Konzertberichte

Coldplay + Howling Bells + Kilians, Düsseldorf, Esprit-Arena, 27. August 2009

Ich hatte mit dieser Band schon abgeschlossen. Eigentlich. Die letzten beiden Alben kenne ich nicht und die letzten Konzerte die ich von Coldplay sah, liegen schon einige Jahre zurück. Im Palladium und der Philipshalle waren sie seinerzeit und bedeutend kleiner als es die Esprit Arena ist.

Das war noch bevor Coldplay ihr Album „x&y“ herausgebracht hatten. An das Philipshallenkonzert erinnere ich mich gerne zurück. Es war ein tolles Erlebnis mit einer fantastischen Lasershow zu, ich glaube, „Yellow“. Wie ich nun am Donnerstag erfahren habe, teile ich dieses Erlebnis mit dem Kilians Sänger Simon den Hartog. Ich hoffe, ich bin ihm damals nicht begegnet, denn als Vor- Vorband (als Sandwichbelag waren noch die australischen Howling Bells mit von der Partie) hinterließen die Kilians an diesem Abend bei mir keinen sympathischen Eindruck. Warum, kann ich nicht näher begründen, aber ich spürte von Beginn an eine leichte Antipathie gegenüber der Dinslakener Ex-Schülerband. Und das, obwohl ich sie persönlich gar nicht kenne. Aber sowas soll’s ja geben.

Die Kleinstadt-Strokes (ich sag das, weil mich der Gesangsstil und Sound der Kilians ungemein stark an die Großstadt-Band erinnern) eröffneten also den Abend und verpassten es nicht, gleich die Schleimspur in Richtung Coldplay und Publikum zu legen. „Mein erstes Konzert war tatsächlich Coldplay, vor sechs Jahren hier in Düsseldorf.“ Kann man erzählen, muss man aber nicht. Wichtiger da schon dies: „und ich habe die Vorband gehasst, einfach nur, weil sie da war.“ So so. Nun, jetzt seid ihr die Vorband, ähh die Vor- Vorband und ich bin mir nicht sicher, ob euch alle mögen. „Wir haben auch Hits geschrieben“, höre ich später, „jetzt kommt einer davon.“ Es folgt ihr Durchbruchsong „When will I ever get home“. Und das ist in der Tat ein Hit. Ihm und dem Debütalbum „Kill the Kilians“ verdanken sie die Auszeichnung „Zweitbester Newcomer“ bei der Einslive Krone Verleihung 2007. Es ist ein fluffig rockiges Stück Musik, und ihre derzeitige Single „Hometown“ steht der in nichts nach. Beide Songs gefallen auch mir sehr gut. Nach einer guten halben Stunde war dann Schluss mit schlechtem Deutsch („wir schruben ein Lied über unsere Heimatstadt“, mit der eben jenes „Hometown“ angekündigt wurde.) und die eigentliche Vorband war an der Reihe. Howling Bells, eine mir völlig unbekannte Band.

Die Australier begleiteten Coldplay schon auf verschiedenen US- Konzerten der Viva la Vida Tour und wurden als Support für die deutschen Konzerte in Düsseldorf und München gebucht. Als ich hörte, dass nicht – wie in Hannover – die White Lies den Support übernehmen würden, war ich ein wenig enttäuscht, doch das war unbegründet, denn die Howling Bells wussten zu überzeugen. Die Band um Sängerin Juanita Stein gründete sich 2005. Gemeinsam mit ihrem Bruder und Gitarristen Joel Stein, dem Schlagzeuger Glenn Moule und Bassist Brendan Picchio zogen sie nach London, um die große Karriere zu starten. Zwei Alben sind bisher dabei herausgesprungen. Der Sound der vier lässt sich gut mit „Indie Noir“ beschreiben. Einflüsse so toller Indiekoryphäen wie Siouxsie and the Banshees oder den frühen Cranberries sind erhörbar und die Stimme von Juanita Stein weiß mit ihrem sanften Charme von ganz alleine zu überzeugen. Die Howling Bells sind eine Band, die ich im Auge behalten werde. So langsam wurde es dunkel im nun gut gefüllten Stadienrund. 44 000 Leute sollen anwesend sein. Das ist eine ganze Menge. Gegen 21 Uhr kommen Coldplay auf die Bühne. Und was in den folgenden 2 Stunden passiert, ist nur so zu umschreiben: „Konzertshow des Jahrzehnts!“

