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God Is An Astronaut – Interview

Am Dienstag spielten die Iren God Is An Astronaut im Wiesbadener Schlachthof. Die Bestreiter der sphärischen Instrumentalmusik geben sich beim Interview höchst charmant und gesprächig, versäumen aber nicht ordentlich Dampf über die Musiklandschaft, vor allem die Post – Rock-Sparte abzulassen. Die Brüder Kinsella sprechen sogar ein paar Happen Deutsch, da sie ihre Mutter Deutsche ist. „Ich verstehe besser als sprechen“, klärt mich Torsten Kinsella auf. Ich führe das Gespräch doch lieber auf Englisch.

In einem Interview von 2008 habt ihr gesagt, dass Irland euch nicht die gleiche Aufmerksamkeit schenkt wie andere Länder. Ist dies immer noch der Fall?

Die Situation hat sich definitiv geändert. Mittlerweile haben die dortigen Medien erkannt, dass man uns nicht mehr ignorieren kann. Wir haben sogar ein Feature in der Sunday Times bekommen. Das hat uns einem breiteren Publikum näher gebracht. Außerdem haben uns zwei der wichtigsten irischen Radiostationen gespielt und Radiomoderator Dave Fanning, der sich sonst nie für uns interessierte, hat uns in seine Show integriert.

Die Songtitel von „The Age Of The Fifth Sun“ klingen gewohnt lautmalerisch. Was drücken eure Songs aus?

Unsere Musik ist wie ein Film. „Worlds in Collision“ zum Beispiel beschreibt die Endzeit. Bei „Paradise Remains“ ist es ähnlich; da geht es um das Verschwinden der Menschheit, mit einem bleibenden Schimmer Hoffnung, während uns die Idee für „Golden Sky“ bei einem Essen im Garten unserer Großeltern (der Kinsella – Großeltern) kam, als die Sonne schien und wir das Gefühl genossen, die Familie beisammen zu haben.

Wie seht ihr eure musikalische Entwicklung auf dem neuen Album? Es klingt viel strukturierter und heller als die Vorgänger.

Das neue Album ist viel zugänglicher. Mehr Mainstream und bodenständiger. Wir wollten damit ein breiteres Publikum ansprechen und den Fokus von den typischen Post-Rock-Anhängern nehmen. Sie sind unserer Meinung nach zu verbohrt. Sie beurteilen Musik nicht nach ihren musikalischen Kriterien, sondern nach dem Style. Es ist eine typische Hipster – Szene geworden, wie damals die Grunge-Szene in den 90ern. Wir wollen nichts als Musik machen und uns dabei treu bleiben. Nicht jede unserer Veröffentlichungen soll etwas Bahnbrechendes und Neues schaffen. Wir sind schließlich nicht Aphex Twin. Unser Anliegen sind langlebige Songs mit denen der Hörer sich näher beschäftigen muss. Wir wollen uns aber auch weiterentwickeln und zeigen auf dem aktuellen Album erwachsene Popstrukturen.

Laut zahlreichen Medien fallt ihr unter die Kategorie Post-Rock. Ich denke mal, dass ihr das nicht sehr toll findet.

Torsten Kinsella (mit weit geöffneten Augen): Ich weiß ja nicht einmal was Post-Rock heißen soll! Das Bild davon wird eher von dem, was die Jugend darin sieht bestimmt und das sind simple Akkorde und generell sehr einfach gehaltene, vorhersehbare Strukturen. Einfach faules Songwriting. Unsere Musik ist viel komplizierter und vielschichtiger. Wenn jemand die Stücke auf einem Piano nachspielen würde, wäre es klar. Leider machen sich viele Rezensenten nicht mehr die Mühe sich näher mit Alben zu beschäftigen. Man sollte ein Album sehr oft anhören, um sich eine Meinung zu bilden. Die Musiklandschaft ist eben viel zu Schwarz-Weiß. Zu viele Songs sind für Schnellhörer geschaffen, die sich nicht genauer mit dem Inhalt beschäftigen.

