Konzertberichte

Get Well Soon + Mumford & Sons, Domicil, Dortmund, 01. November 2009

20 Jahre ist es nun schon her, U2 spielten in Berlin gerade ihr neues Album „Achtung Baby“ ein, die erste Love-Parade findet statt, The Stone Roses veröffentlichen ihr selbstbetiteltes Album, The Cure „Disintegration“, die Pixies „Doolittle“ und Nirvana ihr Debüt „Bleach“. Irgendwo fiel auch eine Mauer, das soll uns aber nun weniger interessieren. Vielmehr interessiert, dass 1989 augenscheinlich ein gutes Jahr für die Musik war. Heute wie damals gab es eine Menge musikbegeisterter Leute voller Idealismus. Darunter auch Menschen, die mit den vorhandenen Medien nichts, oder nur wenig anfangen konnten und sich ihren eigenen Weg suchten ihrer Leidenschaft für Musik auszudrücken. Dazu gründeten eine Hand voll Leute in Dortmund ein Magazin namens Visions, das im Laufe der nächsten 20 Jahre zu einem der wichtigsten deutschen Medien für alternative Musik werden sollte. Da muss natürlich nach 20 Jahren und 200 Ausgaben Visions ordentlich gefeiert werden. Dazu lud die Visions nach Dortmund zu einem wahren Konzertmarathon mit unter anderem Kettcar, den Editors, Selig, Dredg, Alice in Chains und eben Get Well Soon und Mumford & Sons. Die sollten parallel zu Dredg, die ein Stück die Straße runter ein Unplugged im Konzerthaus gaben, auch den vorläufigen Abschluss der Feierlichkeiten bestreiten, bevor am 23. November noch einmal Alice in Chains durch das FZW toben.

Am Konzertprogramm zu den Visions-Feierlichkeiten reizte uns natürlich gerade diese Kombination aus einem der Newcomer 2008 und einem der Newcomer 2009. Mumford & Sons haben gerade ihr Debüt „Sigh No More“ veröffentlicht, Get Well Soon stehen bereits mit Album Nummer 2, „Vexations“ in den Startlöchern. Beide Bands stecken also voller Energie. Gerade der Name Mumford & Sons schien an diesem Sonntag eine Menge Neugieriger zu locken, eigentlich kein Wunder, schließlich gehört ihr Album dank eingängiger Banjo-Rock-Nummern zu einem der meist gefeierten Debüt-Alben dieses Herbsts. Als sie dann auch um 20:45 Uhr mit knapp 15 Minuten Verspätung auf die Bühne kamen, gab es  direkt gehörigen Applaus, obwohl sie noch keine Note gespielt hatten. Als sie dann ihr Set begannen beobachteten alle Anwesenden im zu 3/4 gefüllten Dortmunder Domicil, ganz gespannt das Geschehen auf der Bühne. Das Quartett stellte sich in einer Linie vorne an der Bühne auf und legte mit dem stampfenden Rhythmus der Bass-Drum los, die Marcus Mumford mit seinem Fuß spielte. Im Zusammenspiel mit Marcus Mumford’s eindringlichem Gesang, dem schnellen Banjo und dem dumpf gezupftem Kontrabass präsentierten Mumford & Sons so in knapp 40 Minuten ihre ganz eigene Mischung aus Rock’n’Roll und Folk.

Banjo-Rock eben. Das ließ sich ganz hübsch ansehen und war absolut tanzbar, gerade bei „Little Lion Man“ und „White Blank Page“ war erkennbar, warum diese Band so gefeiert ist. Der letzte Funke wollte allerdings nie so wirklich überspringen. Das lag vielleicht auch an der Monotonie des bei jedem Song identischem Einsatzes der Bass-Drum. Dennoch machten die treibenden Songs natürlich für den Moment Spaß und so durften Mumford & Sons noch einmal für eine Zugabe auf die Bühne zurück kehren. Mit ihren Ansagen sorgte die Band auch zusätzlich für etwas Laune, wenn etwa Banjospieler Country Winston seine Deutsch-Kenntnisse erprobte, entbehrte das nicht einer gewissen Komik. Auch wenn dieser Trick natürlich bei den meisten Künstlern inzwischen dazu gehört. So überzeugte das Quartett nun zwar nicht auf ganzer Linie, lieferte aber dennoch meist kurzweiligen Folk mit leider etwas übertriebener dramatischer Geste.