„Guten Abend meine Freunde“ begrüßte uns Chris Martin, nachdem die letzten Klänge des Openers „Life in Technicolor“ verklungen waren. Mit „Violet Hill“ und „Clocks“ legten Coldplay rechtmäßig los. Chris Martin sprang und hüpfte und rann von einem Bühnenende zur nächsten. Rauf auf den links von der Bühne aufgebauten Laufsteg, zurück und weiter auf den rechts von der Bühne ins Publikum reichenden Steg. Es war ein enormes Laufpensum, was der Frontmann an diesem Abend hinter sich brachte. Erster Höhepunkt „In my Place“, währenddessen das komplette Bühnen-Umlaufen wurde. Beim nachfolgenden „Yellow“ wurden erste interaktive Reize gestreut. Unter seichtem Laserlicht wurden große Ballons von allen Ecken des Stadions in den Innenraum geworfen. Ab jetzt war die Stimmung on top. Stand ich dem zwei Tage zuvor gewonnenen Konzerterlebnis anfangs eher emotionslos gegenüber, so packte mich jetzt der Coldplay Kosmos. „Fix you“ schleuderte zum ersten Mal Feuerwerksraketen in den Himmel. Sehr schön! Was kann da noch kommen? Ich war gespannt. Berichte von anderen Konzerten der Tour hatte ich absichtlich nicht recherchiert. Ich wollte mir die Überraschungsmomente nicht nehmen lassen.

Den ersten Ausflug unternahm die Band nach einer dreiviertel Stunde. „God puts a smile…“ und „Talk“ wurden in einem Quasi-Medley auf dem linken Bühnensteg performt. Und wie! In einer passenden Dub Dance Version gingen die beiden Songs nahtlos ineinander über, als ob sie schon immer zusammengehörten. Das passte wunderbarst. Und „Talk“ in seinem Dance Mantel kam stark nach Friendly Fires. Die hätten das nicht besser hinbekommen. Toll! Das Szenario auf dem Laufsteg ließ mich an U2 denken. Die hatten das erstmals auf ihrer Zoo TV Tour unter ähnlichem Jubel durchgezogen. Und es sollte nicht das letzte Mal sein, dass mir Parallelen zu der irischen Übergruppe in den Sinn kamen. Coldplay hatten auch ihren Anteil daran. U2’s „Magnificent“ lief 10 Minuten vor Konzertbeginn vom Band und läutete die heiße Phase ein. Nachdem Chris Martin, Jonny Buckland, Will Champion und Guy Berryman zu „The hardest part“ wieder ihre Positionen auf der Bühnen einnahmen, wurde neben dem Geschehen schon der nächste Ausflug vorbereitet. Absperrgitter wurden postiert und so ein Gang zum anderen Ende des Innenraums geschaffen. Nach den letzten Klängen von „Viva la Vida“ verließen Coldplay die Bühne, begaben sich in den Innenraum und liefen händeabklatschend zu ihrer Zweitbühne, die genau am anderen Ende des Innenraums aufgebaut war. Für vier Songs wurde sie die neue Heimat. Und hier die nächste U2 Assoziation: Die akustisch gespielten Songs hatten was von U2s „Rattle and Hum“ Ära. Definitiv. Nur leider überkam Coldplay jetzt auch die Idee, Michael Jacksons „Billie Jean“ in ihr Set einzubauen. Es war kein guter Gedanke.

Besser war da schon, das Publikum zu einer Handy- La Ola aufzufordern. Also nicht die Hände nach oben, sondern die leuchtenden Displays. Nach drei Fehlversuchen klappte es denn auch ganz gut, und die Mobiltelefone leuchteten entsprechend der Wellenbewegung. Großkonzertästhetik im 21. Jahrhundert. Ein famoses „Politik“ leitete den Schluss des regulären Sets ein. Nach Unmengen von Schmetterlingskonfetti zu „Lovers in Japan“ und einem Abschlussfeuerwerk nach dem Zugabeblock waren wir definitiv sprachlos. Ein toller Abend mit sehr spielfreudigen Coldplay ging dem Ende entgegen. Mein lieber Mann, ich habe lange kein so perfektes Konzert mehr gesehen. Hier stimmte einfach alles, vom Breakdance tanzenden Roadie zu Beginn der Show bis zum Verteilen der Coldplay CD „leftrightleftrightleft“, die jeder Zuschauer beim Verlassen der Arena in die Hand gedrückt bekam. Zwei Dinge bleiben noch: Wenn Chris Martin demnächst mit Sonnenbrille auf die Bühne kommt, hält ihn nichts mehr auf. Dann ist er der neue Bono und Coldplay die neuen U2.

Und noch der treffende Satz eines Mädchens neben mir, dass auf Chris Martins Äußerung, sein Deutsch sei nicht besonders gut, entgegnete: „Das macht nix. Hauptsache du siehst süß aus.“ Recht hat sie!

Setlist:
01: Life In Technicolor
02: Violet Hill
03: Clocks
04: In My Place
05: Yellow
06: Glass Of Water
07: Cemeteries Of London
08: 42
09: Fix You
10: Strawberry Swing
11: God Put A Smile Upon Your Face
12: Talk
13: The Hardest Part
14: Postcards From Far Away
15: Viva La Vida
16: Lost!
17: ….
18: Death Will Never Conquer
19: Billie Jean (Michael Jackson Cover)
20: Politic
21: Lovers In Japan
22: Death And All His Friends

Zugaben
23: The Scientist
24: Life In Technicolor II
25: The Escapist (Outro)

Bericht: Frank – Pretty Paracetamol
Fotos: frank@flickr

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