Interviews

1984 – Interview

Mit ihrem Debüt „Open Jail“ legten 1984 ein starkes Debüt vor, von dem nicht nur die Blood Red Shoes begeistert waren. Kurz vor ihrem ersten Konzert auf ihrer ersten ausgedehnten Deutschland-Tour mit den Blood Red Shoes haben sich Etienne und Bruno ein wenig Zeit für unsere Fragen genommen.

Hi, schön euch hier zu treffen. Ist das heute euer erstes Mal in Köln?

Etienne: Ja.


Wie mögt ihr es bisher?

Etienne: Na ja, wir haben bisher nur das Gebäude 9 gesehen…

Bruno: und ein Stück die Straße runter einen guten Kaffee getrunken.

Etienne: Ja, der war super. Der Kaffee ist hier auch billiger als in Frankreich.


Also ihr habt nicht den Eindruck, es sei hier sauberer als in eurer Heimat? Wir hören das nämlich immer von englischen Bands.

Etienne: Hmm, wie sag ich das.

Bruno: Ich mag diesen Underground-Charakter.

Etienne: Ja, Underground-Style.

Bruno: Es wirkt in Deutschland mehr Indie auf mich, das finde ich cool, Indie scheint gut etabliert.

Etienne: Ich hab auch den Eindruck, dass sich an allen Ecken irgendetwas tut, da sind Szenen, die sich entwickeln. Dafür liebe ich auch Berlin. Wir fühlen uns wohl hier, wir werden immer toll empfangen. Auch die Venues sind besser als in England, nicht so streng. Da kommst du um 17 Uhr an und um 23 Uhr musst du gehen, weil Sperrstunde ist. In Deutschland ist das alles lockerer.

Bruno: Ja, du hast Zeit für deine Show und die Menschen sind offener für bestimmte Sounds und neugieriger.

Etienne: Ja, ich mag das Land und die Leute natürlich, aber ich bin ja auch zur Hälfte Deutscher, zur Hälfte Franzose und spreche jetzt Englisch, ich weiß auch nicht warum…

Bruno: Ich bin zu Hälfte Italiener.

Etienne: Du sprichst aber kein italienisch.

Bruno: Ja wohl, „Un Poco“!

Etienne: Wow!

Ihr spielt heute wieder mit den Blood Red Shoes und wart auch schon mit ihnen auf Tour in England und Frankreich, kennt ihr die Geschichte, wie sie euch entdeckt haben?

Etienne: Ja, die haben im Weekender Club in Innsbruck gespielt, wo der DJ auch der Boss vom Weekender Club ist und von Weekender Germany, unserem Label. In jedem DJ-Set, das er gibt, integriert er „Cache-Cache“. Die Blood Red Shoes haben das halt gehört und ihn gefragt, „Hey, was ist das für eine Band? Die müssen berühmt sein“.

Video zu „Cache-Cache“:

Bruno: Sie waren sehr enttäuscht.

Etienne: Ja, die haben gesagt, „Neeeein, das sind Franzosen? Bitte nicht!“. Dazu waren wir auch noch bei einem sehr kleinen Label.

Bruno: Dann haben sie uns eine Nachricht bei Myspace geschrieben. Das war an einem Tag, da hatten wir in der Nacht zuvor nicht geschlafen, weil wir eine große Party in den Bergen gefeiert haben. Als wir nach Hause kamen hatten wir eben diese Nachricht, in der stand, „wir wollen, dass ihr uns auf der nächsten Tour supportet“.

Etienne: Ja, das war drei Wochen vor deren England-Tour und unsere erste große Tour. Es war also ein ziemliches Abenteuer, aber hier stehen wir, lebendig und gut gelaunt. Und jetzt sind Tourneen unser Job.

Mal abgesehen von, wir würden mal sagen „Joy Division“, die ihr in „Cache-Cache“ zitiert…

Etienne: Ja, das ist lustig, weil ich das Lied geschrieben habe, lange bevor ich Joy Division entdeckt habe. Eigentlich haben wir Joy Division erst nach den Aufnahmen zum gesamten Album entdeckt. Klar, der Name war mir bekannt, aber ich hatte nie ein Lied von denen gehört.

Bruno: Ja, Control kam bei uns circa drei Monate nach den Aufnahmen zum Album in die Kinos, wir sind dann also ins Kino und dachten ah ha, das sind Joy Division.

