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Walter Schreifels – Interview

Wir sind in der Frankfurter Konzert-Location „Das Bett“ und warten auf Walter Schreifels. Der Musiker ist auf dem Handy unerreichbar. Auch der Anruf im Hotel bringt keine Erkenntnis. Der Interviewtermin war für 18 Uhr angesetzt, es sind bereits anderthalb Stunden vergangen. Dann ein Lichtblick! „Er kommt in fünf Minuten“, so der enthusiastische Tour-Agent. Danach vergehen ca. 30 weitere, ratlose Minuten. Dann, wie aus dem Nichts kommt Walter Schreifels herein. Er wirkt sehr gelassen und lächelt freundlich. Er entschuldigt sich für die Verspätung und grüßt alle erstmal. Wie kann ein Mensch nach einem langen Flug von New York nach Frankfurt so gut gelaunt sein? Später stellt sich noch heraus, dass er sich auf dem Weg vom Frankfurt am Main Flughafen verfahren hat, das Hotel ihn erst nicht einchecken lassen wollte und er sich deshalb entschied, ein Nickerchen in seinem Mietwagen zu halten. Viele andere Musiker hätten wohl keine Lust auf ein Gespräch, aber Schreifels zieht das Interview sogar einem Soundcheck vor.

Wie kam es, dass du an so vielen Bands beteiligt warst?

Ich war involviert in Hardcore-Konzerte in kleinen New Yorker Clubs, weil ich Gitarre spielen konnte. Zwar nicht sehr gut aber gut genug. Viele Musiker verließen die Szene und so kam es, dass ich in vier Bands gleichzeitig war. Manche dieser Bands waren in der Lage zu touren und CDs zu veröffentlichen und machten sich so einen Namen.

Du warst also in so vielen Bands weil andere Leute die Szene verließen?

Zu Beginn war ich in Bands weil ich spielen konnte und dann habe ich die Gorilla Biscuits gegründet. Dann brauchten Youth of Today einen Bassisten, also war ich in diesen beiden Bands. Dann brauchte Warzone einen Bassisten, also spielte ich auch für sie.

Scheint so, als hätten gute Beziehungen zwischen den Bands geherrscht.

Ja, es war eine Szene. Eine Kameraderie….So kam es, dass 10-12 Musiker in 6 verschiedenen Bands waren.
Je mehr die Zeit verging und gerade weil ich in so vielen Bands war wollte ich ein Projekt unter meinem Namen starten, um meine Position zu finden, um der Musik einen Sinn zu verleihen und sie zu verstehen.

Auf welche Art?

Ich denke, weil ich in so vielen Bands mitgewirkt habe und sehe, dass einige Leute nur einer bestimmten Band folgen, beispielsweise nur Gorilla Biscuits, meiner ersten Band. Danach folgt für sie nichts mehr. Sie kennen den Übergang zu Quicksand nicht mehr und die Beziehung dieser Bands zueinander. Ich habe die Gorilla Biscuits -, Quicksand-, die CIV- und die Rival Schools-Songs geschrieben und dann schrieb ich die Walking Concerts Songs. Du könntest Walking Concerts mögen aber noch nie von Gorilla Biscuits gehört haben. Oder du könntest Rival Schools mögen und nie erfahren wer Quicksand ist.

Die musikalischen Unterschiede zwischen den Bands sind auch sehr groß.

Stimmt, ich wollte immer auf eine Art und Weise anders sein. Gorilla Biscuits war meine erste Band, dann kamen Quicksand, aber die sah ich nicht als meine Band an, da ich nicht an allen Songs beteiligt war. Ich wollte dann einfach nicht mehr diese Art von Musik machen. Deshalb gründete ich andere Projekte mit anderen Namen, um sie abzugrenzen. Ich mochte immer das Konzept „Band“ – wie sie heißt, wie ihre Optik ist, wo sie herkommen. Und jetzt mache ich ein Solo-Projekt um das Ganze ursprünglicher zu erfahren.

Du bist bereits seit den 80ern in Bands, warum hast du dich gerade jetzt entschieden solo zu spielen?

