Konzertberichte

City Slang and Wichita Play Popkomm, Berlin, Fritzclub, 08. Oktober 2008

Mit Familientreffen ist es meist so eine Sache. Da trifft man sich generell einmal im Jahr und nimmt es eher als lästige Pflicht, denn als freudiges Ereignis wahr. Da diese Familientreffen an einem zentralen Ort stattfinden, ist man hoffnungslos auch den Familienmitgliedern ausgeliefert, denen man unter normalen Umständen sowieso schon diverse Krankheiten an den Hals wünscht.

Um nach außen jedoch den schönen Schein des Familienfriedens zu wahren, macht man gute Miene zum bösen Spiel und hofft, dass der Spuk schnell wieder vorbei ist. Also toleriert man auch die nervige, kleine Cousine, den seltsamen, leicht schizophrenen Onkel und die anderen Charaktere, da man ja weiß, dass der Spuk bald wieder vorbei ist.

Ein Familientreffen der etwas anderen Art feierten am 8. Oktober das Berliner Label City Slang zusammen mit ihren Londoner Kollegen von Wichita im Fritzclub im Berliner Postbahnhof. So wurden all diejenigen Künstler eingeladen, die geliebt wurden bzw. in Zukunft geliebt werden könnten. Namentlich waren dies Sky Larkin, Los Campesinos, O’ Death, Port O’ Brien, Those Dancing Days und Get Well Soon.

Vollkommen unterschiedliche Typen mit vollkommen unterschiedlichen Musikrichtungen. Fast also, wie bei einem der bereits erwähnten Familientreffen. Und doch irgendwie anders. Denn schließlich ging die musikalische Zusammenkunft auch mit dem Start der wichtigsten Musikmesse der Welt einher, der Popkomm. Dies steigerte auch die Anzahl mit Cordsakko, Hornbrille, Jeans und Chucks bekleideter End-Dreißiger bis End-Vierziger im Publikum, die beim Ertönen des ersten Akkords die Zukunftsaussichten der jeweiligen Band abschätzen konnten.

So kam es teilweise zu skurrilen Szenen, wenn beispielsweise nach dem Konzert der an diesem Abend leider eher durchschnittlichen Sky Larkin einer dieser beschriebenen Prototypen überschwänglich die Band als „the next big thing“ in den Himmel lobte. Oder, wenn eine Dame Ende 40 bei den Tönen der- zugegeben extrem guten – Los Campesinos in ekstatische Zuckungen verfällt. Nennen wir es mal die Popkommeningitis… Den Abend eröffneten Sky Larkin aus Leeds. Auffällig das grüne Hulk-T-Shirt des Drummers Nestor, der mit wütenden Schlägen, wie sein grünes Vorbild, auch das Schlagzeug malträtierte. Energiegeladen, gepaart mit der eher ruhigen Stimme von Sängerin Katie. Ein gelungener Auftakt, wenn auch nicht zu Euphoriestürmen verleitend. Eher solides Handwerk, das durchaus noch ausbaufähig ist.

Weiter ging es auf der großen Bühne. Dort gaben die Schwedinnen von Those Dancing Days ihre Songs zum Besten. Ausgestattet mit Mädchen-Kleidern, die teilweise braver nicht sein könnten, spielten sie Lieder, die unschuldiger nicht sein könnten. Zuckersüßer Girlie-Pop. Wie Mando Diao in weiblich und brav. Böse Zunge würden jetzt „langweilig“ rufen… Man könnte auch sagen: Sie sind ja noch soooo jung… Obwohl, wer derart mit dem Image der unschuldigen Mädchen und zuckersüßen Musik spielt, der legt es wohl auch drauf an, in diese Schublade gesteckt zu werden.

Ein Kontrastprogramm lieferten Port O’Brien aus San Francisco und Alaska. Die Band versprühte mit ihrer Mischung aus Folk, Singer-/Songwriter und Indie-Pop eine derartige Euphorie, dass die Menge nach de Ende ihres Auftritts Zugaben forderte. Die Combo um Sänger Van Pierszalowski, der optisch erstaunliche Ähnlichkeit mit Kurt Cobain besitzt, ließ sich weder von anfänglichen Sound-Problemen noch von dem gebrochenen Bein ihres Bassisten aus dem Rhythmus bringen und schmetterten eine Hymne nach der nächsten, die überall glückliche Gesichter hinterließ. Weitermachen. Und zwar genauso.

Kommen wir nun zu dem skurrilen, leicht schizophrenen Onkel, um im Familientreffen-Jargon zu bleiben: O’Death. Ok, es sind mehrere Onkels und sie kommen aus Brooklyn, ihre Musikrichtung zu beschreiben fällt schwer. Erst ist es Folk, dann plötzlich Ska-ähnlich, um dann wieder ruhiger zu werden. Sie erinnern an Flogging Molly gepaart mit System of a Down und ein wenig Bright Eyes. Das Publikum wurde durch frei liegende Bierbäuche beglückt (?) und mit einer E-Violine sowie Tempowechseln im SOAD-Stil überrascht. Skurril, anders und deswegen absolut hörenswert.

Den vorletzten Auftritt lieferte die sieben Jungs und Mädels von Los Campesinos! aus Cardiff ab. Unglaublich energiegeladen, tolle Melodien, mitreißende Texte und trotzdem noch so jung. Für die Popkommeningitis-Erkrankten: „The next big thing“ (spätestens mit Release ihres zweiten Albu

Zum Abschluss des musikalischen Familientreffens gesellte sich Konstantin Gropper alias Get Well Soon dazu. Stolz erzählte er, dass er als „Neu-Berliner“ nun so was wie ein Heimspiel habe und legte dann auch mit gewohnt melancholischen und sphärischen Klängen los. Musik, die ausnahmsweise mal mehr als drei Akkorde hat, die irgendwie intellektuell klingt (vielleicht liegt es an dem musikalischen Studium des Herrn Gropper) und die für staunende Gesichter sorgte und begeisterte Zuschauer hinterließ.

Fotos: Manuel, mehr hier

Manuel WhiteTapes

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