Konzertberichte

Das Höchste der Gefühle Festival – FZW, Dortmund, 27. September 2015

Seit nunmehr einem Jahr steht der Name Feine Gesellschaft nicht etwa für das BVB Äquivalent zur Schickeria des FC Bayern München, sondern für eine Konzertreihe, die in wechselnden Locations in Dortmund regelmäßig Künstlern eine Plattform bietet und so die Indie- und Konzertszene in Dortmund stärkt. Den ersten Geburtstag feierten die Macher kürzlich mit einem eigenen Festival, bei dem vor allem die großen Gefühle im Vordergrund stehen sollten. So war der Name „Das Höchste der Gefühle Festival“ schnell gefunden. Als Location wurde mit dem FZW Dortmund’s bekannteste Konzertlocation gewählt, in der acht Künstler abwechselnd in der Bar und der kleinen Halle auftraten.

Das Höchste der Gefühle Festival

Der Start für das Geburtstagsfestival war dann auch schon für 17:30 Uhr angesetzt. Zu diesem Zeitpunkt waren schon knapp 30 Besucher anwesend, die in der Bar des FZW dem jungen Singer-Songwriter Alexander Körner, alias Frère lauschten, der als Bochumer wohl der Künstler mit der kürzesten Anreise war. In seinem Set trug er unter anderem Stücke seiner Debüt-EP „Ghost“ vor, die letztes Jahr erschien und auf der er spärlich instrumentierte Singer-Songwriter-Stücke präsentiert, die vor allem von seinem sanften Gitarrenspiel und seiner berührenden, leicht brüchigen Stimme leben.

Musikalisch erinnerte er dabei ein wenig an José González und James Vincent McMorrow, gepaart mit der Melancholie von Bon Iver. Eine Mischung, die beim Publikum gut ankam und für ein äußerst positives Feedback sorgte, dass sich nach dem knapp 30 Minuten langen Set auch in CD-Verkäufen bei Frère niederschlug.

Weiter ging es im Anschluss fast ohne Pause in der kleinen Halle mit Elektroklängen von Never Sol, einer Sängerin aus Prag, die mit düsteren Elektroklängen und ausgedehnten Synthieflächen eine elektronischere Richtung in den Abend brachte. Gepaart mit halligem Gesang, rief sie leichte Erinnerungen an The xx hervor, ohne jedoch jemals wirklich zu fesseln. Das Set waberte recht homogen dahin, sodass man am Ende kaum einen Song wirklich als Highlight herausstellen konnte. Als Pausenmusik war das Set jedoch allemal unterhaltsam und kurzweilig.

In der mittlerweile vollen Bar folgten nach Never Sol dann wieder Singer-Songwriter-Klänge. Dieses Mal mit Dan Carney, der unter anderem als Gitarrist von Sophia. dem ein oder anderen bekannt sein könnte und der mit seinem Projekt Astronauts aus London und eineinhalb weiteren Bandmitgliedern angereist war. In Person waren das ein weiterer Gitarrist und ein Drummer vom Band. Mit Astronauts veröffentlichte Carney im letzten Jahr sein Debüt-Album „Hollow Ponds“. Sein Set hatte er von 22:30 Uhr auf 18:30 Uhr verschoben, da er den Platz von NOVAA (La Petite Rouge) einnahm, die leider absagen mussten. In seinen Songs setzt Carney auf ausgefeiltes Gitarrenspiel, das durch den Zweitgitarristen entsprechend druckvoll geraten ist. Gesanglich war das Set weniger ausgereift und wirkte häufig nur wie ein allenfalls gehobenes Pub-Niveau. Die Texte trugen mit ihren häufigen Wiederholungen leider auch nicht unbedingt zu mehr Tiefe bei.

Das Höchste der Gefühle Festival

Zurück in die Halle. Dort gab es mit dem Kanadier Aidan Knight das erste Highlight des Abends. Der Kanadier war unlängst als Support von Dan Mangan im FZW zu sehen und gehörte zu den wohl am meisten gefeierten Neuentdeckungen auf dem Reeperbahn Festival. Für sein Festival-Set hatte er seine Band im Gepäck, mit der in seinem 60 Minuten langen Set – dem längsten des Abends – eine entspannte Atmosphäre schuf.

Musikalisch tändelte Aidan Knight zwischen folkigen Popklängen und zurückgelehnten Rocknummern mit mittlerem Tempo. Insgesamt sehr unaufgeregt mit gewissen Anleihen bei Beck und Sufjan Stevens, ohne aber jemals zu aufdringlich, oder experimentell zu wirken. Stattdessen jammten sich die Musiker sichtlich Spaß habend durch ihr Set und luden zum entspannten Mitwippen.

Das Höchste der Gefühle Festival

Mit Geheimtipps ging es dann auch in der Bar weiter. Die Rede ist von Hein Cooper, einem australischen Songwriter, der ebenfalls zuvor auf dem Reeperbahn Festival spielte. Musikalisch ist der Australier irgendwo in der Nähe von James Blake zu verorten.

