Konzertberichte

1984 + Hey Kids Try This, Osnabrück, Kleine Freiheit, 30. April 2009

Glaubt man der Berichterstattung zum 1984 Debüt „Open Jail“, dann stellt das Trio um Frontmann Etienne Nicolini so etwas wie den legitimen Nachfolger von Joy Division dar. Ein Vergleich, der nicht zuletzt durch das Label geschürt wird und von der Band meist leicht irritiert aufgenommen wird, haben sie vor dem Release und den damit verbundenen Interviews zu „Open Jail“ und dem kurz zuvor erschienen Joy Division Film „Control“ doch noch nie auch nur einen Song der legendären Band um Ian Curtis gehört. Ein Vergleich aber auch, den sich die Band gefallen lassen muss, dass zeigen zum einen die düster kühlen Stücke auf dem Debüt und auch die Live-Performance der Band. Schon als Support der Blood Red Shoes im November ließen sie ihren kühlen Franko-Rock auf das gespannte Publikum los und übertrafen sogar die Blood Red Shoes.

Auf ihrer ersten Headlining-Tour durch Deutschland konnten 1984 nun nicht mehr darauf bauen, dass die Blood Red Shoes die Indie-Kids in Scharen herbei lockten, das mussten sie nun ganz allein. Angetan vom tollen Debüt und vielleicht auch den starken Konzerten im Vorprogramm der Brightoner, kamen aber dennoch mehrere Dutzend frankophile Indie-Jünger zum einzigen Konzert der Band in (der Nähe) von Nordrhein-Westfalen. Genau genommen in der Kleinen Freiheit in Osnabrück. Einem alten Bahnhofs-Betriebsgelände, auf dem sich nun allerlei Clubs angesiedelt haben, um das brach liegende Gelände in eine Vergnügungsmeile zu verwandeln. Von innen wirkte das Gebäude wie eine Mischung aus evangelischem Gemeindezentrum und Bürogebäude, mit extrem niedriger Bühne und riesiger Fensterfront, an der gemütliche alte Couch-Garnituren aufgereiht waren. Diese verstanden wir prompt als Einladung sich zu setzen und schauten dem Support Hey Kids Try This bei der Arbeit zu. Unseren Eindruck, die Band käme frische aus dem Probe-Raum, bestätigten die Münsteraner, als sie sich erstmals vorstellten. In circa 30 Minuten spielten sie ein Best Of von Indie-Melodien, verarbeitet in eigenen Kompositionen. So spielten sie dann auch ein alles andere als originelles, aber immerhin kurzweiliges Set.

Die folgende Umbaupause sollte dann auch nicht lang dauern und schon standen 1984 um 22:15 Uhr auf der Bühne, um den Tanz in den Mai zu starten. Das hatte allerdings zur Folge, dass der größte Teil der Fans noch vor der Tür stand und einer Raucherpause fröhnte, als Etienne, Bruno und Thomas bereits ihr Set mit „The Missing Voice“, einem der stärksten Stücke des Albums, begannen. Im Gegensatz zum Konzert im November war der Sound nun deutlich klarer abgemischt und Etienne’s dunkle Stimme deutlich im Vordergrund. Untermalt wurden die düsteren Rocksongs wieder von unterschiedlichen Filmchen und Animationen, die auf eine Leinwand hinter Drummer Thomas geworfen wurden. Zunächst beschränkte sich das noch auf das Animationen und Verzerrungen von Band-Zebra und 1984-Logo. Ihrem Ruf verpflichtet war die Band auch ganz in schwarz gekleidet. Einziger Farbtuper am Outfit die symbolischen goldenen Streifen an der Schulter von Etienne, an der Knopfleiste von Bruno’s Hemd und am Hemdkragen von Thomas, die für die drei Mächte stehen sollen, welche die Welt regieren, nämlich Militär, Politik und Religion. Wie bei der großen Referenz Joy Division, versteckt sich bei 1984 also auch noch einiges hinter der Fassade. Was sie vordergründig auf die Bühne brachten, war aber auch nicht ohne.

Auf „The Missing Voice“ folgte der neue Song „Tiptoe“, der sich ähnlich düster zeigte, wie die Songs auf „Open Jail“. Mit „L’Homme Aux Os“ und „Baikal Amour Magistral“ folgten wieder zwei Stücke vom Album und auf der Leinwand wurde erstmals ein kleiner Videotrick angewandt. Neben dem Beamer war nämlich eine kleine Webcam angebracht, welche die Band live filmt und verzerrt auf die Leinwand warft. In Verbindung mit dem kühlen Rock-Sound war das verdammt stimmig und ließ die Stücke noch dichter erscheinen. Trotz dem ein oder anderen Spielfehler nahm das Publikum jeden Ton begeistert entgegen und tanzte ausgelassen. Auch zu den drei neuen Stücken „Uppercut“, „Leaving The Pack“ und „Ulm“, die sich perfekt in die bekannten Stücke einfügten. Auf das anschließende „Desert Dancers“ folgte die Hit-Single „Cache Cache“, bei der das offizielle Video zur Single an die Band geworfen wurde. Die Stimmung war auf ihrem Höhepunkt und kochte erst nach dem neuen Song „Territory“ und dem anschließenden Rocker „The Wait“ wieder ein wenig runter, als sich die Band kurz verabschiedete, um nach wenigen Sekunden für die Zugaben „By Dint“ und „Squares“ (neu) zurück zu kehren. In knapp 75 Minuten konnten 1984 ihre volle Live-Stärke ausspielen und machen Lust auf mehr von diesem Trio aus Frankreich mit dem fantastischen französischen Akzent.

Fotos: Ariane WhiteTapes

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