bieten sich den Besuchern eine ganze Menge toller Sets. Gefühlvollen Folk vom einsamen Barden David Ford, wilder Stilmix von den Isländern Seabear und Beach House und amerikanischen Indie-Rock von Cymbals Eat Guitars. Highlights des Abends sind jedoch die Briten von Chapel Club mit ihrer tollen Mischung aus Brit-Pop und Indie, dank der man sicher noch von ihnen hören wird und Stornoway, die ein Herz für diejenigen zeigten, die draußen bleiben mussten und vor ihrem Set noch ein kurzes Akustik-Stelldichein im Biergarten gaben. Die Songs ihres Debüts „Beachcomber’s Windowsill“ boten sie mit viel Herz dar und dürften mit ihrem knapp 45minütigen Set für die ein oder andere Gänsehaut gesorgt haben. Das machte nach 7 Künstlern am Eröffnungstag eine der schönsten Haldern Pop Eröffnungen der letzten Jahre. So durfte es weitergehen.

Ging es auch. Leider auch, was die Schlangen betraf. So hieß es dann am Freitag auch erst einmal lange anstehen, selbst, um in den Biergarten zu gelangen. Auf der Hauptbühne eröffneten Triggerfinger und Detroit Social Club den Tag. Besonders letztere wussten mit einem tollen Breitband-Rocksound zu überzeugen und einem Sänger, der beinahe an Bono erinnerte. Für das erste Highlight des Tages sorgte jedoch Guillemots Frontmann Fyfe Dangerfield im Spiegelzelt. Mit gefühlvoll vorgetragenen Liebesliedern von seinem Solo-Album „Fly Yellow Moon“ ließ er die Herzen der Mädchen schmelzen. Unterstützt wurde er noch durch zwei junge Damen an Streichinstrumenten, durch die die ohnehin schon schönen Stücke noch herzergreifender wurden.

Parallel hieß es auf der Hauptbühne das ? aus dem Zeitplan aufzulären. Das entpuppte sich als Philipp Poisel. Der wurde vom Haldern-Publikum begeistert aufgenommen. Seine Mischung aus Songwriter-Sounds und Deutschpop gibt es zwar in dieser Form schon ein paar Mal und das auch besser, aber am frühen Nachmittag mit Sonne machte es doch Laune. Mehr jedenfalls, als Laura Marling, deren Folk-Interpretation die Kritiker spätestens mit ihrem zweiten Album zu überzeugen wusste. Als Sängerin bei Noah & The Whale begeisterte sie uns jedoch mehr, als mit ihren doch etwas langwierigen Solo-Nummern. Etwas aufgelockert wurde ihr Set durch ein paar Mitglieder von Mumford & Sons, die sie ein wenig begleiteten. Viel spannender war das Parallel-Programm auf der Hauptbühne mit der britischen Soul-Sängerin Rox aber auch nicht. Das Puplikum fand jedoch gefallen an der sympathischen jungen Britin und tanzte ausgelassen mit. Aber Soul ist einfach nicht unseres.

Die anschließenden Briten dafür umso mehr. Auf dem Programm standen nämlich Delphic. Deren Album ist in den letzten Monaten immer mehr gewachsen, nachdem wir uns ja zunächst enttäuscht zeigten. Live bestätigten sie dann auch die Stärke ihrer Songs mit wirklich viel Energie uns starker Perfomance. Der gesamte Reitplatz war auch wie gebannt von der Darbietung des Trios aus Manchester und dankte Delphic mit euphorischem Applaus und ausgelassenem Tanz. Delphic erwiederten das mit guter Laune und auffällig vielen „Thank You“. Im Anschluss an das wirklich packende Set der Drei gaben Mumford & Sons ihr Debüt auf der Hauptbühne, nachdem sie im letzten Jahr im Spiegelzelt euphorisch gefeiert wurden. Das war dann auch irgendwann vorbei und das größte Highlight des Freitags stand auf dem Plan. Beirut waren angetreten, um dem Reitplatz Gipsy-Folk erster Güte zu bieten. Die kam wie erwartet gut an. Zach Condon war blendend aufgelegt und konnte das auch über seine Performance transportieren. Lässig schulterte er seine Trompete und trug seine Songs so mitreißend und dicht mit seiner Band vor, dass es sich anfühlte, als würde er vor 200 und nicht vor 6.000 Fans spielen.

