Konzertberichte

Dear Reader + Traded Pilots – Gleis 22, Münster, 26. Mai 2013

Dear Reader - Gleis 22, Münster, 26. Mai 2013

Fast vier Jahre sind schon ins Land gestrichen, seit Dear Reader im Münsteraner Gleis 22 zu Gast waren. Der damalige Besuch war allerdings ein historischer Abend. Nicht unbedingt auf die Band gesehen, auch wenn es das letzte Mal war, dass wir Dear Reader in Uprsprungsbesetzung mit Darryl Torr sahen, mit dem Cherylin MacNeil damals noch das Duo bildete und frisch das Album „Replace Why With Funny“ veröffentlicht hatte. Auch, das der damalige Albumproduzent Brent Knopf, den viele sicherlich von Menomena kennen und der frisch sein Ramona Falls Album „Intuit“ veröffentlicht hatte, Support war und zur Liveband gehörte, war nicht der historische Aspekt. Vielmehr war es einfach die Tatsache, dass das deutsche Volk es an diesem Abend tatsächlich zum zweiten Mal in Folge fertig brachte eine ostdeutsche Physikerin und Pfarrerstochter zur Bundeskanzlerin zu wählen. Das wird in diesem Herbst wohl auch wieder geschehen und so hat Cherylin MacNeil vorgebeugt und sich jetzt eben schon einige Monate vor der Wahl in Münster eingefunden, um sich nicht wieder einen Abend mit einer anderen Frau teilen zu müssen.

Ein Vorhaben, das ihr aber nicht unbedingt komplett gelingen sollte. Das lag nämlich daran, dass sie sich die größte weibliche Konkurrenz in ihre Liveband und als Support gleich mitgebracht hatte. Nämlich in Person der in Berlin lebenden Londonerin Emma Greendfield, die zusammen mit dem Kanadier Sam Vance-Law und einem Kontrabassisten, der allerdings auf der ganzen Deutschland-Tour abwesend war, die Band Traded Pilots bildet.

Traded Pilots - Gleis 22, Münster, 26. Mai 2013

Ohne Kontrabassisten, der laut Info von Traded Pilots wohl nicht zum festen Stamm der Band gehört, machte sich das Duo relativ pünktlich um kurz nach 9 auf die Bühne des Gleis 22. Ab der ersten Minute nimmt das Duo das gesamte Publikum gefangen. Das Duo bot eine feingliedrige Mischung aus Kammermusik, Pop und Folk, die sanft vorgetragen wurde. Im knapp 30 Minuten langen Set wechselte das Duo immer wieder zwischen Songs bei denen Emma etwas mehr sang und Stücken, bei denen Sam mit seiner tiefen ins Bariton gehenden Stimme die Leistung übernahm. Bei den Stücken mit Emma im Vordergrund handelte es sich meist um klassischere Songwriter-Nummern mit einem klaren Fokus auf das Gitarrenspiel. Sam nutzte seine Geige dabei häufig ähnlich, wie der ebenfalls aus Kanada stammende Owen Pallett. Das heißt, neben dem klassischen Einsatz als Streichinstrument zupfte er sie in einigen Stücken wie eine Ukulele und klopfte bei anderen Songs wieder auf sie ein, um sie zum Rhythmusinstrument umzuformen.

Die Songpausen nutzten Traded Pilots immer wieder für kurze Ansagen in nahezu perfektem und fast akzentfreiem Deutsch. So merkte Sam etwa an, dass Traded Pilots neue Kommunikationswege nutzen und auf dieser Plattform namens Facebook seien, wo sie sich über eine Gefällt-Mir-Angabe freuen würden, weil sie noch nicht so viele hätten. Eine Ansage, die zwar quittiert wurde, aber nicht wirklich befolgt wurde, da sich Traded Pilots in der folge nicht wirklich über starke Zuwachsraten freuen durften. Emma ließ es sich außerdem nicht nehmen, darauf hinzuweisen, dass es die EP der Band am Merchstand zu kaufen gibt, „also, nur dass ihr’s wisst“.

Traded Pilots - Gleis 22, Münster, 26. Mai 2013

Das Set von Traded Pilots war viel zu kurz, aber das sympathische Duo sollten wir zum Glück als Teil der Liveband nach nur zehnminütiger Umbaupause schon wieder sehen. Zusammen mit dem Duo, einem Bassisten und einem Schlagzeuger huschte Cherylin MacNeil, die Dear Reader seit dem Album „Idealistic Animals“ als Soloprojekt betreibt, auf die Bühne. In einem schwarz-roten Outfit und mit auffälliger Kette stand sie dann mitten auf der Bühne im gut gefüllten Gleis 22, begrüßte erst einmal höflich das Publikum und stellte dann die einzelnen Musiker vor.

