Rezensionen

Nils Frahm – Screws

Nils Frahm - Screws

Es ist schon unfair. Eigentlich lässt einem der Berliner Ambient- / Neo-Klassik-Komponist Nils Frahm nie eine andere Wahl, als seine Alben als „verträumt“, „traumwandlerisch“ oder auch ganz schlicht als „schön“ zu bezeichnen. Seit 2005 hat der Musiker 13 unterschiedliche Releases veröffentlicht, von der Kollaboration, über EP’s bis zu Alben. Alle bieten ruhige Klaviersounds mit verschiedenen Ausprägungen und Stimmungen, wegen der Frahm gern in die Nähe seines Labelmates Ólafur Arnalds gerückt wird. Dass er da gut aufgehoben ist zeigt wohl auch deren Kollaboration „Stare“, die sie dieses Jahr rausbrachten. Mit „Screws“ feiert er jetzt auch schon seinen sechsten Release auf Erased Tapes und liefert kurz vor Weihnachten nicht nur einen der letzten Releases, sondern auch eines der letzten Highlights. Warum das ganze nun unfair ist? Ganz einfach, will man über die Musik von Frahm schreiben klingt das eigentlich immer gleich, weil viele vor einem schön darüber geschrieben haben und versuchten ihre Begeisterung für die Pianoklänge von Nils Frahm in Worte zu fassen. So klingt eigentlich alles Geschriebene zu Frahm ähnlich, obwohl seine Alben doch so unterschiedlich sind.

Und auf die Gefahr hin, dass es auch bereits viele Kollegen geschrieben haben, zu „Screws“ gibt es eine nette Anekdote für den Einstieg. Beim Sturz aus einem Hochbett brach sich Frahm nämlich einen Daumen. Dumm gelaufen so als Pianist mag man denken. Frahm handelte ganz pragmatisch, trainierte seine restlichen Finger und nahm „Screws“ auf. Als der Gips ab war, war „Screws“ auch schon fertig. Das ungeschulte Ohr hört allerdings nichts vom Handycap des Musikers, Pianisten und Musiker eventuell schon, aber das dürften die wenigsten unserer Leser und seiner Fans sein. Ein Album aus neun Songs aufgenommen mit neun Fingern. Klingt doch gut als Beschreibung. Eine weitere Besonderheit dürfte auch der Einstiegspreis für die digitale Version sein, die ist nämlich gratis zu haben (zum Beispiel über das Soundcloud-Widget unten).

Der Name „Screws“ ist der Tatsasche geschuldet, dass Frahm’s Daumen mit Schrauben befestigt wurde und die Songtitel sind mit der Tonleiter sowie den Worten „You“ and „Me“ auch recht pragmatisch gewählt. Ob die Songs auch jeweils in der angegebenen Tonart gespielt sind müssten Musiker beantworten. Die Stücke selbst fließen ruhig und mit wunderbarer Eleganz daher. Die Produktion ist auf’s nötigste zurückgefahren und erlaubt auch mal, dass man hört, wie sich Frahm auf seinem Hocker zurechtrückt oder eine Seite umblättert. Auch wenn Frahm die Songs als „kleine Stücke“ bezeichnet eignen sie sich für großes Kopfkino ebenso, wie für kleine Tagträumereien. Das Besondere ist, dass es Frahm hier wie immer gelingt Pop wunderbar mit Klassik zu verknüpfen und anspruchsvolles Klavierspiel sowie ein gutes Gespür für eingängige Melodien liefert. Die Klangfarbe ist dabei häufig dunkel, aber nie trantütig oder übertrieben traurig. „Screws“ ist auf jeden Fall mehr als nur „neun Songs mit neun Fingern“, auch wenn der Musiker das Album auf diese Botschaft beschränken möchte.

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