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William Fitzsimmons – Interview

Am vorletzten Abend seiner umfangreichen Deutschland-Tour machte William Fitzsimmons Halt im schönsten Club Deutschlands, dem Gleis 22 in Münster und sprach mit uns über sein neues, altes Album „Goodnight“, seinen Weg zur Musik und seine ausgeprägte Gesichtsbehaarung.

Dein Album „Goodnight“ wurde vor ein paar Wochen hier in Deutschland veröffentlicht, in Amerika hast du mit „The Sparrow And The Crow“ bereits Ende September den Nachfolger dazu veröffentlicht, warum die Entscheidung, „Goodnight“ hierzulande den Vorzug zu lassen?

Hhm, gute Frage, ich hab keine Ahnung. Lacht Nein, im Ernst ich glaube, das letzte Album hatte nie eine Chance international gehört und verbreitet zu werden, diese Möglichkeit sollten die Songs aber haben. Musik soll außerdem ja auch eine gewisse Entwicklung des Künstlers widerspiegeln und da meine Alben miteinander verbunden sind, wollte ich erst „Goodnight“ veröffentlichen. So konnte ich den Menschen auch ein umfassenderes Bild von mir geben. Das erste Album haben wir dabei einmal ausgeklammert, das lag mir zu weit zurück.


Wir haben irgendwo gelesen, ihr hättet auf den Release von Ingrid Michaelson’s Debütalbum gewartet, um auch etwas von der Aufmerksamkeit, die sie bekommt auf dich zu ziehen…

… oh ja, das ist aber eher ein schöner Zufall. Es ist echt toll zu sehen, dass sie hier so gut ankommt und sie sich auch in Amerika einen bestimmten Ruf erspielt hat. Als wir den Release geplant haben, hatte ich nicht einmal eine Ahnung, dass sie ihr’s im Dezember rausbringt. Natürlich freut es mich, wenn Leute jetzt merken, Ingrid ist auf dem Album, ohne sie wäre es auch nicht im Ansatz so gut und in gewisser Weise bin ich auch stolz, dass sie die Background-Vocals singt.

Einige deiner Stücke wurden in „Grey’s Anatomy“ gespielt, hat das deiner Karriere einen Schub verpasst?

Oh ja, ich denke manchmal, dass ich es nur so weit gebracht habe, weil meine Musik im Fernsehen gefeatured wurde. Natürlich könnte ich auch Musik machen, aber ich wäre bestimmt heute nicht hier in Münster. Natürlich darfst du dich nicht darauf beschränken zu denken, yeah, zu einem meiner Songs hatten Leute Sex bei Grey’s Anatomy, du musst danach viel touren, weil das der Weg ist, über den du heute deine Fanbasis schaffst. Früher konnten Künstler noch von Alben leben, aber sehen wir das mal nüchtern, Musik gibt es heutzutage gratis, du kannst ins Internet gehen und eigentlich

alles finden. Wenn du etwas haben willst, kriegst du es. Da kannst du dich nicht mehr auf deine aufgenommenen Stücke verlassen, du musst da raus gehen und überzeugend spielen. Das mit dem Fernsehen war so etwas wie ein Schuss in den Arm, du kriegst einen riesigen Adrenalinschub, weil ein paar Millionen Menschen deinen Song hören, danach weißt du, jetzt musst du alles geben, sonst überlebst du nicht. Dann kommt nämlich die harte Arbeit, du musst auf Tour gehen, du musst dir so etwas wie ein Netzwerk aufbauen. Tust du das nicht, dann gehen die Leute nur ins Internet, laden den einen Song der da lief, hören den ein paar Mal und dann war’s das.

Hast du keine Angst, dass das auch zu so etwas wie ein Stigma für dich werden könnte, der Typ, dessen Songs bei „Grey’s Anatomy“ gespielt wurden? Das steht nämlich auch in jedem zweiten Satz, der über Snow Patrol geschrieben wird.

Lacht Also ich hätte nichts dagegen Gary Lightbody zu sein, obwohl, nein im Ernst, darüber habe ich eigentlich noch gar nicht nachgedacht. Klar ist da natürlich ein gewisses Stigma mit verbunden und Snow Patrol hat’s wahrscheinlich auch voll erwischt, aber die wissen auch, warum sie darüber nicht jammern, bei dem gewaltigen Erfolg den die immer noch haben. Inzwischen haben die Leute glaube ich erkannt, dass man auf diese Art auch

Musik entdecken kann. Vorher war das immer eher so, dass die Leute gesagt haben, du verkaufst dich, wenn du im Fernsehen auftrittst, was auch immer das bedeutet. Ich glaube, Fans haben begriffen, dass Musiker, die vorher keine Plattform hatten, auf diese Art bekannt werden können. Das ist das Gleiche mit Myspace, da kannst du tolle Musiker entdecken, das Problem ist nur, dass du da echt eine riesige Auswahl hast, du dich also als Musiker auch da behaupten musst. Am Anfang von Myspace hat’s noch gereicht da deine Tracks hochzuladen und dir Freunde zu suchen, jetzt musst du auch andere Wege finden, und da ich nie mit einem sauteurem Popvideo auf MTV sein werde, war „Grey’s Anatomy“ natürlich eine tolle Hintertür ins Fernsehen.

