Rezensionen

Arcade Fire – Reflektor

Arcade Fire - Reflektor

Mit den Kanadiern von Arcade Fire verbindet uns ein grundsätzliches Wohlwollen. Seit die Band damals ihre Debüt-EP veröffentlichte, bei der Owen Pallett noch Mitglied war und auf der bereits der Überhit „No Cars Go“ enthalten war, verfolgen wir interessiert die Karriere der Band. Die hat in der Zwischenzeit drei Alben veröffentlicht, enge Bande mit David Bowie geknüpft und einen Grammy für ihr letztes Werk „The Suburbs“ gewonnen. Eine richtige Begeisterung für ihre Musik konnten sie jedoch nie wirklich bei uns entfachen. Keines ihrer Alben hielt bei uns länger als ein paar Wochen und Jahre später hören wir uns höchstens noch einzelne Songs davon an. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war „The Suburbs“. Ein von vorne bis hinten stimmiges Werk mit viel Tiefe, das aber so sehr im Zeitgeist steckte, wie seinerzeit U2 mit „Achtung Baby“ und „Pop“. Vergleicht man die Vorberichterstattung zum vierten Arcade Fire Album „Reflektor“ drängt sich dieser Vergleich dann auch mehr als auf. Die Band ist Zeitgeist, jeder kleine Teaser wurde von der Presse aufgesogen und einem täglich im die Ohren gehauen. Es wurden beinahe Stimmanalysen gemacht, um herauszufinden, ob David Bowie da beim Titeltrack so herrlich mitcroont (ja, tut er) und Plattenläden machten am späten Abend noch auf, um eine Single mit zwei Songs für den Preis eines Albums zu verkaufen.

Den Höhepunkt erreichte der Hype im Vorfeld mit dem Kurzfilm „Here Comes The Night Time“, in dem sich Win Butler sehr gut gefiel und ein ganze Riege Promis sich über Kurzauftritte freuen durfte. Darunter auch Bon Vox und damit schließt sich auch der Kreis. Arcade Fire sind ähnlich wie U2 Anfang der 90er auf dem Höhepunkt ihres Schaffens und jedes Videos, jeder Auftritt und jedes Foto der Band wird als künstlerisch wertvoll und ausdrucksstark interpretiert. Ob es nun nur noch eine Frage der Zeit ist, bis Win als Mephisto auftritt sei einmal dahin gestellt, dass es eine gewisse mediale Überreizung mit Arcade Fire gibt dürfte aber eindeutig sein.

„Reflektor“ ist wie schon sein Vorgänger ein Doppelalbum. Wobei man dazu sagen muss, dass es an der Zahl nur 13 Songs mit 75 Minuten Spielzeit sind, was für andere Band auch normale Albumlänge ist, Doppelalbum klingt aber cooler. Produziert wurde das Album wieder von Markus Dravs, der bereits am Grammynominierten „The Suburbs“ mit arbeitete. Mit dabei war im Studio dieses Mal aber auch James Murphy von LCD Soundsystem. Der Titeltrack und Opener zeigt dann auch gleich eine etwas elektronisch angehauchtere Marschrichtung. „Reflektor“ ist ein fast acht Minuten langes Popmonstrum mit gelungenem Spannungsbogen, überraschenden Wendungen und einer Energie, die direkt ansteckend ist. Eine Stärke, die Arcade Fire schon immer besitzen. Ihre Songs sind immer treibend, das zieht den Hörer in den Bann und lässt ihn durch halten, auch wenn die Band sich in längeren Instrumentalpassagen austobt und auch einmal etwas anstrengendere Experimente bietet. Der stärkste Part des Openers dürften die letzten zwei Minuten sein, wenn die Streicherarragements von Owen Pallett stärker in den Vordergrund treten und für eine wohlige Gänsehaut sorgen. Bei „We Exist“ offenbaren Arcade Fire dann einen riesigen Pop-Appeal und bieten ein Stück mit nettem Groove und ein paar Rockgesten. Richtig packen kann das Stück jedoch nie. In der Folge fällt die Band in die Klischees, die ihnen in den letzten zehn Jahren Erfolgsgeschichte zugeschrieben wurden. Barocker Folkpop mit vielen Rockanleihen und einem ausgeprägten Popgespür, der Hipster und Chartfreunde gleichermaßen erfreuen dürfte.

Augenzwinkernd nimmt man dann zunächst das Stück „Normal Person“ auf, das sich in der Folge aber zu einem erstklassigen Rocksong entwickelt, der sich herrlich aufschwingt und eine etwas neuere Seite der Band zeigt. Mehr davon möchte man schreien. Da es hier aber nach Arcade Fire geht machen sie jedoch das, was sie wollen. Dabei bewegen sie sich auf „Reflektor“ immer wieder in bekannten Gewässern. Indiehymnen treffen auf Stücke, die als Ruhepole dienen, ein Interlude bereitet ein weiteres Stück vor und ein paar kleinere Experimente sollen den Indie-Anspruch der Band unterstreichen. Viel zu häufig wirkt es jedoch einfach nur, als wolle der Band nun mit aller Macht der ganz große Wurf gelingen, dank dem sie im Sommer die Stadien der Welt füllen dürfen. Dafür bedienen sie sich jeder Menge Zitate aus Pop- und Rockgeschichte und vergessen in den 75 Minuten viel zu häufig den Spannungsbogen. Das ist jedoch natürlich Klagen auf sehr hohem Niveau. Denn es dürfte klar sein, dass Arcade Fire derzeit nicht dem Zeitgeist nachgehen, sondern ihn ein Stück weit mit vorgeben und „Reflektor“ zu einem Meilenstein dieses Musikjahrzehnts werden dürfte. Was aber leider auch daran liegt, dass dieses Jahrzehnt immer noch davon lebt Künstler aus der letzten Dekade groß zu machen.


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    Posted by WhiteTapes Record Of The Year 2013 – das Ergebnis | WhiteTapes | Januar 1, 2014, 2:04 pm

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