Recht verlegen wegen des etwas zu euphorischen Applauses, gab sie dann direkt (ebenfalls zwischen deutsch und englisch wechselnd) eine kurze Erklärung zum ersten Song.

Dabei handelte es sich um „Man Of The Book“ von „Rivonia“, dem aktuellen Album von Dear Reader. Sie erklärte, im Song geht es um ihren Ururgroßvater, der in Johannesburg als Anwalt arbeitete und mit Mahatma Gandhi reiste, der damals in Südafrika lebte. Schmunzelnd erzählte sie, ihr Großvater war sehr christlich und versuchte immer Gandhi zu konvertieren. Als Gandhi einmal in einem Hotel wegen seiner Hautfarbe abgewiesen wurde, teile sich Chery’s Ururgroßvater das Bett mit ihm.

Dear Reader - Gleis 22, Münster, 26. Mai 2013

Am Ende der Erzählung erwähnte sie noch kurz, dass sie den ganzen Abend ein wenig Hintergrundwissen zu den Songs erzählen möchte. Daran hielt sich die sympathische Sängerin, die dieser Tage ihren 30ten Geburtstag feiert, allerdings nicht wirklich. Grund dafür war wohl auch der mehr als überschwängliche Applaus, der nach jedem der Songs durch das Gleis 22 tobte. Natürlich haben Dear Reader ordentlichen Applaus verdient, nur schien die Intensität die Mitglieder etwas verunsichert zu haben, weshalb einige Erzählungen ausblieben und die Band häufig schnell mit dem nächsten Stück begann. Die Stücke an diesem Abend stammten größtenteils vom aktuellen Album „Rivonia“, was vielleicht auch daran lag, dass die Livemusiker diese größtenteils auch im Studio mit eingespielt haben.

Die Songs auf „Rivonia“ zeichnen sich neben ihrer klaren Popstruktur durch etwas anspruchsvollere süd-afrikanische Einflüsse aus. Vor allem die Rhythmen und Chöre sind, ebenso wie die Themen und Texte, stark von der Heimat der Sängerin inspiriert.

Songs von den ersten beiden Alben waren mit „Dearheart“, „Bend“ und „Great White Bear“ vom ersten und „Idealistic Animals“ und „Whale“ vom zweiten eher selten und machten nur fünf der knapp 16 Songs aus. Gerade bei „Great White Bear“ rechtfertigte sich Chery etwas, das die alten Songs für eine Band irgendwann langweilig seien und fügte scherzhaft hinzu, dass man als Publikum da jetzt durch müsse. Nach etwas mehr als einer Stunde kamen Dear Reader dann schon ans Ende ihres Sets, nicht aber, ohne noch hinzuzufügen, dass jetzt der Part kommt, wo das Publikum die Macht habe zu bestimmen, ob die Band noch einmal wiederkommt.

Dear Reader - Gleis 22, Münster, 26. Mai 2013

Der anschließenden Applaus war dann so groß, dass die Band direkt für drei Zugaben zurückkehrte. Chery bat die Band, wegen des überschwänglichen Jubels, auch einmal für das Publikum zu applaudieren. Sam war das sichtlich unangenehm und er sagte „we should never do this again“ und lachte.

Nach den drei geplanten Zugaben kam die gesamte Band noch einmal zurück und gab einen weiteren Song zum Besten. Dazu erzählte sie die Geschichte von Shaka Zulu, der nach dem Tod seiner Mutter durchdrehte und 6.000 seiner Untertanen tötete, ehe sich ihm einer seiner engsten Vertrauten entgegenstellte und sagte „Shaka, deine Mutter ist nicht die erste Mutter, die gestorben ist“. Als sie die Geschichte beendet hatte, schaute sie kurz ins Publikum und entschuldigte sich sogleich, so eine grausame Geschichte zum Abschluss eines so wunderschönen Abends erzählt zu haben und beschloss dies nie wieder zu tun.

Das Stück selbst war ein schöner Abschluss für einen tollen Abend mit einer Band, die vor Spielfreude strotze. Hoffen wir, dass sich Dear Reader nun nicht wieder fast vier Jahre Zeit lassen, bis sie wieder einen Abstecher nach Münster wagen.

Fotos: Ariane WhiteTapes, mehr hier

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