Interviews

St. Vincent – Interview

Nach Ihrer Tour als Support von Sufjan Stevens im Herbst 2006 kehrte Annie Clark am 02. Dezember nach Deutschland zurück. Im Gebäude 9 hatten wir die Gelegenheit sie vor ihrem Konzert zum Interview zu bitten.

Hi Annie, vielen Dank, dass du uns ein wenig Zeit für uns hast, legen wir direkt los. „Marry Me“ kam im September hier in Deutschland raus, warum hast du dich für diesen Titel entschieden?Ich bin ein großer Fan von schwarzem Humor und ich fand den Titel irgendwie lustig, eine kleine alberne irrelevante Sache und ich sehe es außerdem als eine Verneigung vor meiner Lieblings-TV-Sendung „Arrested Development“. Eine Sendung, die so viel schwarzen Humor hat, dass sie auch fast schon zu smart für die amerikanische Fernsehlandschaft und (fügt kleinlaut hinzu) generell für Amerika war.

Im Internet war noch zu lesen, dass der Titel nach dem Artwork entstanden ist, wo du allein auf dem Titel abgebildet bist und wirken würdest, wie eine Prinzessin, die in einem Verlies auf ihre Befreiung durch die Hochzeit mit einem Prinzen hofft, wozu auch das kleine „Marry Me“, das über deinem Kopf schwebt, passt.

(lacht) Das ist eine großartige Interpretation, ich liebe solche Sachen, das dürfte die kreativste Interpretation sein, die ich dazu gehört habe. Aber ich denke, mein Haar müsste noch etwas länger sein, so etwas Rapunzelartig. Aber ja, jetzt sehe ich auch das Verlies auf dem Cover (O-Ton: “but yes, definitely dark chambers“)

Noch eine Frage zum Album, deine Plattenfirma beschreibt es als Soundtrack zum Paris der 20er Jahre. Wie würdest du es beschreiben?

Haben sie das gesagt?

Ja, zumindest in der Pressemitteilung, die man so im Internet lesen kann.

(lacht) Man sollte sich die Pressemitteilungen durchlesen, bevor die Plattenfirmen sie rausschicken. Ich denke, ich würde das Album als heilend, emotional, liebenswert und albern beschreiben. Ich versuche dunkle Bilder mit ein bisschen Humor zu verbinden.

Bei den Bildern, die du benutzt, verwendest du häufig religiöse Andeutungen, angefangen bei deinem Künstlernamen „St. Vincent“, über dein Lied „Jesus Saves, I Spend“, oder das Symbol mit Maria und Joseph bei „Marry Me“, hier benutzt du sogar ein religiöses Bild, um eine sexuelle Anspielung zu machen. Bist du sehr religiös?

Hmm, ich religiös… Ich habe die religiösen Bilder gewählt, weil es in Amerika unmöglich ist Religion zu entfliehen. Deshalb schleicht sich auch die christliche Mythologie in unser Unterbewusstsein, diese Geschichten kennt jeder, es war also eher der Versuch religiöse Bilder zu nutzen, um die Aussagen meiner Songs mit bekannten Vergleichen klarer zu machen.

Also liegt es nicht daran, dass du in einer Großfamilie mit sehr religiösem Hintergrund aufgewachsen bist?

Ja stimmt, ich bin unter dem Einfluss von Religion aufgewachsen, meine Eltern waren katholisch, dass war also mein Einstieg.

Du hast 8 Geschwister?

Ja, ich habe 4 Brüder und 4 Schwestern.

Wow, ich habe zwar selber 3 Brüder und eine Schwester, kann mir aber trotzdem nicht vorstellen, wie es ist mit so vielen aufzuwachsen.

Es ist toll, ich glaube, du lernst viel über Menschen, wenn du von so vielen umgeben bist.

Ist das der Grund für deine Solokarriere, die Suche nach einem Stück Individualismus von einer großen Gruppe? Nicht, dass The Polyphonic Spree jetzt klein gewesen wären, aber ich denke, du weißt was wir meinen.

Hmm, ja mit The Polyphonic Spree und Sufjan war ich eine Musikerin in einer Band, ich war nicht wirklich am Songwriting beteiligt.

Das erinnert uns an „Jesus Saves, I Spend“, im Internet war hierzu eine Interpretation: du im Hintergrund am Piano, während vorne auf der Bühne Sufjan Jesus predigt.

Nein, der Song entstand schon lange bevor ich mit Sufjan gespielt habe. Sufjan ist ein großartiger Kerl, ich sehe ihn auch nicht als Prediger oder so. Woher war denn die Interpretation, würde gern mal erfahren, wie die Leute meine Songs so interpretieren.

Letztes Jahr waren wir auf dem Sufjan Stevens Konzert hier in Köln, wo du ihn supported hast.

Oh ja, das war großartig.

An diesem Abend hast du gesagt, dass du einen Liebesbrief in Köln versteckt hast. Weißt du noch wo, oder denkst du jemand hat ihn gefunden?

Der wurde wahrscheinlich von irgendwem gefunden und ist jetzt vermutlich in Istanbul oder so, diese Briefe sind wie Federn im Wind.