Etienne: Klar, wir wussten auch, das ist diese englische Band mit dem düsteren Sound und dass die nach ihrem Ende weit mehr Erfolg hatten, als noch zu Karrierezeiten. Also, wir haben die nicht wirklich zitiert, auch wenn jeder sagt, ihr klingt so ähnlich wie die, ihr müsst die viel gehört haben. Inzwischen höre ich die wirklich viel, ich finde die Alben alle klasse, aber habe die auch erst durch die Vergleiche entdeckt.


Also abgesehen von Joy Division, die ja nun nicht euer Einfluss waren, weil ihr die ja nicht kanntet, wer sind eure Einflüsse?

Etienne: (lacht) Niemand, uns ist das alles von selbst eingefallen!

Bruno: Ja, ich hatte nie einen CD-Player oder so was. Unsere Einflüsse sind extrem unterschiedlich, da wir drei Individuen sind, die sehr unterschiedliche Musik mögen. Ich stand mal sehr auf Tupac, Massive Attack und andere elektronische Dinge. Vielleicht spiele ich deshalb Bass, keine Ahnung. Ich steh aber auch auf Rock’n’Roll, wenn er echt gut ist, mit viel Energie und so, aber sonst eher etwas sanfter.

Etienne: Ich muss zugeben, bevor wir das Album aufgenommen haben, hatte ich keinen wirklich ausgeprägten, geschweige denn besonderen Musikgeschmack. Ich hab mir halt die großen Bands angehört, wie Radiohead, Nirvana, Beck, The White Stripes, Muse und so was. Mein Ziel ist es, mich etwas mehr in die Szene rein zu hören, dank Intro (hält uns einen Stapel gebrannte CD’s hin, die ihm die Intro für ihre Rubrik „Platten vor Gericht“ gegeben hat) sollte das auch klappen. Aber das ist echt so, seit dem Release des Albums meint jeder, „hey, ihr klingt so und so“ und dann hör ich mir die Musik an und finde die häufig auch sehr cool. Jetzt hör ich halt auch Joy Division, Interpol, The Cure, The B52s noch nicht, aber die werden irgendwie auch immer genannt.


War es denn bei Gründung der Band für euch klar, „Wir wollen diesen düsteren, rockigen Sound machen“?

Bruno: Also, wir haben uns jetzt nicht gegenseitig gefragt, welche Art Musik wir jetzt machen wollen. Wir wollten eben zusammen spielen, dabei entstand dann ein gewisser Rocksound und den haben wir dann beibehalten. Aber es gibt auch Songs, die stark davon abweichen, wie „Desert Dancers“, den wir im Studio mit Orgel und Piano aufgenommen haben. Oder „L’Hommes Aux Os“, der ein Rockabilly-Song ist. Wir haben eben gemacht, was wir wollten und nicht nach einem vor definiertem Muster gearbeitet.

Video zu „Desert Dancers“:

Etienne: Wir wollten ehrlich sein und das machen, was wir mögen, deshalb haben wir auch so viele Stile auf dem Album. Da wollten wir uns auch nicht einschränken und nur Rock, oder nur Punk machen. Ich liebe Muse, genau, wie ich Nirvana liebe, wie ich Queen höre. Ich liebe Musik, die mich berührt. Wir hatten also keinen wirklichen Plan, wir wollten nur Rock machen, starke Musik, danach lief alles natürlich.


Warum habt ihr euch für englische Lyrics entschieden? Das scheint ja für französische Bands noch recht ungewöhnlich.