Anschließend hieß es den Abend im Spiegelzelt bei ruhigen Klängen zu beenden. Thus:Owls berührten mit fast geisterhaften Sounds und Junip durch das unverkennbare Gitarrenspiel von José Gonzaléz. Ein schöner zweiter Tag, der Lust auf mehr machte, was natürlich am Samstag mit einer ganzen Reihe von Highlights folgen sollte.

Das erste davon stellten ohne Frage die Newcomer von Young Rebel Set dar. Nachdem die Anzahl von Zuschauern auf dem Reitplatz zunächst doch recht übersichtlich war, füllte es sich im Laufe des Sets der Band aus Englands Norden doch zusehends. Mit dem Sound von Johnny Cash und Bruce Springsteen und der Einstellung der Ramones wussten sie zu gefallen und waren wohl eine der ersten Neuentdeckungen des Festivals mit dem Etikett „von denne werden wir noch hören“. Ganz sicher, auch wenn die Band es eilig hatte, denn am gleichen Tag sollten sie noch auf dem Olgas Rock Festival in Oberhausen spielen. Das was sie da zum Besten gaben war jedenfalls ganz groß uns so sah man nach dem Set der Band auffällig viele Fans auch mit Young Rebel Set T-Shirt.

Auf Folk folgte ROCK. Der wird bei Portugal, The Man nämlich groß geschrieben und um jede Menge psychedelische Elemente erweitert. In ihrem knapp 45 minütigen Set legten sie dann auch kaum eine Pause ein und ließen einen Song direkt in den nächsten fließen. Die Jungs tobten sich dabei wild an Gitarre, Keyboards und Bass aus und zeigten, was unsere Eltern damals an Grateful Dead so gut fanden. Der Applaus fiel demnach nicht gerade klein aus. Der Stilmix ging auch direkt weiter und auf Rock folgte Indie-Folk-Pop. Die Indie-Lieblinge von Fanfarlo wollten das Publikum mit ihren lieblichen Klängen verzaubern. So ganz wollte das aber nicht ankommen. Auch wenn die Stimmung natürlich gut war und sich während einem der Stücke zu einem schönen Chor formte, der lautmalerisch die zuvor im Song geschlagenen Glocken nachahmte. Der jungen Band gelang es aber einfach nicht vollends die packenden Songs ihres Debüts auch live ähnlich fesselnd zu transportieren und so wirkten ihre Songs etwas beliebig. Vielleicht waren aber auch die an sie gerichteten Erwartungen etwas zu hoch gegriffen.

Die Enttäuschung wich aber schnell wieder Euphorie, als mit Frightened Rabbit die Band auf die Hauptbühne trat, auf die wir uns am meisten freuten. Und da schien wir nicht die einzigen zu sein. Das war auch schon am Eröffnungsapplaus beim ersten Stück „The Modern Leper“ und zog sich durch das Set der Band, bei dem insbesondere natürlich die Stücke vom zweiten Album „The Midnight Organ Fight“ bejubelt wurden. Aber auch die neueren Stücke, wie „Swim Until You Can’t See Land“ und „Nothing Like You“ wurden lauthals mitgesungen. Das schien Sänger Scott Hutchison so zu beeindrucken, dass er irgendwann meinte „wow, thank you, we aren’t used to this in Scotland“. Er kannte aber auch offensichtlich das aufgeschlossene und einzigartige Publikum des Haldern Pop noch nicht.

Das durfte sich nach Schotten auf eine weitere Band von der britischen Insel freuen. Blood Red Shoes sorgten nicht nur für ein lautes Tanzvergnügen, sondern auch für einen Publikumstausch. Das wurde in der Umbaupause im Durchschnitt zehn Jahre jünger, ist aber durch die unterschiedlichen Zielgruppen von Blood Red Shoes und Frightened Rabbit sehr schnell erklärt. Der Reitplatz bekam bei herrlichem Sonnenschein jedenfalls eine laute und eindrucksvolle Rockshow geboten. So stark hatten wir die Band selten erlebt und so hörte man anschließend auch viele Stimmen, die sagten „wow, die machten ja ordentlich Krach und Stimmung für zwei Leute“. So viel Stimmung, dass das Publikum auch nach Ende des Sets noch lange weiter den Takt von „Colours Fade“ klatschte. Davon euphorisiert sprang Schlagzeuger Steven durch sein Schlagzeug auf die Absperrung und schlug wie wild auf seine Snare-Drum, die er zuvor von seinem Schlagzeug abmontiert hatte.

