Konzertberichte

Get Well Soon + Herman Düne + Port O’Brien, Bochum, Zeche, 08. Dezember 2008

„Last Christmas I Gave You My Heart, But The Very Next Day…“, so dudelt es derzeit in hunderten Einkaufsmeilen, auf allen Weihnachtsmärkten und auf Weihnachtsfeiern in der gesamten Bundesrepublik. Das Berliner Label City Slang hatte glücklicherweise ein Einsehen und unter dem Titel „Christmas In Adventure Parks“ eine Weihnachtsfeier der ganz besonderen Art organisiert. Die Akteure, drei der heißesten Bands des Labels, namentlich Hauptdarsteller Konstantin Gropper mit seinem Projekt Get Well Soon, das französisch-schwedische Duo Herman Düne und die Indie-Folker von Port O’Brien aus Kalifornien / Alaska.


Die zweite Kerze auf dem Adventskranz war gerade entzündet, da fand sich diese illustre Runde in der Bochumer Zeche ein. Sonst eher eine Location, die wie Bochum etwas abgerockt und industriell, eben nach Ruhrgebiet, aussieht, war die Zeche extra für diesen Anlass weihnachtlich mit großen Ballons in Form von Christbaumkugeln geschmückt. Über der Bühne hingen zudem links und rechts zwei große Rahmen, die während des Sets von Get Well Soon für ein wenig visuelle Unterstützung sorgten.

Eröffnet wurde die Weihnachtsfeier bereits sehr früh um 19:20 Uhr, mit den Alaskaliforniern von Port O’Brien. Die sind zwar nicht für ihre besinnliche Musik bekannt, aber davon sollten Get Well Soon später noch genügend im Gepäck haben. Bei ihrem Popkomm-Auftritt hatten die fünf bereits bewiesen, wie ausgelassen sie, im Fall von Bassist Ryan Stively sogar mit gebrochenem Bein, feiern können. Wir waren also gespannt, wie viel mehr Energie in ihnen steckt, wenn alle fit sind. Beinahe doppelt soviel, denn Ryan stampfte so leidenschaftlich mit, als wolle er nun nachholen, was ihm vor ein paar Wochen noch vergönnt war. Mit ihren Liedern über das Leben auf See stießen Port O’Brien auf offene Ohren und zauberten ein entzücktes Lächeln auf die Gesichter der, zu diesem Zeitpunkt leider noch nicht so zahlreich erschienen, Anwesenden. Erstaunlich war auch, wie die Band es schaffte, trotz etwas einem Jahr auf Tour rund um die Welt, so viel Spielfreude auf die Bühne zu zaubern. Schon vom ersten Takt an tänzelte Gitarrist Zebede Zaits von einem Bein aufs andere und von links nach rechts auf der Bühne, wobei er seine Bandkollegen mit seinem Instrument immer nur um gefühlte Zentimeter verfehlte.

Spätestens mit dem zweiten Stück war das gesamte Publikum von Zebede’s Tanzwut angesteckt und die ersten Reihen schunkelten fröhlich mit, richtig zu tanzen schien sich noch niemand so recht zu trauen. Vor einem Stück, das nur mit Cambria am Banjo und Van an der Gitarre beginnt, bat Van alle im Takt mit zu stampfen und bei Einsetzen des Schlagzeugs nach vorn zur Bühne zu gehen. Das Stampfen klappte natürlich perfekt un Van grinste breit, als das Publikum sich mit dem Schlagzeugeinsatz erst nur zögernd, dann aber doch mutig nach vorne bewegte. Das Highlight des Sets sollte allerdings ganz am Ende mit dem Band-Hit „I Woke Up Today“ folgen. Zunächst instruierte Van wieder das Publikum, bitte mit zu singen, da der Chor etwas kompliziert sei, nach einer kurzen Probe gesellten sich dann zu Port O’Brien auch noch der größte Teil von Get Well Soon und Herman Düne, um die Bühne erstmals an diesem Abend richtig zum Beben zu bringen.

Sichtlich erschöpft machten die Fünf im Anschluss unter langem Applaus Platz für eine kurze Umbaupause und Herman Düne, die an diesem Abend nicht als Duo, sondern gleich als achtköpfige Band erschienen waren. Der größte Teil des Sets fiel dann für uns allerdings anderen Verpflichtungen zum Opfer (in den nächsten Tagen hier). Die letzten zwanzig Minuten des Auftritts vermittelten dennoch den Eindruck einer fröhlich aufspielenden Band mit kurzweiligen, hippiesken Folksongs. Besonders Sänger David-Ivar Herman Düne zeigte sich trotz seines leicht eigenwilligen Auftretens als ulkiger, aber vor allem sympathischer Zeitgenosse. Die Stücke der Band wirkten durch die Hintergrundmusiker viel voller, als noch im Vorprogramm von The Arcade Fire im vergangenen Jahr, so waren auch die meisten der Anwesenden durchaus begeistert. Herman Düne waren damit zwar bestimmt nicht das Highlight des Abends, aber eben sehr kurzweilig.

