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Villagers – Interview

Mit „Becoming A Jackal“ veröffentlichte Conor J. O’Brien in diesem Jahr ein beeindruckendes Debüt mit seinem Projekt Villagers, dass er auch auf dem diesjährigen Haldern Pop mit einer intensiven Show präsentierte. Kurz vor seinem Konzert im Kölner Luxor baten wir ihn nun zu einem kurzen Interview, um mit ihm über das Album, sein Projekt Villagers und seine Vergangenheit in seiner ersten Band The Immediate zu sprechen.

Du hast bereits einmal ein Debüt-Album mit deiner ersten Band The Immediate veröffentlicht, wie fühlt es sich da an mit Villagers wieder wie ein Newcomer behandelt zu werden?

Nun, es ist ok für mich. Es ist toll ein Newcomer zu sein. Aber meine ersten Erfahrungen als Villagers waren in Irland, wo ich herkomme. Dort wurde ich nicht wirklich als Newcomer behandelt, weil viele dort mich von The Immediate kannten. Da war es dann eher so, dass die Leute sagten, „das ist der Typ von The Immediate, der jetzt eigene Songs spielt“. Außerhalb von Irland ist das  aber alles neu und aufregend so aufgenommen zu werden.

Bei The Immediate hast du ja schon einiges über die Musikindustrie und ihre Fallen gelernt. Hast du bei Villagers nun etwas bewusster auf bestimmte Dinge geachtet?

Ja. Ich glaube, ich wollte den Schreibprozess und das Einspielen der Instrumente nun noch mehr selbst steuern. Deshalb habe ich mich entschieden, statt eine neue Band zu gründen, alles solo zu machen. Ich hätte eine neue Band auch als irgendwie falsch empfunden. Ich bin mit den Jungs von The Immediate aufgewachsen und wir waren immer befreundet. Als wir uns getrennt haben, war das wie das Ende einer Beziehung. Deshalb empfand ich es nicht fair gegenüber den anderen direkt eine neue Band zu gründen und habe es vorgezogen, lieber mein Ding zu machen. Aber ich glaube, was ich von The Immediate vor allem gelernt habe, ist Dinge nicht mehr ganz so ernst zu nehmen. Ich habe viel Kraft in The Immediate investiert, um die Band immer am Proben zu halten, neue Stücke zu schreiben und Konzerte zu organisieren, um uns weiter zu bringen. Ich war davon so getrieben, dass ich mich irgendwann ziemlich ausgelaugt fühlte. Jetzt kann ich mich auch mal zurück lehnen. Es ist natürlich nicht so, dass ich nicht erfolgreich sein möchte, aber es ist nicht mehr alles für mich. Ich möchte mich vor allem aufs Songwriting beschränken und alles was damit kommt ist ok für mich. Und wenn ich davon leben könnte, wäre das natürlich super. Aber wenn ich in zwei Jahren noch immer Songs schreiben kann, reicht mir das auch.

Ich finde, „Becoming A Jackal“ ist ein sehr poetisches Album, das sehr spielerisch mit Worten und Musik umgeht. Lässt du dich von Literatur, Gedichten und Ähnlichem inspirieren?

Ja, dieses Album ist schon fast eine Hommage an „Narziß und Goldmund“ von Hermann Hesse. Ein großartiges Buch, das Beste, das ich bisher gelesen habe. Ich hatte das Gefühl, eine Album-Version davon zu schreiben, nachdem ich es gelesen habe. Als ich die Hälfte des Albums geschrieben hatte, kam ich irgendwie ins Stocken, da hat mir ein Freund, genau genommen mein bester Freund, der in Berlin lebt – er spielte auch mit in The Immediate – das Buch zum Geburtstag geschenkt. Ich las es und es hat mir geholfen, das Album fertig zu stellen. Nach dem lesen habe ich noch einmal sieben weitere Stücke geschrieben. Über Veränderung, Erwachsenwerden und auf Reisen gehen. Es gibt aber noch viele andere Gedichte und Bücher, die mich beeindruckt haben. Ich habe Literaturwissenschaft studiert, da kommt das glaube ich ganz natürlich.

Das Album scheint auch einer gewissen irischen Tradition des Geschichtenerzählens zu folgen, war es dir wichtig ein Album als zusammenhängende Geschichte zu kreieren?

Ich denke schon. Also, die Frage ist schwierig. Ich denke, es gibt natürlich eine alte Tradition des Geschichtenerzählens in Irland. Ich bin allerdings in einer Phase des Wirtschaftsbooms in einem Vorort von Dublin aufgewachsen und alles war irgendwie amerikanisch. Deshalb wurde ich vielmehr durch die amerikanische Kultur als durch irische Traditionen beeinflusst. Aber in der Schule lernst du natürlich all diese alten irischen Geschichten, Sagen und Erzählungen. In vielen davon geht es um seltsame Verwandlungen, Übermenschliches und Mystisches.

