Rezensionen

Jay Brannan – In Living Cover

In der amerikanischen Serie „Gilmore Girls“ gibt es einen Stadttroubadour, gespielt von Grant-Lee Phillips (Grant Lee Buffalo), dessen Aufgabe darin bestand in einigen Szenen einfach rumzustehen und mit seiner akustischen Gitarre bewaffnet ein paar Songs vorzutragen. Das tat er immer so toll, dass sich der Troubadour zu meinem geheimen Lieblingscharakter in Gilmore Girls entwickelte. Schade war da eigentlich nur, dass das Soloschaffen von Grant-Lee Phillips auf seinen Alben immer hinter meinen Erwartungen zurück blieb. Er ist eben Grant-Lee Phillips und nicht der Troubadour. Einzig das Album „NINETEENEIGHTIES“ zeigte den Troubadour, denn der coverte auch meistens Popsongs aus allen Dekaden, Grant-Lee Phillips auf jenem Album eben Klassiker aus den 80ern. Was das nun mit Jay Brannan zu tun hat? Ganz einfach, der New Yorker Songwriter wirkt wie die Übertragung des Troubadours in einen realen Musiker.

Klingt komisch, aber wenn man Jay Brannan zuhört kann man ihn sich perfekt, nur mit seiner akustischen Gitarre bewaffnet in der Szenerie einer amerikanischen Kleinstadt vorstellen, wie er da in Pavillons und Parks seine Lieder trällert. Ähnlich dem Troubadour beschränkt sich Brannan auf seinem dritten Album „In Living Cover“ zudem beinahe komplett auf Coverversionen, denn unter den neun Stücken verbergen sich nur zwei Eigenkompositionen. Die neun Stücke hat der geborene Texaner, der übrigens wie Scott Matthew durch den Film „Shortbus“ bekannt wurde, beinahe komplett nur auf seiner akustischen Gitarre eingespielt, in ein paar Stücken kommt auch noch ein Klavier zur Verwendung, die sind aber in der Minderheit. Gerade im Opener „Beautifully“, einer Eigenkomposition, zeigt sich Brannan’s Talent für kleine romantische Popsongs. Sanft zupft er seine Gitarre, zieht die Vokale, intensiviert seinen Gesang zum Refrain und haucht dann in den Strophen beinahe wieder. Mit ganz wenigen Mitteln erschafft er hier eine wohlige Atmosphäre, in der man sich gern verliert. Das Cello in „Say It’s Possible“ (im Original von Terra Naomi) verleiht der schönen Ballade eine zusätzliche klagende und schmerzhafte Note und verdichtet die Atmosphäre. Die Interpretation von Joni Mitchell’s „All I Want“ hingegen gefällt sich etwas zu sehr im Brannan-Gewand und verliert sich etwas in Gleichgültigkeit. Den Tiefpunkt erreicht „Living In Cover“ dann bei der Dylan-Coverversion „Blowin‘ in the Wind“, das Brannan mit Schellenkranz und etwas übertrieben wirkender Pathos-Geste eingesungen hat. Die weiteren Songs heben den Schnitt allerdings wieder und zeigen sich als gefällige akustische Trommelfellschmeichler, wie etwa das Cranberries Cover „Zombie“, das mit Cello und im akustischen Gewand beinahe noch (an)klagender wirkt als das Original. Wie der Beginn des Albums ist der Schluss auch wieder eine Eigenkomposition, die hört auf den Namen „Drowning“ und gibt sich als unaufdringliche Piano-Ballade, die zwar stellenweise etwas leierig wirkt, aber dennoch einen schönen Abschluss bildet.

Rating: ★★★☆☆ (ein Punkt Abzug für das Dylan-Cover)
Jay Brannan
Jay ist übrigens im September auf Deutschland-Tour:

07. September, Köln, Stadtgarten
08. September, Frankfurt am Main, Nachtleben
09. September, München, 59:1
11. September, Berlin, Frannz Club
12. September, Hamburg, Knust

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