Nach einer kurzen Umbaupause wurde es dann weihnachtlich, das Licht in der Zeche wurde gedämmt und nur noch die Christbaumkugeln spendeten Licht, während Get Well Soon zu „Against The Glaciation“, dem Opener der Weihnachts-EP „Songs Against The Glaciation“ nacheinander die Bühne betraten. Danach ging die Reise ins Weihnachts-Wunderland von Konstantin Gropper und seinen Mitstreitern mit „Heading Home To The Pole“, einem der rockigeren Stücke der EP, schnellen Schrittes los. Mit „You’re Using All Your Senses Just For Being Sad“ folgte das nächste Stück von der Weihnachts-EP und es wurde das erste Mal richtig besinnlich.

Die Christbaumkugeln vollzogen Farbwechsel im Takt des Glockenspiels und Verena Gropper (Gesang, Geige, Glockenspiel, uvm.) dürfte mit ihrem Gesang für die ein oder andere Gänsehaut gesorgt haben, während sich die Band in eine beinahe shoegazig / postrockige Trance spielte. Mit den Stücken „You/Aurora/You/Seaside“ und „Christmas In Adventure Parks“ folgten dann auch Stücke vom Album. Der Get Well Soon’sche Weihnachtsschlitten nahm weiter Fahrt auf und die Band spielte die Stücke trotz Monaten auf Tour, noch druckvoller und leidenschaftlicher, als beispielsweise im April, wo sie gerade ihre erste große Deutschland-Tour starteten.

Insbesondere die passend zu den Stücken auf die Leinwände projizierten Filmschnipsel und andere -spielereien verdichteten die Atmosphäre der Stücke in enormem Maße. So rauschte bei „Listen! Those Lost At Sea Sing A Song On Christmas Day“ etwa das aus dem Video bekannte U-Boot über die Leinwand und die gesamte Zeche fuhr mit. Bei „Busy Hope“, dem besten Stück des Abends, wusste die Band neben einer astreinen Live-Umsetzung zusätzlich durch dramatische Bergsteiger-Szenen im Schneesturm zu glänzen. Mit „Green Island Never Turns White“ und einem weihnachtlich dekorierten Fenster wurde der besinnlichste Punkt des Abends erreicht, wer da keine Weihnachtsstimung bekam, dem ist wohl auch nicht mehr zu helfen.

Erinnerten die Christbaum-Kugeln und einige der gezeigten Filmschnipsel noch an die Flaming Lips, gab es ebenfalls Arcade Fire Momente, wenn nämlich auf den Leinwänden die Musiker in Close-Ups in Aktion schwarz-weiß, hinter einem Rauschen vage zu sehen, gezeigt wurden. So hatte sich die Band zwar den Arcade Fire Vergleich an diesem Abend selbst zuzuschreiben, was aber zu verzeihen war, da diese Projektionen den Stücken eine zusätzliche noch druckvollere Note verliehen. Nach circa einer Stunde, vielen Gänsehaut erzeugenden und auch einfach nur musikalisch wunderschönen Momenten, verließ die Band, nachdem bei „Dear Tempest-Tossed! Dear Weakened!“ Schnee von der Decke auf Konstantin fiel, das erste Mal die Bühne.

Danach wurde es zunächst noch einmal familiär und intim, als Konstantin ganz allein, nur von Keyboard und Gitarre getragen, „Ticktack! Goes My Automatic Heart“ vortrug, um gegen Ende an den Bühnenrand zu treten und das Publikum zum Mitsingen zu animieren. Das klappte vor dem halbvollen Saal zwar nicht wirklich gut, war aber dennoch einer der schönsten Momente des Abends. Ihren Höhepunkt erreichte die Weihnachtsfeier anschließend beim Flaming Lips (da haben wir sie wieder) Cover „Race For The Price“, bei dem alle Herman Dünes und drei fünftel von Port O’Brien die Bühne und die Zeche zum Beben brachten. Der Abend schien danach eigentlich vorbei, nach längerem Applaus erschien dann aber doch noch einmal Konstantin Gropper auf der Bühne, um von Keyboarder Daniel Roos unterstützt das Tom Waits Cover „Take It With Me“ vorzutragen und jedem Besucher noch eine letzte wohlige Gänsehaut mit auf den Nachhauseweg zu geben.

Fotos: Ariane WhiteTapes

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