Rezensionen

Glasvegas – Glasvegas (s/t)

glasvegasGlasvegas haben es uns nun wirklich nicht leicht gemacht, erst covern sie Nirvana’s „Come As You Are“, dann feiert der NME das Quartett aus Glasgow als die legitimen Nachfolger von Oasis, als nächstes unterschreiben sie ausgerechnet bei einem Major-Label und beim Auftritt in der Essener Grugahalle im Rahmen des Rockpalast-Festival verschwinden sie hinter einer breiigen Soundwand und jeder Menge Nebel. Aber das soll uns nicht hindern, es doch mit Glasvegas zu probieren, den NME kann man ignorieren, ein Major ist kein Verbrechen und Travis hatten auch schon mal besseren Sound, als beim Rockpalast-Festival. Das überzeugendste Argument für Glasvegas aber, dieses irritierende Gefühl nach dem ersten Durchlauf des Debüt-Albums, ein Gefühl das sich etwa so in Wort fassen lässt, „verdammt noch mal, da steckt viel mehr hinter dieser vermeintlichen Hochglanz-Fassade, als man denken mag“. Diese Hochglanz-Produktion widerspricht ganz offensichtlich und auch gewollt dem momentanen DiY-Trend in der Indie-Szene und führt dazu, dass viele die Band gleich ob dieses Umstands abtun. Glasvegas wollen polarisieren.

Dazu kommen noch die Themen aus der Arbeiterklasse, die Sänger James Allan mit seinen Kollegen anspricht, die wollen einfach nicht zum vermeintlichen „Rockstar-Sound“ passen und so wird der Band fehlende Authentizität unterstellt. Ein offensichtlicher Fehler, denn wenn jemand die Stimme der Arbeiterklasse kennt, dann wohl James Allan, der vier Jahre von Arbeitslosenunterstützung am absoluten Existenzminimum lebte und sich nur durch Gelegenheitsjobs über Wasser hielt. So singt er also vielmehr seinen Landsmännern aus der Seele, statt sich künstlich zu verstellen. Da ist es dann umso berührender, wenn er in „Flowers & Football Tops“ den Mord an einem achtjährigen Schuljungen in Glasgow 2003 thematisiert, oder in „Daddy’s Gone“, das wie ein Liebeslied klingt, über die nie erwiderte Liebe seines Vaters singt. Dabei sind die Stücke immer getragen von düsteren, noisigen Gitarren-Feedback-Gewittern gepaart mit einem stampfenden Schlagzeug und einem hämmernden Bass. Das markanteste Merkmal ist aber wohl Allan’s Gesang, wie der Region, der er entstammt singt er in tiefstem schottischen Akzent, flechtet Kinderreime in die Texte ein, bedient sich bei Oasis („Stop The Clocks“ und „What’s The Story Morning Glory“ im Song „It’s My Own Cheating Heart That Makes Me Cry“) und trägt bei „Stabbed“, nur hinterlegt von Beethoven’s „Mondscheinsonate“ einen Text über Bandenkriege in Glasgow vor. Mit diesen Mitteln stricken Glasvegas dicht wabernde Soundwände, die sich mal hymnenartig hochschaukeln, wie bei „Geraldine“, mal den Punk-Wurzeln Rechnung tragen („Go Square Go“) und trotz düsterer Grundstimmung immer ein Quantum vorsichtigen Optimismus enthalten. Glasvegas scheinen Happy-Endings zu mögen und so lassen sie auch am Ende des Albums den „Ice Cream Van“ kommen. Hinter der vermeintlichen Hochglanz-Fassade verbergen sich also eine detailreiche Instrumentierung und vor allem geschickt verpackte Texte. So sind Glasvegas zwar ein Meinungsspalter, aber einer, mit dem man sich auf jeden Fall etwas intensiver auseinandersetzen sollte, denn ihr Debüt-Album ist einfach viel zu gut, um ihm nicht wenigstens eine Chance zu geben.

Video zu „Flowers & Football Tops“


Myspace // Homepage // Label

Discussion

Comments are closed.

Archive