Rezensionen

Deerhunter – Halcyon Digest

Das dunkle Artwork des vierten Albums „Halcyon Digest“ von Deerhunter ist irreführend, denn die Musik klingt alles andere als dunkel und passt gut in den Frühling. Die lyrische Seite zeigt, was Vielen schwerfällt: Das Gute im Schlechten und das Schlechte im Guten sehen. Zeigt, dass diese Musiker nicht nur musikalisch vielschichtig denken.

Die Band scheint es darauf angelegt zu haben, falsche Erwartungen zu wecken – denn auch der Opener „Earthquake“ ist irreführend. Elektronische Spielereien, verzerrte Ambient-Klänge und diffus aufgenommener Gesang schweben wie ein Nebel in der Luft. Doch schon der zweite Song „Don’t Cry“ zeigt die eigentliche musikalische Richtung. Er erinnert an die Popmusik der 60er mit einer Portion Shoegaze. Was alle Songs miteinander verbindet und der 60er-Bezug bereits andeutet, ist die Produktion. Die neblige, knarzige Aufnahme erinnert an 50 Jahre alte Vinylplatten.

Die Vorab-Single „Revival“ lädt zum Tanzen auf grün-saftigen Frühlingswiesen ein – wunderschön fröhlich mit flinker Fingerfertigkeit an der Gitarre besingt Bradford Cox die Rettung vor der Einsamkeit, wobei „freedom“ als negativ beschrieben wird und zu besagter Einsamkeit beiträgt.  „Sailing“ nimmt dem ganzen Optimismus den Wind aus den Segeln – zumindest musikalisch, wenn ruhigere Töne angeschlagen werden. Der Text handelt vom Positiven im Negativen.  Thema ist das Leben auf einem Schiff – ohne Essen und Wasser. Doch dies wird als „good“ beschrieben.

Neben den Experimenten in „Earthquake“ finden sich viele weitere neuzeitliche Einflüsse. „Helicopter“ ist ein Beispiel dafür – ein wunderschön besonnener Track, der trotzdem vor positiver Energie strotzt und mit elektronischem „Klimpern“ endet. Doch auch das ist bemerkenswert. Denn es geht um das Ende und die damit verbundene Erlösung aus einer selbskreierten Höhle, welches wieder für Einsamkeit stehen könnte. Obwohl Cox „The light’s inside my cave“ singt, er will nicht mehr dort sein. Er möchte aufgeben und darin steckt die Freude.

Gelegentlich kommt die Mundharmonika zum Einsatz, wie auf dem countryesken „Memory Boy“ oder dem treibendem „Coronado“, dessen eingängiger Charakter durch die Produktion an weiteren Dimensionen gewinnt. Sowohl musikalisch als auch textlich zeigt sich die Vielschichtigkeit dieser Gruppe. Sie wissen außerdem, wie sie die Hörer in ein wundersames Labyrinth führen können. Scheinbare Ausgänge stellen sich  als Sackgassen heraus und ausweglose Situationen verwandeln sich in euphorische Erlebnisse.

Rating: ★★★★½

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