Bruno: Ja, aber im Moment ist das gar nicht mehr so ungewöhnlich. Es gibt viele Bands, die englisch spielen, also singen. Da gibt es gerade so eine Welle von Country- und Folk-Bands, die auf Englisch singen. Das findet in Frankreich immer mehr Akzeptanz. Noch vor fünf Jahren war das noch nicht so akzeptiert, wie jetzt. Ich glaube einfach, dass die Fans in Frankreich verstanden haben, dass Englisch die Sprache der Rock-Musik, des Folk und des Country ist. Wo auch immer du auf der Welt bist, kannst du in dieser Sprache singen und wirst verstanden, also meistens. Im Ursprung war das eben englische Musik und Englisch ist eine großartige Sprache für diese Art von Musik. Da war es ganz natürlich für mich die Songs in dieser Sprache zu schreiben, das war jedenfalls nicht, um eine breitere Masse zu erreichen, oder so. Die Sprache hat außerdem einen sehr coolen Rhythmus, einen Rock-Rhythmus, den Französisch nicht hat. Französisch ist für Chansons und so was. Da kommen zuerst die Lyrics und dann die Musik. In der englischen Kultur ist das anders, da hast du die Musik und die wird durch Lyrics ausgeschmückt. Wir mögen diese Kultur und denken musikalisch auf Englisch. Tatsache ist, wir als Generation sind in Frankreich stark beeinflusst von Filmen und die besten Filme kommen nun einmal, wenn man ehrlich ist, aus Amerika oder aus England.. Die guckt man dann natürlich auch auf Englisch, weil das nur im Original richtig rüber kommt. Dann hören wir noch Musik auf Englisch, so ist die Sprache also überall, also du kannst Englisch gar nicht entkommen.

Etienne: Englisch ist nun mal auch die Sprache des Rock, oder der Musik im Allgemeinen. Wenn ich also auf englisch schreibe, tue ich das nicht, um ein größeres Publikum zu erreichen. Es kommt einfach ganz natürlich. Wir denken viel auf Englisch, denn wie Bruno schon sagte, man kann der Sprache auch einfach nicht mehr entkommen. Sie ist überall. Dazu kommt, dass Englisch eine sehr rhythmische Sprache ist. Das funktioniert mit Französisch oft nicht.

Bruno: Wenn ich schreibe, dann erfinde ich außerdem meine Version von Englisch, weil ich die Sprache natürlich auch nicht perfekt beherrsche, wie du vielleicht hörst.

Ariane WhiteTapes

Foto: Ariane WhiteTapes

Das macht nichts, wir als Deutsche ja auch nicht, wird auch keiner merken, da wir das ja auch ins Deutsche übersetzen.

Bruno: (lacht) Be’altet die Fe’ler, isch will, das so realistisch, wie möglisch übersetzt ’aben!

Bruno: Also, wir erfinden so eine Art New Englisch, etwas kindlich, mit Wortspielen und dem Spiel mit Bedeutungen. Franzosen sind auch viel für ihren Esprit bekannt, dafür, dass sie viele Wortspiele machen.
Das versuchen wir in Englisch, Französisch und Deutsch umzusetzen.

Etienne: Wir hatten da dieses Stück „Innere Unruhe“, das nehmen wir auch vielleicht irgendwann auf.

Das ist ein wenig wie in dem Roman „1984“, wir erfinden eine neue Sprache, etwas was dem Englischen durch die vielfältige und internationale Verwendung früher oder später auch passieren wird.

Also hatte 1984 einen großen Einfluss auf euch?

Etienne: Ja, das ist symbolisch. Ich wurde zum Einen 1984 geboren und George Orwell hat diesen Roman 1948 geschrieben, einfach die Jahreszahlen umgedreht und sich gefragt, wie düster und dystopisch könnte die Welt 1984 aussehen, wir greifen das auf. Wir möchten gern beschreiben, was aus dem Roman wirklich eingetreten ist und was nicht passiert ist. Wir leben zum Beispiel ganz offensichtlich nicht in einem totalitären Regime mit einem absoluten Herrscher. Wir leben in absoluter Freiheit.

Bruno: Das sind die Dinge, die wir auch mit „Open Jail“ darstellen wollten. Die Charaktere bei 1984 leben völlig einsam und gefangen in diesem Regime und wir leben in absoluter Freiheit, wir haben alle Möglichkeiten und leben dadurch in ähnlicher Einsamkeit, wie diese Charaktere. Das ist das Problem, in diesem Zustand sollten wir nicht leben. Heutzutage sind die Menschen verloren in ihren Möglichkeiten, jeder sagt, du kannst alles machen. Das Prinzip unserer Gesellschaft ist, dass wir jedem sagen, er sei einzigartig, dadurch wird man einsam und eher zu so etwas wie einem weiteren verlorenen Charakter. Man geht quasi im Meer der Möglichkeiten unter, wir leben eben in diesem „Open Jail“.

