Rezensionen

Komplizen der Spielregeln – Lieder vom Rio D‘Oro

Komplizen der Spielregeln? Was ist denn das eigentlich für ein Name für eine Band? So recht passen will er nicht, wenn man sich die dazugehörige Musik das erste Mal zu Gemüte führt. Dann die Frage: Oder etwa doch? – Antwort: Doch.

Der Name ist Programm. Die Fünf aus Köln legten 2009 mit ihrem ersten Album „Es wird nur noch geatmet“ schon ein ziemliches Stück verwirrender Texte und verwirrender Melodien hin. Es wurde gespielt mit den Klischees der Gesellschaft. Genau das erleben wir nun auch auf dem Nachfolger in konsequenter Weiterentwicklung. Die Melodien bleiben eins: schön, toll, tanzbar, irgendwie indie, aber anders. Im Kontrast dazu, wie gewohnt, die Stimme von Sänger und Texter Tobias Ortmanns. In seiner Stimme gibt es eigentlich fast nichts Melodisches. Er redet, er fragt, er schreit, er kritisiert, er verteidigt Standpunkte, er betet Weisheiten herunter, die jeder von irgendwelchen Erziehungsberechtigten in seiner Kindheit wohl schon mal gehört hat, er bedient sich einiger Floskeln und zieht diese mal ordentlich über das Kopfsteinpflaster der Gesellschaft, er nimmt Wörter auseinander, spielt mit der Sprache.

Das erste Lied vom Rio D’Oro nennt sich „Weltmarktführer“. Tobias singt leise und fast zärtlich: „Nimm mich in den Arm und lass uns in Bildern reden. Denn unser Weltmarktführer ist im Krieg.“ Ein Satz. Eine kurze Einleitung in das Album, die bereits nachdenklich stimmt.

Direkt im Anschluss setzen die Gitarren ein… zu „Befehl von oben“. Auch hier ist klar, worum es geht. Es wird einem fast zu viel und es wird fast unmöglich denn den kompletten Text in seiner Gesamtheit zu erfassen. „Mit der Kopie der Kopie fahren wir besser.“ – Wie in einer Art Trance wird dieser Satz von Tobias in diesem tollen Song immer wieder aufgegriffen.

Das ist Kritik am System, an der Gesellschaft. Wäre die musikalische Untermalung anders und die Aussprache aggressiver, könnte man es Punk nennen, aber so?

Mein Highlight der Platte folgt beim Einsetzen des dritten Titels namens „Ansichtskarte“. Hier dominieren die Beats den Song. Der Text schmiegt sich in den Strophen an den Klang der Gitarren an. Der Refrain ist verstörend wie immer. Gegen Ende kommt ziemlich unerwartet, aber nicht weniger passend ein Chor. „Machen“ ist ebenfalls richtig gut gelungen. Ein etwas ruhigerer Titel. Bei „Version“ wird Ausnahmsweise auf die akustische Gitarre zurückgegriffen. Das ist neu und wirkt gleichzeitig auch noch.
„Aufmerksamkeit“ schreit nach… Aufmerksamkeit. Wonach auch sonst? Der für mich verstörendste Song des Albums, dicht gefolgt von „Die Aufständischen“ und „Deutschland 404“. Das sind die Komplizen, wie ich sie kenne und Anfang 2009 für mich entdeckt habe. Ruhig verabschieden sich die Kölner. Mit dem Titel „Ziel“ beenden sie ihr Zweitwerk und haben mal wieder ein wunderbares Wortspiel im Text.

Eins kann man sagen: Sie haben dazu gelernt. Die „Lieder vom Rio D’Oro“ sind vielseitiger und bringen den besonderen Stil ihrer Komponisten noch weiter heraus als der Vorgänger. Meiner Meinung nach ist für so eine Musik die deutsche Sprache erschaffen worden. Das klingt vielleicht etwas dick aufgetragen, aber die Komplizen der Spielregeln sind direkt, denken um ziemlich viele Ecken, haben Kanten, sind interessant und verworren. Zusätzlich erreichen sie eines… man beginnt nachzudenken. Leider werden wohl die Wenigsten, die das wirklich mal tun sollten, zu dieser Platte greifen.

Rating: ★★★½☆
Komplizen

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