In welcher Serie würdest du denn noch gern einen Song platzieren?

„SCRUBS“! Da denke ich viel dran, wenn’s um so etwas geht. Zach Braff ist auch ein klasse Typ, er hat mich einmal in seinem Blog erwähnt und einen meiner Songs als Profile-Song bei Myspace gehabt. Das wäre schon so etwas, wie ein Traum der wahr wird.

Aber er ist doch jetzt bei Scrubs ausgestiegen?

Ja, das ist auch traurig, aber er dreht noch eine letzte Staffel, ich halte also meine Daumen gedrückt.

Wir natürlich auch.

Danke, es gibt natürlich auch noch viele andere, ich bin da offen, da gibt’s ja auch die verschiedensten Zielgruppen, so dass ich die verschiedensten Menschen erreichen könnte. Aber „Scrubs“ wäre mein Favorit.

Wir haben über „Scrubs“ Cary Brothers (links im Bild) entdeckt, der ja inzwischen auch Vollbart trägt…

Lacht Na ja, das was er da trägt würde ich nicht Bart nennen, das ist eher Gesichtsbehaarung, das sag ich ihm auch immer.

Neben ihm tragen ja auch Sam Beam (Iron and Wine), Scott Matthew, die Fleet Foxes, Ray LaMontagne und nicht zuletzt du einen Vollbart, denkst du, das ist unbemerkt zu so etwas wie einem Statussymbol geworden?

Ja, das ist glaube ich sehr in Mode, ich finde es auch komisch, dass viele der Musiker, die ich toll finde Vollbart tragen, da ist ja neben denen, die du genannt hast ja noch Bon Iver, wahrscheinlich meine Entdeckung des Jahres. Band Of Horses. Ich habe den nicht deshalb wachsen lassen, weil das jetzt alle tun, ich habe den schon lange, weil ich einfach viel zu faul bin mich zu rasieren, so muss ich den nur ab und zu mal stutzen. Ich glaube auch, dass die Leute die zu meinen Konzerten kommen das mögen, die identifizieren mich auch darüber. Manchmal möchte ich ihn auch abrasieren, da er beim Essen auch sehr nerven kann, aber dann bin ich wieder zu faul, also wächst er eben weiter. Vielleicht sehe ich ja in ein paar Jahren aus wie jemand von ZZ Top, oder alle Vollbartträger haben einen Irokesen oder so. Aber es ist schon komisch, dass den jetzt jeder hat.

Du behandelst in deinen Stücken viele persönliche Themen, ist es dir wichtig diese Dinge über deine Musik zu verarbeiten?

Ich glaube nur deshalb habe ich angefangen Musik zu machen, ja, ich habe mich lange so gefühlt, als sei Musik das einzige Ventil, über das ich die Dinge verarbeiten kann, die ich durchgemacht habe, die meine Eltern durchgemacht haben, zu einigem habe ich zwar inzwischen eine andere Meinung, aber die Songs sind dennoch ehrlich, weil ich zu der Zeit so gefühlt habe. So habe ich auch bei einigen Songs das Gefühl, dass sie sogar anderen Menschen mehr helfen, als sie mir helfen und das ist einfach toll. Ich finde das auch toll, wenn nach einem Konzert Leute zu mir kommen und sagen, deine Musik hat mir extrem geholfen, das ehrt mich natürlich sehr. Ich glaube deshalb nicht, dass Musik mich geheilt hat, oder andere heilt, aber sie ist ein wichtiger Bestandteil des Heilungsprozesses. So lange meine Musik aber jemandem hilft ist es natürlich wichtig, darüber zu singen, auch wenn es vielleicht seltsam ist manche Dinge mitzuteilen.

Denkst du, es hilft dir da besonders, Psychologe zu sein?

Oh ja, auf jeden Fall, nur deshalb kann ich das. Viele Leute, auch Songwriter fragen mich, wie ich meine Gefühle so verpacken kann, manche können sich nicht auf die Bühne stellen und so über, zum Beispiel eine Beziehung sprechen. Für mich ist das ganz natürlich, ich habe lange mit Leuten gearbeitet, die wirklich fertig waren. Da hatte ich jeden Tag mit zu tun, das war mein Job, ich bin um 9 Uhr ins Büro gegangen, habe mir meine Tasse Kaffee geschnappt und den Leuten zugehört und die hatten echte Probleme, wenn ich da über meine Gefühle singe ist das echt harmlos und eigentlich gar nicht von Bedeutung im Vergleich zu dem, was ich da gehört habe.

