Rezensionen

Langstreckenläufer – Metamere Memory

1959, also vor genau 50 Jahren veröffentlichte Alan Sillitoe mit „Die Einsamkeit des Langstreckenläufers“ eine Erzählung über einen 17-jährigen, der nach dem Tod seines Vaters und dem verjubeln der Versicherungsprämie in der Armut landet, sich damit aber nicht abfinden will und mit einem Freund einen Diebstahl begeht. Er wird allein schuldig gesprochen und kommt  daraufhin in einer Besserungsanstalt, in welcher der Direktor sein Talent zum Langstreckenläufer entdeckt. Damit wird beim Hauptcharakter ein Zwiespalt zwischen Leidenschaft für den Sport und Auflehnung gegen den Direktor und die Gesellschaft entfacht. Erzählt wird die Geschichte als innerer Monolog des Hauptcharakters, der sich kurz vor der Ziellinie eines Wettkampfs befindet und zwischen Rückblenden die rasend schnell verlaufen und Moment-Aufnahmen in Slow-Motion hin und her wechselt. Stetiges Thema, die Identitätsfindung, das Sinnieren über das was in der Welt um ihn herum falsch läuft und vor allem, wie es ihm gelingen kann, aus dieser Welt auszubrechen. Kein Ausbruch im wörtlichen Sinne, sondern eher ein spirtiueller.

Fünfzig Jahre später haben diese Themen natürlich immer noch Relevanz und spiegeln sich auch in der Musik von Langstreckenläufer wieder. Die hätten sich auch nicht besser benennen können, wechselt ihre Musik und ihre Geschichten doch auch zwischen Realitätsbetrachtung, Träumereien und knallharter Gegenwartsanalyse. Wie der Langstreckenläufer in der Geschichte suchen sie dabei vor allem nach der Entschleunigung des Alltags, sie lassen sich gern überholen, Tempo können andere machen, herzerwärmende Stimmungen lassen sich auch viel besser langsam erzeugen. Das schaffen Lansgstreckenläufer auf ihrem nunmehr dritten Album dann auch mit viel Präzision und Liebe zum Detail. So bedienen sie sich im Opener „Der Teufel ist ein Eichhörnchen“ zwar einem unserer Hasssprichwörter, erzählen aber dennoch eine tolle Geschichte mit stimmiger, zurückgelehnter Indie-Pop-Instrumentierung. Dabei lassen sie gerne auch elektronische Spielereien mit einfließen, die sind aber nie aufdringlich, sondern fügen sich harmonisch in die häufig zerbrechlichen, sich manchmal auch sphärisch steigernden Arrangements ein. „Metamere Memory“ ist einer dieser Songs, die verhalten anfangen und sich dann immer weiter steigern, um in diesem Fall zum vergleichsweise lautesten Moment des Albums heranwachsen. Warum genau Etienne von 1984 beim hören des Albums (bald mehr dazu) ausgerechnet an „Sea Change“ von Beck dachte ist nicht ganz klar, klanglich ist „Metamere Memory“ eindeutig mehr im deutschen Indie-Pop zu verorten. Von der Stimmung her gesehen hat Etienne aber recht, denn dem Album wohnt wie Beck’s „Sea Change“ diese tiefe Melancholie inne, die sich ähnlich wie beim Langstreckenläufer aus der Erzählung in einer ganz eigenen Form der Weltflucht manifestiert. Auch wenn „Metamere Memory“ sich in seiner Nische deutscher Indie-Pop in einem mit anderen Bands schon recht übersättigtem Genre bewegt und stellenweise vielleicht ein paar Längen aufweist, ist das Album dennoch eine echte Bereicherung für jedes CD-Regal und eine große Hilfe, bei der Entschleunigung des eigenen Alltags.

Rating: ★★★½☆
Langstreckenläufer
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