Äh…mir fiel einfach kein anderer Bandname mehr ein. (schmunzelt). Ich hatte auch keine Lust mehr auf Künstlernamen, also habe ich mich für meinen eigenen Namen entschieden. Ich kann meine beste Arbeit, meine größte Leistung in diese Musik stecken und Menschen befriedigen, dadurch, dass sie eine Verbindung zu mir aufbauen. Darauf kann ich dann wiederum aufbauen. Nicht, dass das jetzt ein origineller Grund wäre, aber genauso wollte ich das tun. Ich mag es auch, dass ich alleine von New York nach Frankfurt kommen kann wie heute, orientierungslos in meinem Auto herumfahren kann. In dieser ganzen Zeit ist die einzige Person mit der du redest du selbst. Ich finde das ist gut. Es macht Spaß. Ich könnte das kein ganzes Jahr so genießen, aber für zwei Wochen finde ich das sehr interessant.

Bist du oft in New York?

Ich lebte ein paar Jahre lang in Berlin, aber jetzt wohne ich wieder in New York. Dieses Jahr habe ich den Sommer in Berlin gebracht. In New York habe ich momentan viel am Start. Meine ganze Familie wohnt dort und ich habe eine Tochter, ich will, dass sie viel mit ihren Großeltern machen kann. Außerdem kommt ja bald das neue Rival Schools-Album heraus, an dem ich dort arbeite.

Bin sehr gespannt darauf! Du hast deutsche Vorfahren.

Ja, mein Großvater war Deutscher. Er ist vor langer Zeit verstorben. Ich kenne keinen meiner Verwandten in Deutschland. Ich habe noch niemanden von ihnen getroffen. Es wäre komisch. Der Kontakt ist schon lange abgebrochen. Mein Großvater siedelte ja auch schon 1927 nach Amerika über.

Was war der Grund für den Umzug nach Berlin? Denn offensichtlich hat New York eine tolle Musikszene und Musiker scheinen dort größere Chancen auf internationalen Erfolg zu haben.

Sicher, aber ich suche nicht nach solchen Chancen. Ich habe mein Publikum und ich kann darauf aufbauen. Mich interessiert das Leben in Berlin. Ich habe viele Freunde dort und es ist relativ günstig und interessant.

Was denkst du über die deutsche Musikszene und Fans?

Ich kenne mich am besten mit der Hamburger Schule aus, der deutschen Indierock-Szene. Ich bin befreundet mit vielen dieser Leute. Es ist toll, dass ich die deutsche Musik kennenlernen konnte. Das habe ich meinen häufigen Besuchen in Deutschland zu verdanken. In Amerika hätte ich die Szene hier nie kennengelernt.

Wieso glaubst du, dass britische und US-amerikanische Bands international mehr Chancen haben?

Ich glaube, das liegt an der mangelnden Fähigkeit gut Englisch zu sprechen. Es gibt deutsche Bands, die dies tun, aber nicht gut genug. Die Schweden sprechen ein gutes Englisch und wissen wie man es singt. Deutsche haben es nicht ganz so gut drauf.

Ich habe gehört in Schweden werden englischsprachige Filme im Fernsehen nicht synchronisiert. Hier in Deutschland ist das Gang und Gebe.

Das hat aber auch gute Seiten. Denn ohne Synchronisation gäbe es weniger Synchronsprecher-Jobs. Die deutschen wollen ihre Sprache am Leben halten, in Frankreich ist das ähnlich. Franzosen sprechen auch kein gutes Englisch. Es ist aber schön wenn sie es können.

Kannst du es dir vorstellen wieder härtere Musik zu machen?

Ist schon geschehen. Ich war mit Gorilla Biscuits auf Reunion-Tour. Wir wollten nichts Neues erschaffen, wir wollten nur die Songs spielen und unseren Spaß haben. Ich weiß nicht, ob ich noch die richtige Person für die typischen Hardcore-Gesten wäre.

Hardcore hat eine sehr raue Energie.

Genau! Und danach sehne ich mich nicht mehr. Ich spüre eine Verbindung zur Kultur, denn dort liegen meine Wurzeln. Es wird immer ein wenig „Mosh“ in meiner Musik geben, komme was wolle. Viele Songs, die ich jetzt schreibe könnten Hardcore-Songs sein, wenn ich sie schneller spielen und ab und zu schreien würde.
Die Struktur ist ähnlich, meine Ästhetik ist ähnlich, aber ich will andere Reaktionen hervorrufen.

Warst du jemals „Straight Edge“?

Ja, ich fühlte mich dem Straight Edge –Lifestyle sehr verbunden. Als ich die ersten Schritte in die Hardcore-Szene unternahm hatten Bands wie Minor Threat einen großen Einfluss auf mich.

