Rezensionen

Bon Iver – For Emma, Forever Ago

Eigentlich scheint die Entstehungsgeschichte eines Albums grundsätzlich egal. Selbst wenn ein Amerikaner mit dünnem Stimmchen in den Wald geht, um ein Album aufzunehmen, ist der erste Gedanke: „Na und, die Beatles haben ein Konzert auf einem Hausdach gespielt und dass ist auch unspektakulär!“. Was den Beatles Auftritt seinerzeit so spektakulär gemacht hat waren eben die Umstände, unter denen es dazu kam. So auch beim Debütalbum von Justin Vernon’s Soloprojekt „Bon Iver“.

Er machte sich nach dem Abschluss mit seiner Band und einer gescheiterten Beziehung völlig ausgebrannt in die Wälder, wünschte seinem Vater einen „Bon Hiver“ (zu deutsch „schönen Winter“) und verschanzte sich in dessen Jagdhütte im Norden Wisconsins. Zum Glück für Musikfans verfügte die Hütte über Strom und es passten genügend Instrumente rein. So verbrachte Justin dann die Tage damit, Feuerholz zu hacken, zu jagen und Musik aufzunehmen. Musik, die ihre ganze Kraft aus diesem Umfeld bezieht, weshalb die Entstehungsgeschichte zu diesem Album zur Abwechslung mal wirklich wichtig ist. Justin hat karg instrumentierte Folksongs erschaffen, die meisten nur mit Gitarre und Steelpedal, über allem stets seine fast klagende Stimme. Das klingt nach Herzschmerz und Einsamkeit, aber genau das Gegenteil ist der Fall, die Songs sind voller Wärme, Hoffnung und Zufriedenheit, wie das Kaminfeuer, das Justin des Nachts gewärmt hat. Man merkt den Stücken an, dass er, obwohl er allein war, niemals einsam war, „For Emma, Forever Ago“ klingt auch nie nach einer Abrechnung mit der Verflossenen oder seiner alten Band, sondern nach einem versöhnlichen Abschluss. So hört man im Song „Lump Sum“ sogar den Herzschlag des Waldes, der zwar nur ein elektronischer Beat ist, aber dennoch den Eindruck erweckt, Justin wäre eins mit der Natur geworden. Justins Stimme schwebt über dem Wald, der in „The Wolves (Act I und III)“ dann sogar ekstatisch zurück zu rufen scheint. Teilweise meint man sogar, man hört das Feuer im Kamin prasseln, so sehr wärmt einem das Album das Herz. So gesehen ist „For Emma, Forever Ago“ die schönste Winterplatte zum Sommeranfang.

Myspace von Bon Iver

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