Rezensionen

Marc O’Reilly – My Friend Marx

Marc O'Reilly - My Friend Marx

Eigentlich ist Irland ja nicht so weit. Die grüne Insel westlich von England ist in knapp einer Stunde mit dem Flugzeug zu erreichen und erlangte in diesem Jahr wieder einmal mediale Aufmerksamkeit. Negativ durch die hohe Staatsverschuldung und positiv durch den tapferen Kampf ihrer Nationalmannschaft bei der Fußball Europameisterschaft. Zu Ehren hat dem Land beides nicht gereicht und abgesehen davon ist auch nicht viel von der Heimat der Kobolde nach Europa gedrungen. Die englischen Nachbarn sind immer laut und präsent in den Medien, dass Irland häufig nur ein Schattendasein fristet und der musikalische Horizont vieler bereits bei U2 endet. Natürlich hat das Land über Bon Vox hinaus noch viele weitere Songwriter zu bieten. Viele auch, die dann ganz dem Begriff Singer-Songwriter nach nur mit einer Gitarre bewaffnet in die Welt hinaus wandern. Conor J. O’Brien zum Beispiel erlangte 2010 große mediale Aufmerksamkeit in der europäischen Indieszene mit seinem Debüt als Villagers. Letztes Jahr war dann James Vincent McMorrow angesagt und derzeit erobern auch endlich Lisa Hannigan und Glen Hansard die Herzen der Deutschen, obwohl sie teils schon mehr als zehn Jahre in der Musikszene aktiv sind.

Marc O’Reilly ist auch einer dieser Musiker, die schon in diversen Bands in der irischen Szene aktiv waren. Bereits Anfang des letzten Jahres veröffentlichte er sein Solo-Debüt „My Friend Marx“, das nun auch einen Release in Deutschland feiert. Der Titeltrack und Opener gibt dann auch direkt die Richtung des Albums vor. Rhythmische Gitarrenpickings im Stil eines Nick Drake treffen auf eine leicht rauchige Stimme, die sehr an Songwriter-Größe Ray LaMontagne erinnert. Unaufgeregt und manchmal fast gehaucht singt der Ire von vergangenen Träumen. Dabei bringt er die Desillusionierung des Ich-Erzählers herrlich anrührend rüber, ohne, dass er in Schmalz abdriftet. Vielmehr schafft er es sogar beinahe eine leichte Gänsehaut zu zaubern, wenn gegen Ende die Streicher einsetzen. Bei „The Scottish Widow“ bringt er dann einen unterhaltsamen Blues-Sound in seine Musik und erinnert auch durch die Art des Vortrags an den Wahl-Londoner Jamie N. Commons. Auch hier lebt der Song vom gesanglichen Vortrag. Die Instrumentierung ist karg und auf das Wesentliche reduziert.

Allerdings stört es auch nicht, wenn er seine Songs auch einmal durch einen Chor anreichert, auch wenn das bei „Hail“ doch schon etwas nah an den Kitsch geht. Ein weiteres Manko ist, dass O’Reilly einige Motive etwas zu häufig wiederholt, ohne dass der Hörer dem etwas Neues abgewinnen könnte. In positiven Momenten sieht man dadurch einen Musiker, der sich bis zur Ekstase in seinen Song reinsteigert, in negativen Momenten hat es er den Charakter des Schäfchenzählens. Eine gewisse Leidenschaft und viel handwerkliches Geschick, merkt man O’Reilly jedoch immer an und so ist „My Friend Marx“ eine interessantes Debüt eines Songwriteres, der bald ja vielleicht auch in Festland-Europa bekannter ist.


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