Rezensionen

Manic Street Preachers – Journal For Plague Lovers

„Journal For Plague Lovers“ heißt das neue Manic Street Preachers Album mit dem die Band ihrem vermissten Freund, Gitarristen und Lyrik-Schreiber, Richey Edwards, Tribut zollen will. So war von Anfang an der Gedanke nahe liegend, dass es an das letzte gemeinsame Album der Band „The Holy Bible“ anschließen sollte. Und die Anknüpfungspunkte werden zunächst offensichtlich gelegt, zum einen durch wiederum ein Jenny Saville Bild auf dem Cover, welches einige britische Supermärkte jetzt für nicht zeigbar erklärten und die CD nur verpackt ausstellen. Sowie zum anderen durch den wesentlich raueren Klang der Songs, welcher gut in eine Übergangsphase zwischen „The Holy Bible“ und „Everything Must Go“ gepasst hätte. Textlich wird das Album zudem durch überarbeitete Versionen von Schriften gebildet, die Richey Edwards der Band kurz vor seinem Verschwinden 1995 in Form eines Heftes mit Texten und Zeichnungen hinterließ. Doch gleichzeitig scheint die Platte nicht einfach eine Wiederholung von „The Holy Bible“ zu sein, denn während in jenem Album von einem erschütterndem Thema (Kinderprostitution, Magersucht, Holocaust) zum nächsten gejagt wurde, wirkt Journal mitunter eher friedlich und hin und wieder schon fast zynisch-humorvoll.

Den Beginn der 13 Lieder plus Hidden Track macht „Peeled Apples“ nach einem Einspieler aus dem Film The Machinist (später im Album werden noch andere Filme, zum Beispiel „The Virgin Suicides“ angespielt). Klanglich ist dieses eines der Lieder, zusammen mit „Bag Lady“, „She Bathed Herself In A Bath Of Bleach“ und dem Titeltrack, die am meisten an die frühen 90er erinnern. Zudem strotzt „Peeled Apples“ mit Bildern und Referenzen (Noam Chomskys Buch „Rethinking Camelot“ über amerikanische Außenpolitik oder Falcons und Pigeons als politische Anspielungen), die sich in den Kopf bohren, obwohl ihre Entschlüsselung eine aufreibende Arbeit ist. Darüber hinaus klingt es als Lied aber, vom letzten Album abgewandt, wieder wesentlich rauer und rockiger. Anschließend zeigen „Jackie Collins Existential Question Time“ und „Me and Stephen Hawking“ eher eine humoristisch Seite. Musikalisch fast fröhlich wirkend und textlich durch viele popkulturelle Anleihen, bilden diese beiden Stücke wohl eher den seichten Teil des Albums. Darauf folgend ist „This Joke Sport Servered“ eines der besten Lieder auf Journal. Wunderschön sind die Streicher des Mittelteils, welche dem Stück dazu verhelfen sich anzuschmiegen. Zudem umfasst es mit „Facing Page: Top Left“ und „Doors Closing Slowly“‚ den sanften Part der Platte. In ihrer Ruhe schaffen es diese Stücke eine fast friedliche Stimmung aufzurufen, die jedoch mit einer schauderhaften Hoffnungslosigkeit gepaart ist. So zum Beispiel in der Zeile „This Beauty Here Dipping Neophobia“ aus „Facing Page“, die im Zusammenhang einen Themenkomplex der Kritik an Ärzten und Therapien aufmacht, welcher das Lied an andere wie „Journal For Plague Lovers“ oder „Virginia State Epileptic Colony“ bindet. Vielleicht ist hierdurch auch der im voraus hin und wieder aufgemachte Vergleich mit Elliott Smith zu erklären, aus dessen Liedern man oft eine ähnliche Kritik herauslesen kann. Zu anderen vorher bemühten Vergleichen gehört die Verbindung über Produzent Steve Albini zu Nirvana. Ohne sich zu sehr zu strecken, kann man diesen Anknüpfungspunkt wohl aber nur bei „She Bathed Herself In A Bath Of Bleach“ heranziehen. Dessen Dramatik und Wut dann auch Sänger James Dean Bradfield mal wieder zum Schreien bringt. Dagegen wirkt „Marlon J.D.“ musikalisch wesentlich moderner, obwohl gerade hier der Text auf den mit Marlon Brando und Elizabeth Taylor besetzten Film „Spiegelbild im goldenen Auge“ von 1967 bezogen ist. Interessanterweise hat man, auf der anderen Seite wiederum, bei verschiedenen Liedern wie „All Is Vanity“ und „Pretension/Repulsion“ das Gefühl eine wahnsinnig aktuelle Medienkritik mit rauszuhören und spürt gleichzeitig auch wieder die Abscheu, die damals auch schon „The Holy Bible“ durchzog. Der Abschluss des Albums erinnert dann doch am meisten an den Tributbegriff, der die Platte überschattet. „Williams’s Last Words“ verweist nicht nur vom Titel her an einen Abschiedsbrief, sondern auch die Zeilen erschweren diesen Eindruck. Ausnahmsweise von Richey Edwards besten Freund und Manics Bassist Nicky Wire gesungen, macht dieses Lied dann auch den persönlichsten und melancholischsten Eindruck. Aufgehoben wird dieses allein durch das Wissen, dass die Lyriks aus einem zweiseitigem dialogartigem Prosatext herausgelöst worden sind und der im Hidden Track folgende „Bag Lady“ Einsatz „I Am Not Dead“, durch den wiederum ein Augenzwinkern eingeschoben wird. Insgesamt ist auf dem Album durch solche Spielereien mit viel Fingerspitzengefühl gearbeitet worden, um nicht den einfachen Weg zu gehen und es in einen melodramatischen Tribut zu verwandeln, sondern eher das Gefühl zu vermitteln nach all den Jahren wieder eine Platte zu viert, mit Richey, zu machen. Man hört 1995, man hört aber auch das Neue und am Ende hat man auch noch wirklich interessante, gut Lieder und das losgelöst von jeglichen Rockmythen um verschwundene Gitarristen.

Rating: ★★★★½
Manic Street Preachers

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