Interviews

Patrick Wolf – Interview

In knapp drei Wochen veröffentlicht das Londoner Pop-Wunderkind Patrick Wolf sein mittlerweile fünftes Album „Lupercalia“. Ein Werk über die große Liebe mit großen Gesten und noch größeren Melodien. Kurz vor dem Release stand Patrick Wolf uns nun Rede und Antwort zum Album, zum Entstehungsprozess und vielem mehr.

Im Juni veröffentlichst du dein fünftes Album „Lupercalia“. Erzähl uns etwas über den Albumtitel, bitte.

Den Albumtitel hab ich nach einer Recherche zum Thema Liebe und den Ursprüngen der Liebe gefunden. Dabei kam ich natürlich auch zum Valentinstag und seinen Ursprüngen. Da gab es dieses Fest, zu dem Menschen vor langer Zeit zusammen kamen, um Liebe zu feiern. Dieses Fest hieß „Lupercalia“. Ich hab mich dafür dann sehr begeistert, weil damit auch Wölfe geehrt wurden, wie der Name ja schon sagt. Das fand ich sehr passend und so beschloss ich, das Album „Lupercalia“ zu nennen. Damit wollte ich auch die Liebe, die damals in den Straßen von Rom gefeiert wurde, in eine andere Umgebung verpflanzen und habe dafür das heutige London gewählt. Für mich hat das gut funktioniert und ich hoffe, das tut es auch für die, die es hören.

Also ist Liebe für dich auch eindeutig das Hauptthema des Albums?

Ja. Mit allen Facetten und der gesamten Komplexität.. Insbesondere, wenn du in einer langen Beziehung die Liebe erlebst, versteht man die Themen des Albums. Dazu gehört auch Trauer und das Liebe dich auch so viel Kraft kosten kann, wie du aus ihr schöpfen kannst. Also ja, es ist ein Album über die Liebe mit viel Fröhlichkeit, aber sicherlich auch einer gewissen Note Traurigkeit, oder Sentimentalität.

Du lässt das Album in London spielen und einer der Songs heißt „Bermondsy Street“. Was bedeutet diese Straße für dich?

Ich wollte mit diesem Album das Gefühl erzeugen, als wärst du in meiner Heimat, meinem Alltag und meiner Realität. In der Bermondsy Street habe ich meinen Proberaum, deshalb verbringe ich da mit der Band viel Zeit. Es ist für mich im Zentrum von Süd-London, wo ich lebe. Eine Hauptstraße, auf der viel passiert. Und dort habe ich dann die Handlung platziert. In der möchte ich auch ausdrücken, dass Liebe, egal ob homosexuelle, oder heterosexuelle, die gleiche Sache ist. Wir haben alle die gleichen Emotionen. Die beiden Paare, um die es geht, habe ich dann auf der Bermondsy Street angesiedelt, wo ich mich verliebt habe, als ich 16 war, deshalb verbinde ich persönlich natürlich viel mit ihr. Viele Leute gehen sie sicherlich runter und denken nicht viel darüber nach. Bei mir weckt sie die Fantasie und deshalb hab ich sie gewählt.

Nach „The Bachelor“, auf dem ich ein wenig meinen Eskapismus ausgelebt habe und in einem Song in Sussex war, um im nächsten in Hollywood zu sein, wollte ich das Album etwas dichter an einen Ort binden. Alles richtet sich für mich auf meine Heimat aus. Das ist auch wichtig, ich bin viel auf Tour in der ganzen Welt und es ist wichtig für mich, in eine Umgebung zurück zu kehren, in der ich mich wohl und zu Hause fühle. Und dieses Gefühl habe ich auch bei „Lupercalia“, es spiegelt meine Heimat wieder.

Bei „The Bachelor“ hatten wir schon den Eindruck, es sei ein sehr persönliches Album. „Lupercalia“ wirkt nun auch deinen Ausführungen nach noch persönlicher. Hast du bewusst noch mehr von dir persönlich einfließen lassen?

Ja, es war eine ganz bewusste Entscheidung. Ich wollte mehr Intimität erschaffen und so den Hörer noch etwas näher an mich ranlassen. Es inspiriert mich auch, meine Emotionen freizulegen und so die Facetten meines Egos zu erschließen. Ich glaube, dadurch kann ich dem Hörer auch vermitteln, dass ich die gleichen Emotionen wie er habe.

