Rezensionen

OTAGO – OTAGO (s/t)

OTAGO

Spätestens seit Peter Jackson die majestätischen Landschaften von Neuseeland als Kulisse für seine ab 2001 veröffentlichte Herr der Ringe Trilogie nutzte, erlebt das Land einen wahren Tourismusboom. Neben atemberaubenden Landschaften ist das Land für so manchen Besucher von seiner Wirkung her so etwas, wie der Jakobsweg für Hape Kerkeling oder der Pacific Crest Trail in der eher durchwachsenen neuen Gilmore Girls Staffel bei Netflix. Man kann sich in den Weiten der Landschaften verlieren und zu sich selbst zurückfinden. Passenderweise gibt es dann auch in Neuseeland einen bekannten Weg, der zum pilgern einlädt. Otago heißt er und ist ein 150 km langer Pfad in der gleichnamigen Region auf der Südinsel von Neuseeland. Ein Pfad, der Hannes Wittmer für eine Auszeit nach einer turbulenten Phase seines Projekts Spaceman Spiff nutzte. Nach dem Release seines dritten Albums „Endlich Nichts“ im Jahr 2014 erreichte der Erfolg das bisher höchste Ausmaß. Er spielte unzählige, meist ausverkaufte, Konzerte, ging mit Enno Bunger auf Tour, nahm ein Hörbuch auf und begann auch am Theater zu arbeiten. Nur etwas mehr als ein Jahr nach dem Release sah er die Zeit für einen Schnitt gekommen und legte Spaceman Spiff auf Eis. Nach einer Auszeit, die ihn unter anderem nach Neuseeland führte, merkte er aber offensichtlich, dass er so ganz ohne Musik nicht kann und ging als A Tin Man auf Tour und trat in den letzten Monaten auch wieder als Spaceman Spiff auf.

Der wahre Fokus liegt für Hannes aber mittlerweile auf dem Projekt OTAGO, mit dem er nun erstmals ein englischsprachiges Album aufnahm. Zu seiner Band zählt er dabei unter anderem Felix Weigt von Die Höchste Eisenbahn und Anne de Wolff (unter anderem Calexico und Bosse). Das Album hört konsequenterweise ebenfalls auf den Namen „Otago“ und bietet neben der englischen Sprache weitere Veränderungen in Bezug auf die Musik des Singer-Songwriters. Die Gitarre dient zwar immer noch als stilbildendes Merkmal der Stücke, wird aber ergänzt um atmosphärische elektronische Sounds, Streicher und Percussions, die immer wieder in den Vordergrund drängen. Der Gesang wird ebenfalls ein wenig mehr in de Hintergrund gestellt, bzw. eher als Instrument eingesetzt. So muss man beim Opener „This Is Not The Start“ etwas mehr als eine Minute warten, bis Hannes Wittmer mit seiner sanften Stimme einsetzt. Das Stück entfaltet sich mit beinahe Stakkato-artigen Rhythmen, zu denen der Würzburger fast meditativ singt. Deutlich verspielter wird es mit „Ghost Stories“, das mit allerlei Keyboard-Spielereien daher kommt und zu den wohl bisher poppigsten Stücken des Musikers gehört. Völlig andere Töne stimmt Hannes in der Folge zum Beispiel mit „The Art Of Giving“ in an. Einsam ist hier eine Gitarre zu hören, die nur von leichten Keyboardklängen und hintergründigen Streichern begleitet wird. Erst gegen Ende setzt auch ein wenig langgezogener, trauriger Gesang ein, der die passende Melancholie für das folgende Stück aufkommen lässt.

Genau in der Mitte ist nämlich mit „Lessons“ eines der größten Highlights des OTAGO Debüts platziert. Ein Song, das sich wieder mit leichtem Stakkato immer weiter verdichtet. Leicht heiser singt Wittmer zu einer hellen Gitarrenmelodie, die sich repetitiv durch den Song zieht und dem Hörer wie der Faden der Ariadne hilft im Sounddickicht, das in der Mitte mit stampfenden Drums dramatisch brodelt, nicht die Orientierung zu verlieren. Allein für dieses Stück lohnt es sich in die Musik von OTAGO reinzuhören, mit der Hannes Wittmer in der Folge immer andere Experimente wagt, die manchmal an The Notwist, Jonsí, Kings Of Convinience und auch Radiohead erinnern. Ob es auch Spaceman Spiff Fans zusagt, die sonst eher den gefühlvollen Singer-Songwriter mögen, der meist nur von einer Gitarre begleitet seine Geschichten erzählt, ist eine andere Frage aber für die hat der Würzburger dieses Album schließlich nicht aufgenommen, sondern vor allem als Neuordnung und Selbstfindung. Die gelingt ihm und mündet in einem Album, das über weite Strecken zu fesseln vermag und mehr als nur die Emanzipation eines Singer-Songwriters von seinem alten Ich ist.

OTAGO auf Deutschland-Tour

28. März 2017, Düsseldorf – FFT
29. März 2017, Kassel – Schlachthof
30. März 2017, Köln – Artheater
03. April 2017, Wiesbaden – Schlachthof
04. April 2017, Freiburg – Stadttheater
05. April 2017, Würzburg – Cairo
06. April 2017, Regensburg – Heimat
07. April 2017, Dresden – Scheune
09. April 2017, Berlin – Privatclub
10. April 2017, Leipzig – Werk2
11. April 2017, Hamburg – Uebel & Gefährlich


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Foto: Christoph Naumann

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