Nach einem starken Set des Duos hieß es dann schnell rüber zum Spiegelzelt. Dort spielte der zurecht gefeierte Conor J. O’Brien zusammen mit seiner Band als Villagers ein euphorisierendes Set mit Songs seines Debüts „Becoming A Jackal“. Das Publikum hing dem jungen Iren förmlich an den Lippen und sog jede Note mit den Ohren auf, die aus Richtung Bühne durch das Zelt schallte. Die ohnehin schon mitreißenden Songs gerieten noch dichter und nahmen das gesamte Publikum gefangen. Jeder schaute gebannt auf die Bühne, so als wolle er nichts verpassen und selbst in der Nähe der Getränkestände im Zelt war es so still wie selten. Hier hieß es bloß nichts zu verpassen. Den Gesichtern der Zuschauer stand deutlich ins Gesicht geschrieben gerade das vielleicht beste Set des diesjährigen Haldern Pop zu sehen und auch Villagers schienen zu merken, das da so etwas wie Magie in der Luft liegt. Darauf lässt auch ein Tweet von Villagers schließen: „In a rare occurence, we’re all in agreement that last night was one of our favourite shows ever. So thankyou for that Haldern people x“.

Das Haldern Pop hätte nun seine Tore schließen können und wir wären zufrieden gewesen. Mit Efterklang gab es aber auf der Hauptbühne direkt ein starkes Programm, zu dem sich gut weiter schwelgen ließ. Bombastische Drumsounds ließen den Reitplatz erschüttern und die Festivalbesucher in anderen Sphären schweben. Bei Sophie Hunger hieß es dann erst einmal runter kommen, bevor es bei The Tallest Man On Earth wieder richtig mitreißend wurde. Der junge Schwede hatte nur seine Gitarre dabei und machte etwa da weiter, wo Young Rebel Set am Mittag aufhörten. Country mit einer Stimme, die an die Großtaten von Bob Dylan erinnert, erzeugte eine tolle Stimmung, die durch den Sonnenuntergang noch eine Prise Romantik gewann.

Über Yeasayer hüllen wir dann einmal den Mantel des Schweigens und knüpfen direkt beim Headliner an. The National feierten ihren zweiten Besuch beim Haldern Pop und die Songs ihres neuen Albums „High Violet“ im Gepäck. Die Erwartungen waren hoch und wurden größtenteils durch die packende Darbietung von Matt Berninger erfüllt. Einzig einige Soundprobleme trübten das Vergnügen etwas, konnten aber nicht den Gesamtgenuss trüben und The National bestätigten, warum sie zu den ganz Großen gehören. Wer im Anschluss noch nicht erfüllt genug war von einem Tag, an dem ein Highlight das nächste jagte, der konnte anschließend noch im Spiegelzelt noch mit The Whale Watching Tour in andere Soundsphären tauchen.

Bei seiner 27ten Auflage wusste das Haldern Pop mit ein paar gewöhnungsbedürftigen Neuerungen, aber wie immer mit einem tollen Line-Up und guter Stimmung zu überzeugen. Das sorgte, wie immer für das wohl friedlichste und schönste größte kleine Festival und ein Vorhaben, das von vielen schnell formuliert war. Im nächsten Jahr wieder dabei zu sein. Für das passende Line-Up werden die Macher schon sorgen.

Fotos: Ariane WhiteTapes
Mehr Fotos:
Young Rebel Set hier
Frightened Rabbit hier
Blood Red Shoes hier
Fanfarlo hier
Portugal, The Man hier

Beim WDR Rockpalast gibt es auch bereits erste empfehlenswerte Mitschnitte zu sehen.

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