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Dear Reader – Interview

Dear Reader haben sich Ende Februar mit ihrem Debüt „Replace Why With Funny“ direkt aus Süd-Afrika in unsere Herzen gespielt. Klingt kitschig, aber genau darauf zielt ihre Musik nun einmal ab. Was sie damit noch so ausdrücken möchten und wie es sich anfühlt als Indie-Band aus einem Land zu kommen, dass keine Indie-Szene hat, erzählten sie uns ausführlich in einem kleinen Interview.

Hi, wie geht’s?
Darryl (auf deutsch): Kalt!
Cheri: Ja, als wir vor einer Woche hier in Deutschland ankamen war es schön warm aber das hat sich leider geändert.

Foto: Myspace der Band

Nächste Woche spielt ihr mit Get Well Soon, die ja auch auf eurem Label sind, mit denen habt ihr schon gespielt, wenn wir richtig informiert sind. Mögt ihr deren Musik?

Cheri: Ja, wir haben im November in der Schweiz zusammen gespielt und uns einige Male in Berlin getroffen.
Darryl: Wir freuen uns da sehr drauf, ich finde auch das Album richtig klasse.
Cheri: Wir gehen auch danach nach Italien und Frankreich, da freuen wir uns drauf.

Euer Album wurde jetzt im Februar hier veröffentlicht, könnt ihr uns den Titel erklären?

Cheri: Im Prinzip ist das ein kleines persönliches Wortspiel von mir. Ich bin eine eher nachdenkliche Person und habe häufig Angst vor Entscheidungen. Dann mache ich mir einen Kopf und frage, warum muss etwas so sein, wie mache ich das und so weiter. Das zieht mich dann häufig runter. Irgendwann habe ich mir einfach gedacht, du kannst auf viele Fragen eh keine zufrieden stellende Antworten finden, also habe ich beschlossen einfach mehr über Dinge zu lachen und alles nicht ganz so ernst zu nehmen. Auf dem Album geht es um einen Kerl, der mir das Herz gebrochen hat und viele Songs habe ich dann geschrieben, als ich deshalb echt traurig war. Als wir dann ins Studio gegangen sind, war schon wieder einige Zeit vergangen und ich habe schon wieder etwas anders über die Dinge gedacht. Ich habe alles vielleicht etwas melodramatisch gemacht und übertrieben, aber gerade das haben wir dann auch dem Album, besonders heraus gestellt, weil es einfach passte. Ich glaube, dadurch hat das Album auch ein wenig diese bittersüße Note. Ich habe also gelernt über mich selbst zu lachen und darum geht es im Titel.

In eurem Artwork benutzt ihr diese wirklich tollen Cartoons, von wem stammen die?

Cheri: Die stammen von einer wirklich guten Freundin von mir. Sie hat auch schon das Artwork für uns gemacht, als wir noch Harris Tweed waren.

Das Video zu „Dearheart“ zeigt euch auf einer Art Road-Trip, würdet ihr auch gerne einmal ein Video mit diesen Cartoons machen?

Cheri lacht: Da kommt mir doch spontan eine Idee. Nein, wir haben da was in Planung, aber da müsst ihr noch etwas warten. Es wird völlig anders als das erste Video. Wir mögen es mit Cartoons zu arbeiten, da fühlen wir uns wohler, als mit Fotos und Video und diesem Zeug.

Darryl, du hast vor deiner „Pop-Karriere“ mit dem Soweto Gospel Choir gearbeitet, wie bist du zur Popmusik gekommen?

Darryl: Als Toningenieur war ich immer mit Popmusik konfrontiert. Da habe ich mit einer Reihe Künstler gearbeitet. Das mit dem Soweto Gospel Choir war beinahe Zufall. Die suchten jemanden, ich war zufällig da und dann hat sich das entwickelt.
Cheri: Und dann hast du einen Grammy gewonnen.
Darryl schaut leicht verschämt nach unten: Ja hab ich.

