Rezensionen

Cortney Tidwell – Boys

Warum genau Cortney Tidwell nun den Album-Titel „Boys“ wählte ist leider noch immer unklar, vielleicht lag es ja an Lambchop-Sänger Kurt Wagner, der die Dame aus Nashville schon früh protegierte und an My Morning Jacket Sänger Jim James, der sie auch auf dem Album unterstützte. Am wahrscheinlichsten ist aber wohl, dass sie den Inhalt ihrer Songs in einem Wort zusammen fassen wollte und da geht es wie so oft im Leben einer Frau um Jungs, bzw. Männer. So weit so gut, erstaunlicheres als derlei Feststellungen gibt es dennoch vorzuweisen. Denn diese Dame kommt zwar aus Nashville, Tennessee, eine Herkunft aus Skandinavien würde man ihr jedoch viel eher abkaufen. Mit Country und dem Nashville-Sound hat sie nämlich so gar nichts am Hut, vielmehr orientiert sie sich an der Isländerin Björk und der Engländerin Kate Bush. Auch den künstlerischen Anspruch hat sie von diesen und verlässt sich eher auf ausgefeilte Kompositionen, als auf einfachen „Schönklang“. Den kennt sie natürlich auch, wählt aber lieber einen Umweg zu diesem, als den direkten Weg.

Etwa im Opener „Solid State“, der sich langsam mit sanfter Gitarre, zögerlich angeschlagenem Schlagzeug, Streichern und Tidwell’s klarer, sich langsam erhebender Gesang, der sich melancholisch in die Abgründe ihrer Seele begibt. Diese Abgründe stellen sich mit etwas Hintergrundwissen umso tiefer dar, bedenkt man, dass Tidwell vor zehn Jahren ihre Mutter, die Country-Sängerin war, der das Schicksal nicht immer einfach mitspielte, verlor und sich im gleichen Jahr auch der Sänger, ihrer Punk-Band das Leben nahm. Damals schwor sie der Musik ab und entschied sich für einen normalen Karriereweg und die Erziehung ihrer beiden Kinder. Letztlich trieb es sie zum Glück doch zur Musik zurück und damit auch zu ihrem mittlerweile zweiten Album. Nach dem Opener zieht „Watusii“ das Tempo dann richtig an und marschiert mit beinahe fröhlichem Beat und launigem Gesang daher. Hier erinnert Tidwell ein wenig an die Texanerin St. Vincent, die mit ihren Alben „Marry Me“ und „The Actor“ eine ähnlich artifizielle Herangehensweise an ihre Musik und ihre Kompositionen gefunden hat. Ihre Stimme nutzt Tidwell jedoch völlig anders, mit der schwingt sie zwischen Northern Soul, ätherischen Sounds und sphärischen Klängen, was ihren Songs immer eine gewisse esoterische Note verleiht. Immer perfekt abgestimmt auf ihre Songs, die sich zwischen verhuscht soulig („Son & Moon“) und ausgelassen rockig („So We Sing“) bewegen. Alle Songs sind atmosphärisch hervorragend aufeinander abgestimmt und laden in eine faszinierende Traumwelt. Zugute kam Tidwell dabei auch sicher, dass ihr Mann große Erfahrungen als Produzent hat und ihr unter die Arme greifen konnte. Insgesamt ist „Boys“ ein wunderbares Beispiel für Musik, die entdeckt werden möchte, mit der sich Tidwell ihre eigene winzige Nische zwischen St. Vincent, PJ Harvey und Kate Bush erschlossen hat, in der sie Musik erschafft, die sich mit jedem Hören in ihrer Schönheit weiter entfaltet und den Hörer in herrlische Traumwelten zieht. Das mag sich anstrengend anhören, aber man muss sich eben darauf einlassen und Musik auch einmal mehr Aufmerksamkeit schenken und gerade darin liegt ja auch der Charme dieser Art von Musik.

Rating: ★★★½☆
Cortney Tidwell
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Video zu „Watusii“

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