Ariane WhiteTapes

Foto: Ariane WhiteTapes

Im Gegensatz zu anderen französischen Bands, wie Neimo oder den Hush Puppies werdet ihr überall sehr herzlich empfangen, denkt ihr, das hat viel mit den Blood Red Shoes zu tun?

Etienne: Natürlich verdanken wir den Blood Red Shoes einiges, die haben uns die Möglichkeit gegeben uns vielen Menschen zu präsentieren. Wir wurden allerdings schon vor denen von einem englischen Label in Deutschland, eben Weekender Records Germany entdeckt. Ich glaube, uns hilft eher, dass wir einen sehr eigenen Sound haben. Die Hush Puppies sind ja sehr Pop-orientiert. Ich glaube, die möchten wie die britischen Pop-Bands klingen, wie die Wombats, auch wenn die Hush Puppies eher da waren. Wir kombinieren sehr viele Stile bei uns und versuchen auch bei jedem Lied sehr unterschiedlich zu klingen. Mit den Blood Red Shoes können wir dann noch in großen Läden spielen und bekommen dadurch ein größeres Publikum.

Bruno: Vielleicht liegt es auch daran, dass wir aus der europäischen Hauptstadt, Straßburg, kommen und dadurch auch europäisches Denken gelernt haben.

Etienne: Ich glaube auch, dass unsere Bekanntheit jetzt mit Release des Albums auch ohne die Blood Red Shoes rasant weiter steigt. Vor zwei Wochen wurde das Album jetzt veröffentlicht und wir haben echt tolles Feedback vor allem aus Deutschland erhalten. Es ist außerdem immer schwer für französische Bands ihre Musik zu exportieren, weil die Labels leider immer noch am Meisten französische Künstler mögen, die Französisch singen, das funktioniert natürlich international nicht. Wenn du international Erfolg haben möchtest ist es häufig besser Frankreich zu verlassen und dir woanders einen Namen zu erspielen. Wie Air oder Phoenix, die waren in anderen Ländern sehr bekannt, bevor die in Frankreich Erfolg hatten. Für uns ist das natürlich hart wegen des Namens, aber das war unsere Entscheidung, aber dafür haben wir das Zebra, wir sind 1984 mit dem Zebra. Und wir haben natürlich die Rechte an dem Namen in Europa. Es wird hier also keine andere Band mit dem Namen schaffen (lacht).

Was war bisher euer größter Rockstar-Moment auf Tournee?

Etienne: (lacht) Wir sind eigentlich sehr nette Typen. Wir hatten kürzlich „Frog-Surfing“ statt Crowdsurfing, deshalb wurden wir auch eine Weile The Frogs genannt. Bei unserem letzten Konzert in London waren sehr große Frösche auf die Bühne gesetzt worden und beim letzten Lied ist einer von der Bühne gefallen und wurde dann vom Publikum durchgereicht.

Bruno: Ansonsten sind wir nicht sehr Rock, was das angeht, wir gehen um 21 Uhr ins Bett, lesen etwas und sehen fern.

Ariane WhiteTapes

Foto: Ariane WhiteTapes

Es gibt da im Moment diese Diskussion, weil Indie ja zu so etwas wie einem Etikett verkommen ist, ohne einen wirklichen Klang zu haben, Steven von den Blood Red Shoes sagte auch, dass seine Band auf keinen Fall Indie sein kann, weil sie nicht klingen, wie The Wombats, die laut Fans Indie sind. Was denkt ihr ist noch Indie?

Bruno: Underground!

Etienne: Independent, hmm, vielleicht, weil man auf einem Indie-Label ist, es ist wohl eher wirklich ein Etikett.

Bruno: (lacht) Vielleicht indische Musik.

Etienne: Ich glaube, es sollte mal das beschreiben, was abseits der Masse passiert. Ich finde zum Beispiel, dass die Wombats nicht Indie sind, die machen Pop, die Blood Red Shoes erst recht nicht, die sind extrem rockig. Ich mag den rohen Klang, ich weiß aber nicht wirklich, was Indie ist.

In welches Genre würdet ihr euch stecken?

Bruno: (lacht) Indie! Nein, ich denke, unsere Musik klingt wie ein Soundtrack zu einem futuristischen Western (zeigt auf seinen Hut)

Etienne: Ja, ehrlich, hart, düster und roh.

Fotos: Myspace der Band, falls nicht anders angegeben.

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