Also hat sich niemand bei dir gemeldet und meinte, „Annie, ich liebe dich auch“?

Nein, der Schlüssel zu meinen Liebesbriefen ist, dass ich keinen Namen darauf schreibe.

Eher ein Liebesbrief an die Öffentlichkeit also?

Ja, ich denke ein Mysterium der Gegenwart.

Annie Clark

Foto: Annie Clark

Wir haben noch eine Frage zu deinem Blog. Hast du das Piano wirklich gespielt, bis deine Finger geblutet haben?

Ja und nein, ich habe Now Now gespielt und mich in das Solo am Ende reingesteigert. Dabei habe ich mich geschnitten, du kannst hier noch die Narbe sehen (Annie zeigt uns ihren Daumen, an dem wirklich eine kleine Narbe zu sehen ist), es aber nicht gemerkt. Ich hatte ein weißes Kleid an, es war dunkel und ich bin ans Piano gegangen. Beim Spielen habe ich dann gemerkt, da ist irgendeine Flüssigkeit, dann ging das Licht an und mein Kleid und das Piano waren voller Blut. Ich denke, wenn du nicht blutest, spielst du nicht hart genug (lacht).

Das haben wir uns auch gedacht, als wir das Bild in deinem Blog gesehen haben. Wir dachten: das ist Hingabe!
Du hast auch für die Blogotheque eine Session gespielt, wo du auf einem Bett liegend „Marry Me“ gespielt hast und bei „Jesus Saves, I Spend“ das ganze Interieur der Wohnung zu Instrumenten umfunktioniert hast. Was hälst du von dem Konzept?

Ich denke, es ist fantastisch, diese Leute, die es machen sind so umwerfend französisch und so enthusiastisch und haben schöne Ideen der Musik die sie lieben Ausdruck zu verleihen.

Eine Frage noch zum Internet, es gewinnt in Zeiten des Web 2.0 ungebremst an Bedeutung, denkst du, es wird die Musik ruinieren, oder ist es eine riesige Chance für Musik?

Ich denke, jedes machtvolle Werkzeug, wie das Internet ist ein zweischneidiges Schwert. In meinem Fall war das Internet unglaublich wichtig. Ich war noch von keinem Label unter Vertrag genommen und hatte auch keine Kontakte in der Szene, geschweige denn einen Plan oder andere Wege mein Album heraus zu bringen. Ich habe 4 Lieder auf mein Myspace gestellt und ab dann ist es enorm gewachsen, ich habe immer mehr Nachrichten auf Myspace bekommen, darunter auch eine Anfrage meiner jetzigen Plattenfirma. Für mich ist dieses Medium also sehr hilfreich gewesen. Ich denke, dass auch Plattenfirmen profitieren, da sie ja nun nur noch ins Internet gehen müssen, um neue Bands zu entdecken. Das meiste Geld wird heute ohnehin nicht mehr über Plattenverkäufe gemacht, sondern durch Touren.

Ok, noch einmal zu deiner Tour mit Sufjan. Letztes Jahr warst du hier als Support von Sufjan um deine EP „Paris is Burning“ vor zu stellen, wie fühlt es sich an, jetzt der Headliner zu sein?

Es ist toll, ich freue mich, zurück hier in Deutschland, besonders in Köln zu sein, es war eine so wunderbare Zeit. Es ist aufregend. Du blickst zurück auf ein Jahr und merkst, es ist eine sehr kurze Zeitspanne. Ich habe 281 Tage des letzten Jahres auf Tour verbracht, es kann zwar erschöpfend sein, aber die meiste Zeit ist es einfach toll.

Du musst unbedingt einmal im Sommer wiederkommen, damit du siehst, dass wir auch gutes Wetter hier in Deutschland haben, du warst ja bisher nur im Herbst da.

Ja, das würde mich riesig freuen, ich war noch nie im Sommer in Deutschland. Aber ich mag es sehr (schaut fast ein wenig verträumt zur nicht dicht schließenden Tür).

Du musst wissen, wir haben tolles Wetter, jetzt vielleicht nicht so wie in Texas, aber es gibt hier nicht nur Regen und Sturm.

Ich finde es so auch großartig, in Texas ist es doch immer gleich… heiß…

Ok, an dieser Stelle sind wir dann durch, hast du vielleicht noch irgendwelche Fragen an uns?

(lächelt, überlegt) Fragen an euch…. (sie schaut nach oben, ihr Lächeln wird verlegener) nein, ich glaube nicht. (lacht) mein Kopf ist ganz leer, ich kann an nichts anderes als an die Tamburine in meinem Kopf denken. So kann ich mich gar nicht richtig konzentrieren.
(die liebenswürdigste Antwort, die man sich wahrscheinlich vorstellen kann)

Dann bedanken wir uns ganz herzlich dafür, dass du ein wenig Zeit für uns hattest und wünschen natürlich ganz viel glück für deinen Auftritt gleich.

Fotos: Ariane

Ursprünglich durchgeführt im Auftrag von und veröffentlicht bei Hififi.de

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