Rezensionen

Tegan and Sara – Sainthood

Für mein Empfinden, ist es am Schwierigsten über eine Band zu schreiben, mit der man viel Zeit in seinem Leben verbracht hat. Nicht unbedingt im gleichen Viertel der Heimatstadt, im gemeinsamen Freundeskreis oder gar im selben Raum, aber dennoch auf beiden Ohren und im Herzen.

Für mein Empfinden könnte ich ein Buch über Tegan R. Quin und Sara K. Quin aus Calgary, Kanada schreiben. Nicht unbedingt einen kiloschweren Wälzer, einen Schinken mit siebenstelliger Seitenzahl oder gar eine Trilogie, aber dennoch mehr als einen dünnen Groschenroman.

Letzteres wünsche ich mir allerdings gerade ein wenig. Dann könnte ich „Sainthood“ einfach als mittelgutes Pop-Album abtun und der Text wäre hier zu Ende. Doch halt, so einfach ist das nicht. Nicht mit Tegan and Sara. Und vor allem nicht mit mir.

Sainthood markiert das sechste Album in der Karriere der kanadischen Zwillinge, die ihre Songs nicht gemeinsam, sondern einzeln schreiben, außerdem in meilenweit voneinander entfernt liegenden Städten wohnen, von Neil Young im Jahre 2000 auf seinem Label Vapor gesignt werden und von da an stetig bekannter werden, nicht zuletzt durch Gassenhauer wie „Back In Your Head“, „So Jealou““ oder auch das sogar von den White Stripes gecoverte „Walking With A Ghost“.

Während diese drei genannten Hitsingles aus Saras Feder stammen, hat den Mainstream-Liebling auf Sainthood, nicht etwa ein bezahlter Songwriter, wie man bei soviel Radiopotential vermuten könnte, sondern – genau – Tegan verbrochen. Gemeinsam mit Hunter Burgan von AFI hat sie das in Softrock-Gitarrenriffs ertrinkende Wesen namens „Hell“ erschaffen, welches es sich als erste Singleauskopplung zunächst ganz schnell in der Radiolandschaft und in allen Gehörgängen bequem gemacht hat, um schließlich noch schneller wieder vergessen zu werden.

Wurde man bisher den Eindruck nicht los, Tegan and Sara hatten es sich zum Ziel gemacht den unkonventionellen Popsong zu perfektionieren, haben sie für dieses Album den roten Korrekturstift aus der Tasche ihrer Bundfaltenholse geholt und die ersten beiden Buchstaben in ‚unkonventionell‘ erstmal sorgfältig durchgestrichen.

Wie schon bei dem Vorgänger-Album „The Con“ zeigt sich Chris Walla von Death Cab For Cutie für die Produktion verantwortlich. Doch hier ist nichts wie es mal war. Diesmal sollte alles ganz anders sein. Der Plan war, „Sainthood“ als Band-Album aufzunehmen, und es auch so klingen zu lassen. Es gab sogar den Versuch, Tegan und Sara zu gemeinschaflichem Songwriting zu bringen. Doch von der gemeinsamen Zeit in New Orleans, wo sich die beiden 10 Tage lang in ein Studio einschlossen, schaffte es am Ende kein Song auf das Album.

Wenn man sich bei „The Con“ noch fühlte, als sei man zufällig in Tegans oder Saras Schlafzimmer gestolpert und sitze nun neben einer der beiden auf dem Bett, während sie einem nur mit ihrer Gitarre bewaffnet, direkt ins gespitze Ohr singt und voller Aufrichtigkeit ihr gesamtes Herz ausschüttet, hat man bei „Sainthood“ das Gefühl, noch mindestens 15 weitere Personen hätten es sich auf dem Boden und auf dem Bett bequem gemacht.

Man habe auf diesem Album einen Weg gefunden, seine Texte universaler und zugänglicher zu formulieren, sagte Tegan unlängst. Ob das die Erklärung für die lyrischen Meisterleistungen ihrer Songs sind, bleibt an dieser Stelle leider unbeantwortet. Hier trotzdem einige Beispiele, um einen Eindruck zu vermitteln: „All I said to you, all I did for you seems so silly to me now“ („The Cure“), „Don’t feel, don’t dear, don’t kiss, don’t care, don’t touch, don’t want me, don’t want me, don’t want me“ („Nortshore“) oder auch „Might write something I might want to say to you some day. Might do something to be proud of someday. Mark my words, I might be something someday.“ („Someday“). Fairerweise muss erwähnt werden, dass Tegan einen sehr hellen Moment hatte, als sie „The Ocean“ schrieb. Doch leider kann dieser aufrichtige Gitarrenpopsong allein, nicht Tegans restliche textliche Schwammigkeit und die Durchschnittlichkeit ihrer Radio-Rock/Pop-Klänge ertränken.

Es sind Saras Songs auf „Sainthood“, die es wenigstens stellenweise schaffen, daran zu erinnern, dass es auch eine Zeit vor diesem Album gab. Es sind Saras Songs, die es schaffen durch die völlig aufgemotze Pop-Produktion durchzuscheinen. Mit „Arrow“ hat sie den perfekten Album-Opener auf ihrer Seite. Mit „On Directing“ und „Red Belt“ immerhin zwei Songs, die wenigstens an frühere leicht verspulte Pophits wie „Knife Going In“ oder „Like O Like H“ erinnern, und schließlich entlässt sie mit dem beinahe tanzbaren Retro-Pop-Track „Alligator“ den nächsten Song aus ihrer Hitfabrik, die schon „Back in your Head“ und „Walking With A Ghost“ hervorgebracht hat.

Nein, ist ist nicht zu verachten, wenn sich zwei Musikerinnen derart weiterentwickeln, dass sie nach über 10 Jahren ein über alle Maßen – nennen wir es – professionelles Album vorlegen. Ich wehre mich allerdings dagegen, ich möchte sogar sagen, ich weigere mich, es fortschrittlich zu nennen, wenn eine Band, wie ein bezahlter Songwriter, sich selber radiotaugliche Hits auf den identischen Leib schneidert. So klingt „Sainthood“ leider größtenteils.

Und sollte ich eines Tages doch noch ein Buch über Tegan and Sara schreiben, dann sicherlich ein herzzereißendes Drama.

Rating: ★★½☆☆
Tegan and Sara

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