Bedeutet deine Ausbildung für dich auch, dass du manchmal Dinge sehr viel analysierst?

Lacht Auf jeden Fall, auch viel zu viel, so bin ich einfach. Ich denke über alles nach, ich lasse auch Dinge nicht einfach geschehen, das ist aber bei allen Psychologen so, sie analysieren die Dinge um sie herum. Das ist bis zu einem gewissen Grad natürlich gut, du lernst die Menschen um dich herum noch besser zu verstehen, das solltest du ihnen aber nicht zu verstehen geben, denn dann neigen auch viele Leute dazu dich dafür zu hassen. Aber ich glaube, das geht vielen anderen Leuten mit ihren Berufen auch so, ein Schreiner schaut sich bestimmt alle möglichen Möbel an und sagt, das hätte man da besser machen können, das hier, und so weiter.

Nenn uns bitte einen Künstler, von dem wir 2009 noch hören werden?

Ingrid hast du ja jetzt schon erwähnt und die ist ja nun quasi schon bekannt. Bon Iver, ich glaube aber 2008 war jetzt sein Jahr. Aber wer mir echt ans Herz gewachsen ist, ist eine junge Dame, Priscilla Ahn, sie singt auch auf „The Sparrow And The Crow“ und nimmt gerade ihr Soloalbum auf. Sie ist auch einfach eine unglaubliche Sängerin, aus dem Umfeld von Ingrid und anderen jungen sehr talentierten Damen mit fantastischen Stimmen. Die Zeiten, in denen es Frauen schwerer hatten sind ja in der Songwriterszene glücklicherweise vorbei, es gibt zwar noch Hürden, aber besonders jetzt, wo wirklich auf die echte Stimme geachtet wird, weil Konzerte ja auch immer wichtiger werden, da kommen jetzt über all diese fantastischen Sängerinnen, wie eben Ingrid und Sara Bareilles.

Noch einmal zu deinen Songs, welcher würdest du sagen ist der positivste und welcher der traurigste Song, den du bisher geschrieben hast?

Lacht Oh Mann, das ist eine klasse Frage, aber ganz ehrlich, boah, hmm. Also, ich habe sehr viele sehr traurige Songs, das ist klar. Hmm, der „happiest“, ich glaube, wenn ich „happy“ als zufrieden, oder hoffnungsvoll interpretiere, dann habe ich da sogar welche. Also, der nennen wir ihn mal „hellste“ Song ist wohl „Goodmorning“, das ist wirklich ein Stück, das voller Hoffnung steckt. Das traurigste ist aber verdammt schwer, da habe ich noch gar nicht drüber nachgedacht. Aber ich finde es toll, dass du mich einmal dazu bringst. Hmm, es ist eindeutig einer von „The Sparrow And The Crow“, da diese Gefühle noch verdammt frisch sind. Da würde ich „Find Me To Forget“ wählen, das mag ich auch ungern live singen, da der Song noch besonders schmerzt. Ja, ich glaube das ist mein traurigster Song. Da bin ich wohl auch noch nicht drüber hinweg.

Zu fröhlichen Songs, wir haben ja schon über Cary Brothers gesprochen, denkst du, du könntest so rockige, teilweise sehr fröhliche Stücke schreiben, wie er?

Oh, Cary ist ein guter Freund von mir musst du wissen, aber ich glaube deshalb fragst du. Hmm, also, solche Songs könnte ich vielleicht schreiben, aber ich könnte sie eindeutig nicht wie er live performen. Dafür fehlen mir einfach ein paar Gene, er ist einfach eine Rampensau, klingt jetzt vielleicht blöd, aber der Typ rockt. Ich habe einmal mit ihm auf der Bühne „Blue Eyes“ gesungen, ok ich stand relativ weit hinten und habe leise im Chor mit gesungen, aber ich würde es gern mal probieren, so wie Cary aufzutreten, ich glaube aber, ich würde ziemlich deplatziert oder dämlich wirken.

Was ist einfacher für dich, einen traurigen, oder einen fröhlichen, bzw. zufriedenen Song zu schreiben?

Oh Mann, hmm, ich glaube ich schreibe meinen Songs immer auch mit der Absicht etwas fröhliches, bzw. etwas Hoffnung in die Stücke zu stecken. Ich glaube aber die traurigen Stücke sind einfacher, das entwickelt sich bei mir songwriterisch natürlicher, ich möchte auch keine Gefühle erzwingen indem ich sage, verdammt das Album ist aber sehr traurig, da muss ein fröhliches Stück drauf. Mein Plan ist aber, dass das nächste Album etwas erhebender wird. Vielleicht mache ich ja in fünf Jahren ein fröhliches Pop-Album, wie Ben Folds oder so.

Fotos: William Fitzsimmons Myspace

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