Viele Künstler glauben ja, wichtiger Bestandteil von Kunst sei die Trennung von Künstler und Werk. Durch deine sehr persönliche Herangehensweise machst du dich selbst aber zum Bestandteil des Kunstwerks. Siehst du da einen Widerspruch?

Ich bin so gefangen in meiner Kunst, dass für mich nie die Entscheidung in Frage kam, ob ich mich von meiner Kunst so weit distanzieren kann, damit sie für sich steht. Meine Familie und meine Umgebung wissen auch, dass ich die Welt um mich herum aufsauge und ständig in Musik und Texten verarbeite. Meine Erfahrungen sind mir auch viel zu wichtig, als dass ich sie aus meiner Kunst raushalten möchte. Sie inspirieren mich und machen mich zu einem besseren Menschen und Künstler. Daraus können dann Kritiker ihr eigenes Urteil ziehen.

Deine Songs sind nun etwas persönlicher geworden, hat sich das auch auf dein Songwriting und deine Studioarbeit ausgewirkt?

Es hat nicht direkt etwas mit der persönlicheren Note zu tun, aber bei diesem Album war es mir wichtig, dass ich es komplett im Studio aufnehme. Ich habe viele Demos und Experimente in meinem Heimstudio gemacht und die dann ins Studio gebracht. Ich wollte das beste Studio, das ich kriegen konnte und das beste Equipment. Deshalb ist es auch ein sehr teures Album und das hört man hoffentlich auch. Es war einfach an der Zeit für mich ein echtes HiFi-Album aufzunehmen. Das war bei „The Magic Position“ schon eine ähnliche Richtung, da bin ich allerdings ins Studio gegangen und wollte ein LoFi-Album aufnehmen und habe versucht ein Drum-Kit mit einem Mikrofon aufzunehmen. Das war ein sehr großes Experiment.

Ist es also ein großes Pop-Album?

Hmm, ich weiß nicht, LoFi-Musik kann auch Pop sein. Auch Punk-Musik kann Pop-Musik sein. Ich war bei den Aufnahmen einfach davon besessen alles HiFi zu machen. Es ist vermutlich weniger Pop, als das, was ich mit Alec Empire gemacht habe. „Vulture“ ist zum Beispiel ein absoluter Pop-Song.

Ursprünglich hattest du ja vor ein Album Namens „The Conquerer“ zu veröffentlichen. Warum hast du dich umentschieden und was ist von diesem Album auf „Lupercalia“ übrig geblieben?

Ein paar Kleinigkeiten in „Time Of My Life“. Die sich wiederholenden Vocals und eine Basslinie. Den Song „The Days“ habe ich 2007 geschrieben, noch vor „The Conquerer“. Das sollte auch nicht auf „The Conquerer“, also wäre es wohl falsch das mit aufzuzählen. Ich habe viele Songs der Art geschrieben, von denen ich dachte, sie haben viel Herz. Das passte nicht mehr zu „The Conquerer“, also beschloss ich das Album zu verwerfen und eines zu machen, das meinem damaligen Gemütszustand mehr entsprach. Mit „Lupercalia“ konnte ich diese romantische Seite der Songs deutlicher ausdrücken.

Auf dem Cover zu „Lupercalia“ sieht man dich komplett in weiß gekleidet vor einem weißen Hintergrund. Was ist die Idee dahinter?

Ich dachte zu der Zeit über die Ehe und meinen Wunsch zu heiraten nach. Ich habe diesen Wald an Emotionen, durch den ich mich auf dem Cover zu „The Bachelor“ gekämpft habe, hinter mir gelassen und fühlte diese Klarheit, das wollte ich darstellen. Ein Bild, das friedlich und hoffnungsvoll ist. Das Cover habe ich aber mittlerweile geändert, in der finalen Fassung sieht man nur noch mein Gesicht. Nur in der Nahaufnahme sieht man nämlich, dass ich ein Lächeln im Gesicht habe. Das sollten die Leute sehen, denn es ist keine Belustigung, kein einfaches Grinsen, sondern Zufriedenheit. Das gefällt mir sehr und passt zu dem, was ich auf „Lupercalia“ ausdrücken möchte.

