Rezensionen

Helgi Jónsson – For The Rest Of My Childhood

Der Isländer Helgi Jónsson ist eigentlich ausgebildeter Posaunist. Aber wie bereits in der Dokumentation Music From The Moon über die isländische Musikszene zu sehen ist, ist eigentlich jeder Isländer, der irgend etwas mit Musik zu tun hat gleich Multiinstrumentalist und spielt in zehn Bands zugleich. Dieses Klischee erfüllt Helgi wie zufällig. Bereits 2005 präsentierte er sich auf seinem Debüt-Album „Gloandi“ am Klavier, an der Gitarre und natürlich immer auch mal mit Posaunenbegleitung. Mit Sigur Rós hat er übrigens auch schon zusammengearbeitet, aber das hat ja anscheinend jeder isländische Musiker, so will es zumindest das Klischee. Ein weiteres dieser Klischees ist, dass isländische Musik immer exotisch, fragil, voller Luft zur Melodienentfaltung und wie von einer anderen Welt ist. Musik vom Mond eben. Man mag es dann auch fast nicht wieder sagen, aber genau so klingt Helgi Jónsson’s zweites Album „For The Rest Of My Childhood“.

Wie die Mondoberfläche, oder auch Island (soll ja so ähnlich aussehen, nur mit Geysiren) präsentiert sich Jónsson in kargen, weiten Landschaften, die er mit seinen Melodien aufblühen lässt und verwandelt. Am Anfang ist da nur ein Klavier, zu dem er zunächst mit entrückter Stimme singt. Eine verzaubernde Stimme irgendwo in der Nähe von Thom Yorke und Jón (Jónsi) Thór Birgisson von Sigur Rós. Dazu gesellen sich noch eine Gitarre, aus der kargen Landschaft sprießen zarte Knospen, die fragil wirken, wie der Song selbst. Song 2, „September“ wirkt dann beinahe wirklich so, als hätten Radiohead und Sigur Rós gemeinsame Sache gemacht und ein Herz zereißendes, lautes, aber doch zerbrechliches Stück Progressive-Pop. Jónsson jault wunderbar, springt zwischen isländisch und englisch und schürft ganz tief in seinem Seelenleben. Streicher und eine Posaune runden das Stück ab. „Digging Up A Tree“ ist dann beinahe schon ein Ausflug in gefällige Singer- / Songwriter-Gefilde mit rhythmischer Akustik-Gitarre und einem gewissen Pop-Appeal. Songs, wie „Waltz“ und „Love Mind“ zeigen Jónsson dann noch eine Spur reduzierter und mit einem noch größeren Maß typisch skandinavischer Melancholie. Hier erinnert er etwas an Teitur, der mit wenigen Mitteln und viel Melancholie auch großartiges Kopfkino erzeugt. Diese Mischung aus bombastischen Momenten und dann wieder reduziertem Songwriting in bestem Garagen- / LoFi-Format machen „For The Rest Of My Childhood“ zu einem, auch wenn es abgegriffen klingt, herrlichen Stück isländischen Songwritings. Einem wundervollen Album voller Musik vom Mond eben.

Rating: ★★★★½
Helgi Jónsson
Helgi Jónsson auf Tour mit Tina Dico

21. Oktober, Capitol, Mannheim
22. Oktober, Kulturkirche, Köln
23. Oktober, Vest Arena, Recklinghausen
24. Oktober, Musik Hall, Worpswede
25. Oktober, Max, Flensburg
27. Oktober, Bahnhof Langendreer, Bochum
29. Oktober, Jazzhaus, Freiburg
30. Oktober, Café Hahn, Koblenz
31. Oktober, Centralstation, Darmstadt

Solo

24. November, CH-Zürich, Hafenkneipe
25. November, 59:1, München
26. November, A-Wien, B72
27. November, Studio 672, Köln
28 November, Prinzenbar, Hamburg
29. November, Admiralspalast 101, Berlin

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