Wie bei Cú Chulainn?

Ja genau, solches Zeug. Von so etwas war ich als Kind natürlich sehr fasziniert. Wahrscheinlich hat mich das auch beeinflusst, aber ich würde nicht so weit gehen zu sagen, ich setzte irgendeine Tradition fort.

Du erwähntest bereits die amerikanische Kultur, denkst du, dass du auch deshalb, weil du davon beeinflusst wurdest, häufig mit Elliott Smith und Conor Oberst verglichen wirst?

Vermutlich, aber das ist in Ordnung. Das mit Bright Eyes kommt wohl auch daher, dass wir uns den Vornamen teilen und ich dann auch noch aussehe, wie eine Version von Conor Oberst mit etwas runderem Gesicht. Dann habe ich auch noch schwarzes Haar und diese komische Frisur. Aber ich mag Bright Eyes auch sehr, das ist in Ordnung. Ich mag auch Elliott Smith sehr. Als ich dieses Album aufgenommen habe, habe ich ständig Elliott Smith gehört. Vielleicht habe ich ihn aus Versehen sogar ein wenig kopiert. Aber das hat er ja auch gemacht und nur davon lebt die Musikindustrie.

Ihr habt dieses Jahr auch ein umwerfendes Konzert beim Haldern Pop gespielt.

Ja, das war unfassbar, wir waren so gut [lacht]

Was denkst du über das Festival und was hat es für euch so besonders gemacht?

Es war unser Lieblings-Konzert dieses Jahr, oder vielleicht sogar jemals als Villagers. Warum weiß ich gar nicht genau. Besonders, wenn Festivals so klein sind, dann entsteht schnell eine besondere Atmosphäre. Alle sind dort dann wirklich nur wegen der Musik und sind wirklich aufmerksam. Als wir dann die Bühne betraten, war uns klar, wir würden in diesem wunderschönen Zelt spielen und die Leute haben vor uns schon viele andere tolle Musiker gesehen. Wir haben uns richtig darauf gefreut und wollten den Leuten ein richtiges Erlebnis bieten. Wir haben es für uns geschafft, deshalb habe ich auch am nächsten Tag bei Twitter oder Facebook geschrieben „we’re all in agreement that last night was one of our favourite shows ever“.

Hattest du auch die Gelegenheit einige andere Bands dort zu sehen?

Ja, ich habe ein wenig von The National gesehen. Wir sind aber sonst Backstage ein wenig verloren gegangen, weil wir etwas zu ausgiebig unsere Show gefeiert haben. Dort hat man uns jede Menge Vodka gegeben, deshalb weiß ich auch nicht mehr genau, wie die Feier so war.

Du wirst heute ja von Daniel Benjamin unterstützt, der auch eng mit Haldern Pop verbunden ist, unter anderem veröffentlicht er seine Alben auf dem Haldern Pop Label.

Ehrlich, die haben ein Label? Cool. Er wirkt wie ein netter Typ und ich denke, wir werden uns gut verstehen. Er ist glaube ich auch 27, wie wir, oder?

Ich glaube schon.

Es ist wichtig, wenn Supports etwa in meinem Alter sind, dann findet sich irgendwie schneller eine gemeinsame Basis.

Was man ja auch an der Musik von Daniel Benjamin und insbesondere auch am Line-Up des Haldern Pop gesehen hat, ist, dass es einen riesigen Folk-Hype gibt. Was hälst du davon?

Ich glaube, die Labels haben frühzeitig erkannt, dass da was zu holen ist und haben früh auf Bands mit Folk-Sound gesetzt. Ich glaube Daniel hat vermutlich schon immer solche Musik gemacht und meine Musik würde ich auch nicht Folk nennen, es ist eher so, dass ich zur Akustik-Gitarre gegriffen habe und viele mich deshalb nun als Folk-Musiker bezeichnen. Der Markt diktiert nun eben Akustik-Gitarren, Kontrabass und schwülstigen Gesang. Plötzlich spielen Bands akustische Musik und werden dafür gefeiert.

Selbst wenn es nicht sehr originell ist, wie bei Mumford & Sons.