Seine Musik bietet viele Soulanteile und setzt häufig auf mehrschichtige Gitarren- und Gesangslinien, die er mit einer Loopstation auf einander türmt. Trotz einiger vielversprechender Elemente geriet das Set von Hein Cooper leider zu meist eine Prise zu anstrengend, weshalb sich bei uns nach seinem halbstündigen Set auch eine gewisse Erleichterung breit machte – das kann auch daran gelegen haben, dass gerade die elektronischeren Schichten der Songs alle gleich laut abgemischt waren, sodass man irgendwann schon eher eine Art unangenehmen Krach, statt einer wohl gemischten Soundwand, wahrnahm.

Musikalisch in eine ganz andere Richtung ging es dann in der kleinen Halle mit den Belgiern von Joy Wellboy. Einem Duo aus Brüssel, bestehend aus der Sängerin Joy Adegoke und dem Multiinstrumentalisten Wim Janssens. Gemeinsam mischt das Duo New Wave Sounds mit Blues-Rock, Electronic, Soul und Rap-Elementen. Eine interessante Mischung, die durchaus tanzbar ist, jedoch nicht so recht ins Set passen wollte, aber viele neugierige Zuschauer anlockte, die auch  bereitwillig in der Halle blieben und lauschten, was noch passieren würde.

In der Bar folgte im Anschluss Fran O’Hanlon, alias Ajimal, und damit unser persönliches Highlight des Abends. Anfang November veröffentlicht der Songwriter aus dem Norden Englands endlich sein erstes Album „Childhood“.

Das Höchste der Gefühle Festival

Ein Coming-Of-Age Album, auf dem er die Transferzeit behandelt, die man durchmacht, wenn man nach Jahren des Lernens an Schulen und Unis plötzlich ins Berufsleben eintritt und einem das neue Leben ebenso fremd ist, wie auch das vergangene. Gleich mit dem Opener „Apathy / Apatheia“ erschuf er eine extrem intime Atmosphäre, die dafür sorgte, dass die mittlerweile knapp 80 Besucher förmlich an seinen Lippen hingen.

Da er seine Gitarre nicht dabei hatte, beschränkte sich Ajimal für die musikalische Begleitung komplett auf sein Piano. Die Songpausen nutzte er ausführlich, um von seinen Songs und den Arbeiten am Album zu erzählen. Dabei dürfte er den ein oder anderen Besucher verwirrt haben, denn seine Ansagen machte er auf beinahe perfektem und akzentfreiem Deutsch.

Die Pausen zeigten auch einen schönen Kontrast. Während Ajimal seine Songs mit starker Stimme vorträgt und sich so sehr reinhängt, dass er teils schaut, als würde die Last der Welt auf seinen Schultern liegen, spricht er in den Pausen mit leiser Stimme, in fröhlichem Ton, von den Stücken. Neben dem Opener gehörten mit „Nothing Touches Me“, „This Human Joy“ und „I’ve Known Your Heart“ weitere bekannte Stücke zum Set. Aber auch Neues gab es zu hören, darunter zum Beispiel das, wie alle Songs des Sets, wunderschöne „When We Were Children“, dem letzten Song des Albums und auch des Sets. Wobei, der allerletzte war es nicht, denn nach tosendem Applaus und rufen nach einer Zugabe, stellte sich Ajimal kurz an den Bühnenrand, wo er das Zeichen erhielt, das er noch Zeit für einen Song habe, dem das Publikum anschließend wieder in andächtiger Stille lauschte und mit noch enthusiastischerem Applaus belohnte.

Das Höchste der Gefühle Festival

Der Abschluss des Abends wurde dann in der kleinen Halle vom Berliner Trio Still Parade bestritten, die ihr als treue Leser sicherlich, ebenso wie Ajimal, auch schon kennt.

Ihre Musik, die sie als Elektro-Folk beschreiben, kommt live deutlich poppiger daher und zeigt sich eher als vergnügter Indie-Pop mit Anleihen bei Two Door Cinema Club, Animal Kingdom und Animal Collective.

Durchaus kurzweilig vorgetragen, aber nicht mit der letzten Konsequenz ausgespielt, weshalb das Set leider ein wenig daherplätscherte. Dennoch ein entspannter Abschluss für einen schönen Abend, bei dem wir es endlich auch geschafft haben, Ajimal live zu sehen.

Am Ende verließen wir zufrieden das FZW, auch wenn nicht alles optimal, oder nach unserem Geschmack war (auf welchem Festival ist das schon so?). Insgesamt haben die Macher von Feine Gesellschaft einen sehr schönen Abend auf die Beine gestellt, bei dem in der Summe leider etwas zu wenig Gäste anwesend waren. Bis zum nächsten Geburtstag hat sich das aber hoffentlich rumgesprochen und das FZW muss auch die große Halle zur Verfügung stellen.

Fotos: Ariane WhiteTapes, mehr hier

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