Heutzutage kann ja jeder innerhalb kurzer Zeit einen Musik-Blog kreieren und seine Meinung kund geben. Was haltet ihr davon?

Es ist gut, dass sich die Leute ausdrücken können. Es nervt nur, wenn sie dann auch glauben, alles was sie sagen sei Fakt. Da ist definitiv ein Unterschied zwischen einem Blogger und professionellem Journalisten, der generell viel mehr Hintergrundwissen besitzt. In englischen Medien ist Musik meist nur eine Mode. Nicht alles, was da über uns geschrieben wird interessiert uns.

Ist es denn nicht widersprüchlich, wenn ihr einerseits ein breiteres Publikum ansprechen wollt und andererseits die englische Presse nicht ernst nehmt?

Der englische Musikmarkt ist sehr hart. Aber sie interessiert uns nicht so sehr. Für uns ist wichtig, dass unsere Musik für die Hörer zugänglicher ist.

Ihr seid nur drei Musiker und erschafft neben der Musik nicht nur die Visuals für die Bühnenshow, sondern betreibt auch euer eigenes Label Revive Records, auf dem ihr veröffentlicht und auch anderen Bands eine Plattform bietet. Wie geht ihr mit so viel Arbeit um?

Es kann sehr anstrengend sein. Mittlerweile benutzen wir keine Visuals mehr, sondern eine Light-Show. Die Projektionen passten gut zu unseren früheren Ambient-Stücken, aber jetzt haben wir direktere Rockstücke, von denen so was nur ablenken würde. Außerdem wollten wir es den Leuten beweisen, die immer sagten, dass unsere Musik ohne die Visuals nichts wäre. Ideal wäre aber eine Mischung aus Visuals und Light-Show, je nachdem ob wir Ambient oder rockigere Songs spielen.

Habt ihr denn schon daran gedacht, einen weiteren Musiker in die Band aufzunehmen?

Ja, haben wir öfter. Jedoch hat bisher niemand unseren Vorstellungen entsprochen. Wir wollen ein Multitalent. Mittlerweile sehen wir unseren Soundtechniker Zac (Anm. d. Red: Zachary Dutton-Hanney) als unser viertes Mitglied.

Gab es denn Angebote von größeren Labels?

Klar gab es die. Warner Bros haben uns einen Vertrag angeboten, aber das Risiko bei einem Major zu unterschreiben wollten wir nicht eingehen. Du musst so viel von dir weggeben. Sie erheben viel zu große Ansprüche. Beispielsweise musst du 50 % der Veröffentlichungsrechte an sie abgeben, damit sie abgesichert sind, falls sich die Band auflöst. Schließlich stecken sie viel Geld in die Bands rein. Dein Name wird dadurch vielleicht bekannt, aber du gibst einfach viel zu viel ab. Die Labels sind sowieso eine aussterbende Spezies. Musik ist heutzutage wie Luft. Sie ist leicht zu beschaffen. Es ist schwer Geld durch den Verkauf von Platten zu verdienen.

Wie soll es dann mit der Musikindustrie weitergehen?

Liveshows sind die Zukunft. Das Live-Erlebnis kann man nicht klauen. Aber auch hier ist es schwieriger geworden. Viele haben mittlerweile sehr gute Sound-Anlagen zu Hause – die besten Technologien um Musik zu hören. Deswegen versuchen wir unseren Live-Sound so gut wie möglich hinzubekommen. Darüber hinaus sind wir sehr penibel was die Qualität unserer Veröffentlichungen angeht. Die erste Pressung unseres Albums haben wir verworfen, weil sie unserer Meinung nach viel zu billig aussah.

Momentan finanzieren viele Bands ihre Alben durch Spenden, für die sie Gegenleistungen wie ein Dinner anbieten. Was haltet ihr davon?

So etwas wäre eher etwas für größere Bands, die damit sehr viele Leute erreichten. Aber für kleinere Bands sehe ich da keine Zukunft drin. Wir beispielsweise könnten mit so einer Aktion vielleicht 4000 Euro machen und davon kann man gerade mal das Abmischen einer Platte bezahlen.

Fotos: Myspace der Band

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