Straight Edge bedeutet die Ablehnung von Drogen, Alkohol…

..und Sex, aber das war nicht wegen Straight Edge, es war Realität…(grinst). Dann kam Vegetarismus und Veganismus, was ich dann auch verfolgte. Als Punk kam, wollte ich Punk sein, dann wollte ich Hardcore sein, dann Straight Edge, wodurch ich erst Vegetarier und dann Veganer wurde. Als ich all diese Dinge vereinte, dachte ich mir: „Jetzt will ich Gras rauchen!“ Ich wollte einfach mit diesen verschiedenen Dingen experimentieren und trage sie immer noch mit mir. Speziell Straight Edge. Es gab eine Zeit, in der viele Musiker um mich herum viel tranken und viele Drogen konsumierten, was ich nicht tat.

Sehr gut! Die Hardcore-Szene hat viele Poser. Glaubst du diese Situation hat sich verschlimmert?

Darüber kann ich nichts Schlechtes sagen, denn ich habe nicht die Berechtigung das zu Beurteilen. Früher haben Leute schnell das Image der „harte Kerle“-Musik kreiert, aber das bin ich nicht. Ich habe mich eher mit der Musik verbunden gefühlt. Ich mochte die Musik, die Lyrics und die Energie. Aber dann wurde mir klar, dass es keine Mädchen gab. Keine Mädchen und ich war kein harter Kerl, also hatte ich dort nichts mehr zu suchen.

Keine Mädchen?

Es gab einige Mädchen aber es ist eher eine Männerszene. Was nichts Schlechtes sein muss, aber nach einer Weile fühlte ich, dass es da mehr geben muss. Das denke ich aber immer.

Glaubst du, dass du mit deiner jetzigen Musik mehr Freiheiten hast?

Absolut! Ich kann jetzt mehr ich selbst sein. Ich muss nichts vorgeben zu sein. Solange die Musik ehrlich und gut ist, dann ist das cool. Ich muss sie nicht besonders wichtig machen, sie muss niemandes Leben verändern. Sie kann einfach eine schöne Melodie sein oder etwas lustiges oder trauriges. Ich singe so, wie ich spreche und das mag ich.

Welche Szene meinst du mit „An Open Letter To The Scene“?

Mit der Szene meine ich jede Szene. Alles ist eine Szene…Deine Freunde, Familie – ich habe eine große Familie, die Arbeit. Alles ist eine Szene. Mein Album ist für jedermann und dieses Album ist eine Einladung.

Einladung zu was?

Zu guten Songs und verschiedenen Eindrücken. Du könntest es auch als Einladung in die Hardcore-Welt sehen, von der ich komme. Aber es geht auch um alltägliche Dinge, traurige Filme, filmische, lustige Dinge. Das Album hat ein eigenes Feeling und ich wollte, dass es eine Einladung zu diesen Elementen ist.

Denkst du dein jetziges Projekt wird langlebiger sein als deine vorigen?

Ich kann schlecht meinen Namen aufgeben, also denke ich schon. Heute werden viele Leute im Publikum sein, die Fans dieser oder jener Band von mir sind. Mein Ziel ist es, sie für mein Soloprojekt zu begeistern. „An Open Letter To The Scene“ ist mein erstes eigenes Album. Ich arbeite bereits an einem zweiten Album, das nächstes Jahr herauskommt. Mein Plan ist es eine Trilogie von Alben zu veröffentlichen, die alle durch ein ähnliches Artwork verbunden sind. Das ist der Plan. Dann kann ich darauf zurückblicken und denken: „Wow, das ist wie Herr Der Ringe!“

Mit diesem Projekt bin ich viel freier. Mit Rival Schools zu touren ist toll, aber das sind drei andere Leute, die ein eigenes Leben und Kinder haben. Mit meinem Projekt muss ich keine Rücksicht auf andere nehmen.

Dein kommendes Album hat einen sehr interessanten Titel.

„Jesus Is My Favourite Beatle“, das ist momentan der Arbeitstitel.

Bist du ein Beatles-Fan?

Viele meiner Lieblingsbands sind britisch, wie die Beatles, Rolling Stones und Pink Floyd. Es gibt so viele englische Bands, die ich liebe –The Kinks…Als Amerikaner liebe ich aber auch Bob Dylan und Hardcore. Ich fühle mich als Teil amerikanischer Musik. Daher kommt der Titel „Jesus Is My Favourite Beatle“. Jesus ist für mich Amerika…Mit Jesus assoziiere ich Elvis Presley und „crazy America“ irgendwie. Denn Amerika ist sehr religiös auf verrückte Weise. Religion wird auf eine populäre Art zelebriert.