Foto: Myspace der Band

Ihr habt schon ein Album unter dem Namen Namen als Harris Tweed veröffentlicht und mit Dear Reader einen leicht anderen Weg eingeschlagen. War es euch beim Namenswechsel klar, dass ihr auch euren Stil überdenken wollt?

Darryl: Als wir angefangen haben, das neue Album auf zu nehmen, haben wir bereits ein wenig die Art geändert, wie wir über Musik denken und vor allem wie wir an Musik heran gehen. Als wir dann den Brief bekamen, dass wir Harris Tweed nicht mehr nutzen dürfen, war das ganz gut. Wir haben unsere Denkweise bereits geändert, dann kann ein Namenswechsel auch nicht schaden. Das war natürlich auch traurig, dennoch aber gut für uns.
Cheri: Das war aber natürlich auch schwer, wir haben einige Jahre echt hart gearbeitet, um als Harris Tweed Anerkennung in unserer Heimat zu bekommen und gerade an dem Punkt, wo wir echt schon etwas Erfolg hatten, kam dieser Brief. In Europa macht das natürlich keinen Unterschied, hier hat noch nie jemand von Harris Tweed gehört, also ist es egal, wenn wir plötzlich Dear Reader sind. Der Neuanfang ist auch was tolles. In Süd-Afrika ist das aber anders. Da musst du allen klar machen, Harris Tweed ist jetzt Dear Reader. Dabei musst du die Leute dann auch von der leicht veränderten Richtung überzeugen, die die Musik nun eingeschlagen hat. Es war aber gut, dass uns diese Nachricht während der Aufnahmen erreicht hat, so konnten wir den Wechsel noch etwas klarer vollziehen.
Darryl: Letzten Monat haben wir da noch eine tolle Myspace-Nachricht von einem Fan erhalten, wie ging die noch.
Cheri: Ja, das Mädchen meinte, wir sollten nicht aufgeben, nur weil wir den Namen nicht mehr nutzen dürfen.
Darryl: Sie dachte auch wir hätten uns getrennt, als wir ihr dann schrieben, Harris Tweed sei jetzt Dear Reader, hat sie sich echt gefreut, das war schön.

Foto: Myspace der Band

Cheri, du hast einmal gesagt, „wir machen Folk-Pop, Folk, weil unsere Musik emotional und rau ist und von echten Emotionen handelt. Pop, weil sie zugänglich ist und die Menschen ansprechen soll“. Weißt du noch, wann du das gesagt haben könntest?

Cheri: Das ist bestimmt nicht lang her, ich würde das heute noch genau so sagen.

Du hast das vor ein paar Jahren über Harris Tweed gesagt, aber das auch noch wahr für Dear Reader?

Cheri: Ja natürlich, also es ist wahr Harris Tweed und Dear Reader. Es ist natürlich auch nicht so, dass wir uns komplett neu erfunden haben, wir haben uns nur anders ausgerichtet.
Darryl: Echt, das war für Harris Tweed, cool!
Cheri: Ich möchte eigentlich immer emotionale Musik machen, die ehrlich ist. Das würde ich so unterschreiben.

Darryl, du hast kürzlich gesagt, dass ihr in Süd-Afrika immer die selben 200 Menschen bei Indie-Events trefft. Ändert sich das langsam, oder ist das immer noch so?

Darryl: Die Industrie, bzw. die Menschen, die unsere Musik mögen, das sind sehr wenige. Bei Facebooks hast du immer die gleichen Leute, auf den Konzerten treffen wir immer die gleichen, wir sind alle befreundet mit einer Hand voll anderen Musikern und das ist dann schon die Szene. Das ist schon nett, weil es eine kleine Familie ist.
Cheri: Ja, wir sind eine winzige Familie, die aber auch nicht viel wachsen kann. Um in Süd-Afrika erfolgreich zu sein müssten wir schon Pop-Musik machen, also richtigen Pop, im Grunde einfach Musik die wir nicht mögen.
Darryl: Zu Hause können wir auch nur in drei Städten spielen, mehr gibt’s nicht. Jetzt haben wir schon drei Konzerte hier gespielt und unsere Tour hat gerade mal angefangen. Hier kommen abends so mehr neue Leute zu unseren Konzerten, als wir in Süd-Afrika auf einer ganzen Tour treffen. Das ist eine völlig andere Welt für uns.
Cheri: Das ist auch schon ein Privileg hier arbeiten zu dürfen.