(Lacht hämisch) Das hast du jetzt gesagt, aber es stimmt auch. Also, ich fühle mich nicht irgendeiner Szene zugehörig, nur weil ich eine akustische Gitarre spiele. Ich glaube auch nicht, dass die nun erfolgreichen Folk-Bands das irgendwie speziell machen, aber so hat sich das eben entwickelt. 2001 waren es The Strokes, jetzt sind Mumford & Sons cool, aber die können in drei Jahren auch schon von der Bildfläche verschwunden sein.

Während des Interviews schweift Conor’s Blick immer wieder über die Wand am Ende des Büros, in dem wir sitzen und schaut sich die Sticker von Bands an, die bereits im Luxor aufgetreten sind.

Die Wand ist cool, ist so etwas wie Geschichte des Clubs.

Da ist auch ein Sticker von Frightened Rabbit, die haben wir bei unserem letzten Besuch hier auch gesehen.

Frightened Rabbit? Oh man! Überall wo wir hinkommen, waren Frightened Rabbit bereits vor uns. Sogar als wir in Amerika waren, hieß es in jedem Club „Frightened Rabbit“ haben hier letztens gespielt. Wir haben sie auch schon ein paar Mal getroffen und inzwischen machen sie einen Scherz daraus und sagen dem Barmann, „grüß Villagers von uns, wenn sie mal hier auftauchen“. Jetzt kommen wirklich ständig Barleute an und richten uns Grüße von den Jungs aus. Das ist cool.

Das ist jetzt deine erste Tour mit Band in Deutschland, bist du aufgeregt?

Klar, es ist sehr aufregend. Bisher war jedes Mal, wenn ich in Deutschland war, großartig. Die Leute hier sind sehr aufmerksam und widmen sich wirklich einem Live-Erlebnis. Das macht wirklich Spaß hier. Wir wollen auch bald wieder zurück kommen.

“Becoming A Jackal“ wurde für den Mercury Price nominiert, wie hat sich das angefühlt? Denkst du, mit The XX hat die richtige Band gewonnen?

Ich war zunächst überrascht, aber auch aufgeregt. Auf der Zeremonie fühlte ich mich ein wenig Fehl am Platze. Da gab es auch diese Sache mit dem roten Teppich, das war total seltsam. Ich habe das auch nicht zu ernst genommen, ich bin da hingegangen, habe meinen Song gespielt und ein wenig Spaß gemacht. Mit The XX haben auf jeden Fall die richtigen gewonnen. Ihr Album war ziemlich cool und hatte auch einen riesigen Hype bekommen. Ich war eher Außenseiter und wollte auch gar nicht, dass Leute auf diesem Wege von Villagers hören. Sie sollen den Namen empfohlen bekommen, deshalb spiele ich auch ständig Sessions. Wo immer Leute mit Kameras wollen, dass ich einen Song spiele, freue ich mich.

Das Album wurde über Domino Records veröffentlicht. Wie sind sie auf dich aufmerksam geworden?

Jemand vom Label ist zu einem meiner Konzerte gekommen. Also, es war das zweite Villagers Konzert und wir haben Cass McCombs supportet, der auch auf Domino ist. Ein lokaler Promoter hat uns dieses Konzert verschafft und wir waren sehr aufgeregt. Ein Typ namens Harry, der in einer Niederlassung von Domino in Dublin arbeitet, war da und hat uns gesehen. Danach waren wir als Support auf Tour mit Bell X1, die sehr groß in Irland und England sind. Harry hat dann seinen englischen Kollegen gesagt, sie sollen uns mal anschauen. Die Leute waren dann beim Konzert im Londoner Scala und haben uns kurz danach einen Vertrag angeboten.

So kamt ihr auch an den Support-Slot bei Pavement?

Ja, aber das mussten wir leider aus familiären Gründen absagen, das war so schade.

Worauf freust du dich als nächstes?

Zunächst auf die Deutschland-Tour. Danach habe ich drei Tage frei, dann kommt die England-Tour und die Irland-Tour. Dann Weihnachten und im Januar habe ich frei und werde neue Songs schreiben. Dann werde ich in Italien spielen, dann Australien. Hoffentlich bald auch wieder Deutschland. Also, ich freue mich auf die nächsten Monate.

Du sprachst Weihnachten an. Könntest du dir auch vorstellen eine Weihnachts-Single aufzunehmen?

Das wurde uns schon vom Label angetragen, ich glaube aber nicht, dass wir das machen. Ich freue mich vielmehr zeitlose Songs zu veröffentlichen. Wir machen bald auch was ganz besonderes mit einem Neil Young Cover. Der Song „Old Man“ wird im Januar über eine große Zeitschrift veröffentlicht, ich sage aber nicht welche.

Fotos: Ariane WhiteTapes, gemacht beim Köln-Konzert, mehr davon hier,

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