Bist du religiös?

Nein, aber meine Familie ist katholisch. Einige meiner Verwandten sind sehr religiös. Manchmal möchte ich ihnen meine Meinung über bestimmte Dinge nicht mitteilen und bekomme ein schlechtes Gewissen. Bei mir hat es einfach nicht klick gemacht.

Was hältst du von politischer Musik? Hardcore war ja auch oft politisch beeinflusst.

Ich konnte mich damit nie anfreunden. Obwohl ich oft über Politik lese und eine Meinung darüber habe, möchte ich sie nicht mitteilen. Ich höre mir gerne die Meinungen anderer an, aber manchmal möchten Leute dich beeinflussen, deinen Standpunkt ändern. Mit meiner Musik möchte ich das nicht erreichen. Bob Dylan hat großartige Songs geschrieben, aber die beeinflussen dich eher spirituell, Rage Against The Machine dagegen machen dies auf didaktische Art und Weise. Fugazi tun das mehr durch ihre Aktionen und durch ihre Vorbildfunktion und waren für mich politisch motivierend. Generell finde ich politische Musik aber ermüdend.

Du hast ein eigenes Label.

Das Label existiert nicht mehr.

Warum?

Wir waren drei Leute, die gleich viel zu dem Label beigetragen hatten. Wir nahmen aber Bands unter Vertrag, von denen nicht alle genug gegeben haben. Es gab trotzdem einige Platten, die sich gut verkauften. Am Ende waren wir in der Situation, dass nur einer von uns die finanziellen Möglichkeiten hatte, die Firma am Leben zu erhalten. Das wollte ich aber nicht, denn dann hätte ich keine Kontrolle mehr darüber gehabt und die Person hätte das ganze Risiko alleine auf sich nehmen müssen. Wir haben aber sehr gute Platten herausgebracht und hatten heute erfolgreiche Bands wie Thursday, Taking Back Sunday, Glassjaw und The Movielife abgelehnt…Jetzt schauen wir zurück auf das, was wir herausgebracht haben und denken: „Was?!“ Wir haben halt das herausgebracht, was wir in dem Moment für gut befanden. Die, die unsere Bands mochten, mochten sie sehr und andere interessierten sich nicht dafür. Aber das ist ok.

Findest Du die Musikindustrie hat es heute schwerer?

Die Plattenfirmen haben nicht mehr genug Geld und es gibt mehr Bands denn je. Es ist schwieriger die Aufmerksamkeit von Leuten auf eine bestimmte Band zu lenken. Mein Kompromiss ist eine MySpace-Seite, aber dafür mache ich die Musik nicht. Ich möchte einfach das Leute meine Musik hören und ich dadurch meine eigene Welt aufbauen kann. Musik ist eine Aufforderung etwas zu tun. Es kann dich dazu bringen zu hinterfragen, wer ich bin und was ich mache. Deswegen interviewst du mich auch gerade. Aber auf MySpace geschieht dieser Prozess auf direktere Weise. Deine ganze Identität ist auf der Seite. Manchmal kann das ganz nett sein, denn dadurch habe ich auch gute Menschen kennengelernt. Wie dieser Typ, der eine Facebook-Gruppe für mich gründen wollte, womit ich natürlich lange in Verzug bin. Aber keiner geht mehr auf MySpace, also muss ich immer nach neuen Sachen Ausschau halten.

Twitter zum Beispiel.

Ich habe eine Twitter-Seite, auf der ich nicht oft, aber gelegentlich poste. Es ist gut für Musiker. Langsam gewöhne ich mich dran.

Wie sieht für dich die Musikszene der Zukunft aus?

Hm…ich denke Beziehungen werden noch wichtiger werden. Vieles wird so bleiben wie es jetzt ist, aber noch globaler werden. Zum Beispiel, wenn die Stadt eine Band für eine Veranstaltung bräuchte, würde sie sie bezahlen, wenn ein reicher Typ eine Band für den Musikunterricht seiner Kinder bräuchte, würde er sie bezahlen. Es würde ein solches Zahlsystem entstehen. Alles würde direkter über die Bands ablaufen. Das gibt es zwar jetzt schon, aber in Zukunft wird diese Art der Bezahlung vielleicht internationaler.

Fotos: Patricia Jankowski und Asiye WhiteTapes

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