Neben anderen hast du auf dem Album mit Katie Harkin von Sky Larkin zusammengearbeitet. Wie kam es dazu?

Ja, das war schon ein wenig seltsam. Sie fährt diesen riesigen roten Van und ich ein großes rotes Fahrrad. Ich traf sie vor dem Studio, an dem Tag, an dem ich die Backing-Vocals aufnehmen wollte. Dafür hatte ich eigentlich auch noch niemanden gebucht, denn ich überlasse auch viel dem Chaos und der Improvisation. Ich hatte aber das Gefühl, dass sich schon etwas ergeben würde. Als ich reinging sind wir zusammengestoßen und ins reden gekommen. Ich habe ihr gesagt, wie toll ich ihren Van finde. Daraus hat sich eine Unterhaltung ergeben, in der ich feststellte, dass sie Sängerin ist. Ich kannte ihre Band nicht, also hat sie mir den Namen aufgeschrieben und mir gesagt, dass sie im Café nebenan ist. Bei Youtube habe ich mir dann ein paar Sachen angeschaut und bin direkt rüber zu ihr, um ihr zu sagen „hey, ich will, dass du auf meinem Album sings“t. Das war ganz spontan. Sie fing an zu singen und ich hatte gleich ein gutes Gefühl. Sie hat diese irische Note in ihrer Stimme, die ich auch habe, wenn ich singe. Seitdem sind wir gute Freunde.

Foto: Ariane WhiteTapes

Was hältst du von Sky Larkin?

Ich finde sie ganz großartig. Katie lud mich ein paar Wochen später zu einem Konzert ein und es war toll zu sehen, wie die Band in diesem klassischen Line-Up fesselnde Harmonien und Arrangements produziert.

Für das Album hast du die Harfe gelernt. Was das schwer für dich?

Nein, genau genommen spiele ich Harfe seit ich 12 oder 13 bin. Ich habe recht schnell mein erstes Konzert spielen dürfen und wurde erster Harfinist in einem Orchester. In der Woche, in der ich von zu Hause weg bin, musste ich auch meine Harfe zurücklassen und hab sie seitdem nicht mehr angefasst. Zehn Jahre lang hat das gedauert, klingt etwas dramatisch, aber ich hab das auch etwas dramatisiert. Ich habe mir immer gesagt, ich spiele wieder Harfe, wenn ich die Zeit für gekommen halte. Eine Freundin von mir, die auch einige Instrumente auf dem Album spielt, hat mich dann überredet sie für das Album einzuspielen, als ich ihr erzählte, was ich damit verbinde. Ich kam mir echt dumm vor, sie so lang nicht gespielt zu haben. Denn ich habe gemerkt, wie sehr es mir gefehlt hat. Seitdem spiele ich sie quasi auch wieder non stop.

Gibt es noch Instrumente, die du gern lernen möchtest?

Hmm, nein. Ich bin sehr zufrieden, mit denen, die ich beherrsche. Dabei gibt es immer wieder Instrumente, die ich irgendwann satt habe. So werde ich sicher wieder zur Ukulele greifen, wenn ich es wieder für richtig halte. Für den Moment greife ich aber lieber zu Harfe und Piano, auch wenn viele meiner alten Sachen natürlich mit der Ukulele geschrieben wurden. Ich habe natürlich immer wieder so etwas wie Romanzen mit bestimmten Instrumenten, aber das macht auch jedes meiner Alben so einzigartig.

Als kleinen Abschluss, welche Frage wolltest du schon immer in einem Interview gestellt bekommen und was wäre die Antwort darauf?

Oh, das ist schwer. Lass mich überlegen. Vielleicht eine Frage zu meinem dritten Nippel. Ich bin eine Hexe, denn das ist ein Zeichen dafür. Die drei Nippel bilden aber eine schöne Symmetrie. Ich bin in Einheit mit meinem Körper und meine drei Nippel sind ein wichtiger Teil davon. Ich finde es aber komisch, dass mich noch niemand drauf angesprochen hat, da ich ja ständig mit nacktem Oberkörper rumlaufe.

Patrick Wolf

Facebook // Homepage // Myspace

Fotos 1, 2 und 5: Ariane WhiteTapes

Discussion

Comments are closed.

Archive