Foto: Myspace der Band

Da wir Verwandte in Süd-Afrika haben, hören wir häufiger auch positive Dinge über das Land, in der Presse sieht das häufig anders aus. Könnt ihr uns etwas positives nennen, das jeder von Süd-Afrika wissen sollte?

Darryl: Das Wetter ist toll!
Cheri: Es gibt da so eine Art „Schaffungs-Geist“, oder auch einfach Schaffenskraft. Die Leute erhalten überhaupt keine Hilfe vom Staat und viele haben absolut gar nicht, außer der Luft zum Atmen und einer dennoch positiven Lebenseinstellung. Daraus schaffen sie sich dann etwas. Nehmen die Dinge in die Hand und bauen sich ihr Leben.
Darryl: Ja, Süd-Afrikaner haben diese innewohnende Freude. Die meisten Menschen lächeln immer und stehen ihrem Leben gegenüber positiv da.

Arbeitet ihr eigentlich zwischen den Touren und auch auf Tour an neuen Songs?

Cheri: Ich hab ein Stück geschrieben, ja. Aber das ist schwer, da wir noch sehr damit zu tun haben, das Debüt zu promoten. Seit November machen wir eigentlich nichts anderes. Das ist aber toll, du hast diese verschiedenen Phasen, in einer lebst du zurück gezogen im Studio und konzentrierst dich auf das Schreiben, in der nächsten bist du auf Tour und präsentierst den Leuten deine Arbeit. Das macht beides Spaß und die Tour genieße ich unglaublich.

Habt ihr es eigentlich je in Erwägung gezogen afrikanische Elemente in eure Musik einzubauen?

Cheri: Das ist schwer, jeder denkt zwar, das würde bei uns nahe liegen. Zu hause würde uns aber jeder unterstellen, dass es aufgesetzt wäre. Wir haben da nicht diesen kulturellen Hintergrund, wie traditionelle afrikanische Musiker. Wenn es aus einer Verbindung mit einem afrikanischen Musiker käme, wäre das okay, aber so würde es wirken, als würden wir kommerziell werden wollen. Da gibt es natürlich viele tolle Musiker, aber mit denen haben wir keine Verbindung. Viele sind während der Apartheid aufgewachsen, in Slums und konnten sich über Musik ein Leben sichern. Wir kommen aus der weißen Mittelklasse und haben darüber keine Verbindung zu traditioneller afrikanischer Musik. Das entwickelt sich aber jetzt so langsam, wo Schwarze auch in der Mittelklasse angekommen sind, es gibt nun so langsam Verständigung. Darüber wird es in Süd-Afrika auch in der Zukunft mehr darum gehen, aus welcher Klasse du stammst und nicht, welche Hautfarbe du hast.

Letzte Frage, wir suchen das Album des Jahrzehnts, da es ja nun beinahe vorbei ist. Was ist euer Album des Jahrzehnts?

Darryl: Hmm, schwer. Es gab verdammt viele. Für mich wäre es aber wohl Arcade Fire „Neon Bible“. Ja, das würde ich nehmen.
Cheri: Oh, du hast das zweite Album gewählt, sehr interessant. Hmm, ich nehme „Year Of Meteors“ von Laura Veirs. Oder Moment, kann ich noch ein zweites nehmen? Dann nehme ich noch „Friend and Foe“ von Menomena, das ist auch toll.

Fotos: Myspace der Band und Homepage der Band

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