Nach einer kurzen Umbaupause erklommen dann Get Well Soon die Bühne. Knapp ein Jahr, nachdem wir die Band das letzte Mal gesehen haben (hier zum Bericht aus Bochum) waren wir gespannt auf diesen Auftritt. Besonders natürlich auf das neue Material. Vier neue Stücke sollten Get Well Soon in den folgenden knapp 90 Minuten spielen. Eröffnet wurde allerdings mit dem herrlich post-rockigen „Dear Tempest-Tossed, Dear Weakened“ von der letztjährigen EP „Songs Against The Glaciation“. Das war zwar ein deutlicher Gegensatz zu den locker-flockigen Folk-Stampfern von Mumford & Sons, aber erzeugte dafür auch eine herrlich dichte Stimmung, die sich über die nächsten 90 Minuten halten sollte. Es folgten eine ganze Reihe älterer Stücke vom Debüt „Rest Now Weary Head, You Will Get Well Soon“ (wobei uns natürlich durchaus klar ist, dass viele Songs von „Songs Against The Glaciation“ etwa genau so alt sind) und ein Abend voller großartiger Songs. Besonders in den rockigeren Momenten machte die Band richtig Laune.

Durch eine längere Spielpause seit den Festivals im Sommer schlich sich zwar auch der ein oder andere Texthänger bei Konstantin Gropper ein, das sollte aber nicht weiter stören, musikalisch war alles fast perfekt vorgetragen. Wie etwa das großartige und mitreißend vorgetragene „Lost In The Mountains (Of The Heart)“, das eine wohlige Gänsehaut erzeugen sollte. Mit charmanten Ansagen zog Gropper dann zusätzlich das Publikum auf seine Seite. Als etwa seine Schwester Verena Gropper, die für die Geige zuständig ist, für einen Song einen zerbrochenen Schellenkranz griff, erklärte er „Wir haben Selig auf einem Festival unseren Schellenkranz geliehen, das haben wir zurück bekommen“. Traurig war dagegen die Ansage, dass man im nächsten Jahr auf seinen Cousin Sebastian an Trompete und Gitarre verzichten müsse, da er sich stärker seinem Studium widmen müsse. Neben dem bewährten Material aus der Get Well Soon Vergangenheit gab es auch den bereits angedeuteten Blick in die Zukunft, auf „Vexations“.

Die vier neuen Songs „Aureate!“, „A Voice In The Louvre“, „Angry Young Man“ und „That Love“ sollten sich perfekt ins Set einfinden. Alle waren typische Get Well Soon Nummern, die sich dennoch nicht als bloße Fortführung des Debüts zeigten, sondern auch darauf hindeuteten, dass Get Well Soon mit abwechslungsreichen Melodieführeungen und -wendungen auch eine Weiterentwicklung gelungen ist. Am deutlichsten stach „Angry Young Man“ heraus, das Gropper mit den Worten „wir spielen jetzt unsere neue Single. Darf ich das schon sagen? Klingt jedenfalls komisch. Also das zu sagen, nicht das Lied“ ankündigte. Der Song gab sich ziemlich rockig und wieder absolut mitreißend, am ehesten zu vergleichen mit „Listen! Those Lost At Sea Sing A Song On Christmas Day“. In knapp 90 Minuten und nach 3 Zugaben zeigten Get Well Soon zum Geburtstag der Visions, dass man sich keine Sorgen um die Qualität von Album Nummer 2 machen muss, ob es bei Mumford & Sons zu einem solchen reicht werden wir dann noch sehen, denn bei aller Eingängigkeit verbrauchen sich die Songs auch recht schnell.

Fotos: Ariane WhiteTapes,
mehr von Mumford & Sons hier
mehr von Get Well Soon hier
Bei Haldern Pop TV gibt es übrigens einen Mitschnitt vom Mumford & Sons Auftritt im Spiegelzelt des diesjährigen Haldern Pop

Discussion

Comments are closed.

Archive